So kam es, daß Holland bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, in dem nur einige Schiffe zum Handelsschutz Verwendung fanden, nicht stärker dastand als 1741 und daß 1772 der Schiffsbestand sogar nur noch 12 Schiffe über 60 Kanonen (also zeitgemäße Linienschiffe), 14 zu 50–54, 6 zu 44, 15 zu 36, 18 zu 20–24 und 1 zu 12 — also insgesamt 66 Segel — betrug. Wilhelm V., der 1766 die Regierung selbständig übernahm, versuchte den Bau der längst als notwendig erkannten Schiffe durchzusetzen, aber erst 1778, als der Krieg zwischen England und Frankreich ausbrach, beschlossen die Provinzen einstimmig, den Bau von 24 Linienschiffen (aber noch von 50 Kanonen an aufwärts gerechnet).

Im September 1780, also kurz ehe England den Krieg an Holland erklärte, war man wegen Mangels an Geld und Mannschaften nur imstande, von dem eben angeführten geringen Bestande 8 Schiffe zu 60–71 Kanonen, 10 zu 50–54, sowie 11 Fregatten von 36–44 und 20 kleinere Fahrzeuge in Dienst zu stellen. Der seit 1778 begonnene Bau von neuen Schiffen ging infolge Geldmangels und zu geringer Leistungsfähigkeit der Werften nur langsam vorwärts; erst 1783, vor dem Friedensschluß, zählte Holland im Bestande 9 Schiffe zu 70–76 Kanonen, 23 zu 60–64, 14 zu 50–54, 26 zu 36 bis 40, 12 zu 20 und 56 kleinere Fahrzeuge (Kutter, Advijsjagden und Küstenfahrzeuge). Um diese in Dienst zu stellen, wären 31000 Mann nötig gewesen; wirklich in Dienst waren jedoch nur 11 Linienschiffe über 60 Kanonen, 11 über 50, 21 schwere Fregatten, 11 Korvetten, sowie sämtliche kleineren Fahrzeuge mit einer Gesamtbesatzung von 19000 Mann. Man beabsichtigte die ganze Flotte mobil zu machen, aber infolge des Waffenstillstandes kam es nicht mehr dazu. Der Verlust an Schiffen im Kriege betrug 4 Schiffe von 50–64 Kanonen und 5 von 16–38; 7 dieser Fahrzeuge waren vom Feinde genommen.

Die bewaffnete Neutralität der Ostseemächte verpflichtete sich, an Seestreitkräften bereit zu halten:

Schiffe mit Kanonen70–7660–6640–5020–38
Rußland 316 6 9
Dänemark 6 6 4 9
Schweden 6 8 311
Gesamt15301329
45 Linienschiffe.

England hatte 1775 einen Schiffsbestand[119]: von 131 Linienschiffen: 4 zu 100 Kanonen, 17 zu 90 und 98, 99 zu 64–80, 11 zu 60, 16 Schiffe zu 54 und 4 zu 44; an Fregatten: 38 zu 32 und 36 Kanonen, 24 zu 28, 7 zu 24, 13 Schiffe zu 22 und 20, 38 Sloops zu 8–18 Kanonen. Insgesamt 269 Segel, zu denen noch eine große Zahl kleinerer Fahrzeuge (cutter, adviceboats) traten. Der Verlust im Kriege betrug 13 Linienschiffe (nur eins fiel in Feindeshand), 57 Schiffe von 20–50 Kanonen (16 genommen) und 100 Sloops sowie kleinere Fahrzeuge (50 in Feindeshand). Aber wiederum vermehrte England während des Krieges seine Flotte derart, daß um 1788 174 Linienschiffe und insgesamt 450, ja mit Einschluß der ganz kleinen Fahrzeuge 650 Segel vorhanden waren.

