Diese Kreuzfahrten hatten mehr Erfolg[125] als man glauben sollte. Allerdings kamen die englischen Zufuhrschiffe ohne Deckung, und es ist kaum verständlich, weshalb die Engländer sich nicht besser vorsahen, da sie doch in Boston ganz auf Zufuhren von See her angewiesen waren. Wie stark ihre Seestreitkräfte an der Küste waren, ist leider nirgend zu ersehen, nur Laird Clowes sagt, sie seien weder stark genug noch geeignet gewesen, ihre Aufgabe zu erfüllen, und erst im Oktober habe der Chef der Station, Admiral Graves, den Befehl erhalten, seinerseits amerikanische Handelsschiffe aufzubringen. Um diese Zeit wurden schroffe Maßregeln ergriffen und zu diesen gehörten Expeditionen gegen Küstenstädte, die Feindseligkeiten begangen hatten. So bombardierte Kapitän Mouatt mit 4 Kriegsschiffen am 16. Oktober Falmouth (jetzt Portland; Maine) und legte es in Trümmer; später wurden noch andere Städte beschossen, z. B. Norfolk in Virginia, das den Gouverneur vertrieben hatte.

Die Kunde von der barbarischen Beschießung der offenen Stadt Falmouth traf am 31. Oktober gleichzeitig mit der Nachricht in Philadelphia ein, daß England deutsche Truppen angeworben habe. Beides erhöhte die Erbitterung in den Kolonien, so daß der Kongreß beschloß, eine Marine zu schaffen und den Krieg auch zur See zu führen.

Das Jahr 1776 brachte zunächst die Räumung Bostons. Die bisherige Untätigkeit der Engländer hatte den Amerikanern Zeit zur Durchführung ihrer Rüstungen gegeben; durch die von den Freibeutern gemachten Prisen hatten sie Waffen und Munition erhalten. Im März fühlte sich Washington stark genug, gegen Boston vorzugehen; Howe mußte, da Freibeuter und Winterstürme die Zufuhr an Lebensmitteln abschnitten, am 17. März die Stadt aufgeben. Er segelte auf 150 Fahrzeugen mit 7–8000 Mann nach Halifax ab, und etwa 1500 englisch gesinnte Einwohner schlossen sich ihm aus Furcht vor der Rache ihrer Landsleute an. Er überließ dabei dem Gegner ansehnliche Kriegsvorräte und später fielen diesem auch noch viele mit solchen beladene Schiffe in die Hände, die ohne Kenntnis von dem Abzuge der Engländer einliefen. Howe wollte in Halifax die Ankunft einer großen Verstärkung abwarten, die von England in Aussicht gestellt war.

Der Kriegsplan für 1776 war, mit der Hauptarmee von New York aus den Hudson hinauf nach Albany vorzugehen, bis wohin der Fluß schiffbar war, und dort einem von Kanada aus über die Seen geführten Angriff die Hand zu bieten. Außerdem war ein kleinerer Vorstoß gegen die Carolinastaaten geplant, da man hoffte, diese beiden südlichen Kolonien mit Unterstützung der zahlreichen Englandfreunde dort leicht wieder gewinnen zu können; wie aus Virginia hatten auch aus Nord- und Südcarolina die Gouverneure flüchten müssen. Im Laufe des Sommers trafen gegen 30000 Mann, darunter die deutschen Truppen, ein, so daß England einschließlich der kanadischen Milizen und der Loyalisten über etwa 40000 Mann verfügte. Gleichzeitig wurden die Seestreitkräfte vermehrt und unter den Befehl des Vizeadmirals Sir Richard Howe, eines Bruders des Generals Sir William Howe, gestellt; an schwereren Schiffen sandte man den Küstenverhältnissen entsprechend nur kleinere Linienschiffe zu 64 Kanonen und 50-Kanonenschiffe hinaus. Zahlreich scheint die Verstärkung nicht gewesen zu sein, denn noch 1777/78 verfügte Howe nur über 7 oder 8 der ersteren und 6 oder 7 der letzteren an der ganzen nordamerikanischen Küste einschließlich Kanadas. Vor Darstellung der Begebnisse auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen, auf denen überall Seestreitkräfte mitwirkten, sei das Nötigste über den Fortgang der politischen Verhältnisse gesagt.

Die Unabhängigkeitserklärung der Kolonien war schon im Mai 1775 auf dem Kongresse angeregt, und im Februar 1776 wurden sämtliche Provinzialversammlungen aufgefordert, ihren Deputierten beim Kongreß Vollmacht zur Zustimmung zu geben, als Franklin im Mai von England heimkam, Nachrichten über die schroffe Haltung des Parlaments sowie der maßgebenden Kreise dort mitbrachte und Mitglied des Kongresses ward, wurde es ihm leicht, diese Angelegenheit zu fördern. Die Zerstörung der Küstenstädte, die Anwerbung deutscher Truppen, maßlose Ausfälle der englischen Presse hatten die Erbitterung weiter geschürt, während anderseits die leicht erlangte Räumung Bostons sowie die Aussicht auf Frankreichs Unterstützung die Zuversicht hoben. Eine Kolonie nach der anderen entschied sich für die Lossagung vom Mutterlande. Ende Juni waren zwar die Deputierten von New York, Delaware, Pennsylvanien und Südcarolina, in welchen Provinzen besonders viele Loyalisten wohnten, noch nicht gewonnen, aber der Kongreßausschuß, der die Angelegenheit bearbeitete — Jefferson, Adams, Franklin, Sherman und Livingston —, wußte geschickt den Widerstand zu besiegen: Carolina fügte sich; Delaware sandte noch einen Deputierten, der für den Abfall stimmte; zwei Abgeordnete Pennsylvaniens blieben der Abstimmung fern.