Hervorzuheben ist dabei, daß der Zuwachs an Linienschiffen vorwiegend in solchen zu 74 Kanonen (etwa 40 solcher) bestand; ferner waren die Schiffe zu 44 und 50 Kanonen (auch etwa um 40), sowie die Fregatten mit über 30 Kanonen (etwa um 50) besonders vermehrt. Die englischen Seeoffiziere zeichneten sich vor den französischen besonders durch seemännische Geschicklichkeit und Erfahrung, sowie infolge der vorhergegangenen siegreichen Kriege durch Kühnheit und Selbstvertrauen aus. Für die Mannschaften war gleichfalls vorzügliches Material vorhanden, hier aber trat im Gegensatz zu Frankreich bei Beginn des Krieges, wie auch früher stets, Mangel zutage, weil viele Seeleute mit den Handelsschiffen abwesend waren; es mußte beim Pressen auf minderwertiges Personal zurückgegriffen werden.

Wenn wir den Vergleich der Seestreitkräfte (vgl. Kapitel II, Seite [33]) nochmals zusammenfassen, so ergibt sich, daß die Vorteile für Frankreich und Spanien aus den neueren und besseren Schiffen durch die Tüchtigkeit der englischen Besatzungen mehr als aufgewogen wurden; auch führte England während des Krieges die Kupferung der Schiffe allgemein durch und erreichte damit eine annähernd gleiche Geschwindigkeit dieser in den Flotten. An Schiffszahl aber konnte England in diesem Kriege nicht überlegen auftreten. Sein Gesamtschiffsbestand war zwar 1778 dem der vereinigten Gegner gleich und überwog ihn 1783 bedeutend. Aber in keinem Kriegsjahre hat England auch nur annähernd so viel Schiffe in Dienst gestellt, wie der Bestand aufwies, während Frankreich und Spanien dies taten.

Es ist möglich, daß England durch Mangel an Geld, Material und Leuten beschränkt wurde, wahrscheinlicher ist es jedoch, daß der Gesamtbestand eine große Zahl von Fahrzeugen enthielt (namentlich unter den Linienschiffen[120], die nicht mehr kriegsbrauchbar waren; ein Umstand, der bei den neugegründeten Marinen der Gegner fortfiel. Da nun Englands Strategie — häufig als unrichtig beurteilt — in diesem Kriege dahin strebte, auf allen Kriegsschauplätzen stets einem Angriff gewachsen zu sein, waren die Verbündeten in den europäischen Gewässern immer und auch auf den überseeischen Schauplätzen bisweilen die Stärkeren. Man hatte in England vor diesem Kriege, obgleich er lange vorauszusehen war, den schon weit früher von Marineautoritäten aufgestellten Grundsatz aus dem Auge gelassen, die Marine stets der vereinigten Seemacht der beiden bourbonischen Königreiche gewachsen zu halten.

Eine Zusammenstellung der Indiensthaltungen während der Kriegsjahre möge Vorstehendes veranschaulichen. Die Angaben über England sind einer Tabelle aus Colomb, „Naval Warfare“, Seite 366 entnommen. Es ist die einzige ihrer Art, die in den Quellen zu finden war, und auch sie ist nach Angabe des Autors nur im allgemeinen genau, da infolge von Konvoibegleitungen, Ablösungen ausbesserungsbedürftiger Schiffe usw. beständig Verschiebungen vorkamen. Über Frankreich und Spanien war keine solche Zusammenstellung zu finden (mit Ausnahme der Angabe über Frankreich für das Jahr 1700, welche Lacour II, Seite 305 entnommen ist); wir mußten die Zahlen nach den Angaben über die bei kriegerischen Ereignissen zur Verwendung gelangten Schiffe annähernd errechnen.

Die so geschätzten Zahlen werden zu niedrig sein, denn wie bei England die Gesamtzahl der Schiffe auf den Stationen stets weit größer ist als die bei den großen Unternehmungen genannte, ist es auch bei den Verbündeten der Fall; auf beiden Seiten wurde eine gewisse Zahl von Linienschiffen durch Ablösungsfahrten, Handelsschutz und Handelskrieg, Schutz der Häfen usw. der Verwendung in den großen Schiffsverbänden entzogen. Immerhin werden die Angaben einigermaßen zu einem Vergleiche der von beiden Seiten aufgestellten Seestreitkräfte dienen können.