So erhielten die Befürworter der Unabhängigkeit Stimmenmehrheit, und die von Jefferson entworfene Declaration of Independance ward in Abwesenheit der Abgeordneten New Yorks am 4. Juli 1776 einstimmig angenommen; aber auch die New Yorker unterzeichneten nachträglich. Man schickte nun die Gesandtschaft nach Frankreich, um sich dessen Beistand zu sichern, denn ein gewagter Schritt blieb der Abfall immerhin. Zwar rechnete man auf die Stimmung bei einem Teil des englischen Volkes und mit der Schwierigkeit der Kriegführung für England in dem schwer zugänglichen Innern der Kolonien, aber die eigenen Verhältnisse lagen auch nicht günstig. England hatte noch viele Anhänger und die übrigen Einwohner waren größerenteils zu Opfern an Gut und Blut wenig geneigt; für regelrechten Kriegsdienst waren sie weder begeistert noch geeignet, und als Milizen gingen sie heim, wenn sie ihrer zwölfmonatlichen Verpflichtung genügt hatten. Es fehlte an Mitteln; bares Geld war an und für sich wenig im Lande, etwa nur 12 Millionen Dollars, und dem Kongreß fehlte vorläufig jede gesetzliche Grundlage. Man suchte sich mit Beschlagnahme des Vermögens von Verrätern und Verdächtigen zu helfen und gab Papiergeld aus, aber die erste Quelle versiegte schnell und das Papiergeld fiel bald im Werte[126]. Die Preise aller Waren stiegen; es fehlte an Kleidung, Waffen und Unterhaltungsmitteln für das Heer. Washington und seine Freunde kamen mehr und mehr zur Erkenntnis, daß nur die Ausnutzung der weiten, wenig bevölkerten Gebiete und die Aushungerung der Engländer den Freiheitskampf so lange hinhalten konnten, bis irgendwelche Hilfe kam. Die meisten dieser ungünstigen Zustände erhielten sich bis zum Ende des Krieges, und man kann wohl mit Recht sagen, daß die Freiheit Amerikas nicht durch den Heldenmut des Volkes, sondern durch die Einsicht, Tatkraft und Aufopferung einer kleinen Zahl hervorragender Männer sowie durch die Hilfe Frankreichs errungen ist.

Der Angriff auf Charleston (Südcarolina) 28. Juni 1776. Zuerst setzten die Engländer die Expedition gegen Carolina ins Werk. Im Januar 1776 segelten 2 50-Kanonenschiffe, 4 Fregatten zu 28 Kanonen, 4 kleinere Fahrzeuge und ein Mörserboot unter Kommodore Sir Peter Parker nebst 1000 Soldaten unter Lord Cornwallis von England und trafen nach stürmischer Überfahrt im Mai bei Kap Fear (Nordcarolina) ein. Hier befand sich bereits General Sir Henry Clinton, der von Howe im Januar mit 2000 Mann dorthin gesandt war. Bei seiner Ankunft hatten sich die Loyalisten zu erheben versucht, wurden aber von den Aufständischen niedergehalten, und Clinton fühlte sich nicht stark genug, in das Land einzudringen. Bei Ankunft der Verstärkung aus England übernahm er den Oberbefehl und beschloß, Charleston anzugreifen. Die Expedition segelte am 1. Juni weiter, ankerte am 4. außerhalb der Barre vor der Einfahrt zur genannten Stadt, passierte die Barre vom 7. bis 10. Juni, griff am 28. das Fort Moultrie an, das die Einfahrt deckte, vermochte es jedoch weder von See her niederzukämpfen noch von Land aus zu erstürmen.

Der Verlauf des Angriffes war kurz folgender. (Nach Colomb, Seite 417, mit Plan, und Clowes III, Seite 372, dort sehr eingehend.) Die Haupteinfahrt, der Mainshipchannel, führt zunächst zwischen einer langgestreckten nur an ihrem Südende passierbaren Barre, und Morris-Island etwa fünf Seemeilen nördlich und wendet sich dann zwischen der Nordspitze genannter Insel und Sullivan-Island, nahe unter dieser, nach Westen der Stadt zu. Diese engste Stelle der Einfahrt ist noch etwa 4 Seemeilen von der Stadt entfernt und wurde damals nur durch ein Werk auf Sullivan-Island beherrscht — später nach seinem jetzigen Verteidiger Fort Moultrie genannt. Das Fort besaß Bastionen auf den vier Ecken, die Wälle bestanden aus Sand und waren mit zusammengefügten Palmstämmen bedeckt. Nur die Hauptfront, die nach Süden die Einfahrt bestrich, und die Westfront waren fertig, die beiden anderen erst notdürftig gegen Ersteigen gesichert. 28 Geschütze (18- und 9-Pfünder) waren aufgestellt und zwar 21 in der Hauptfront; eine von Osten nach Westen laufende Traverse deckte diese gegen Rückenfeuer, doch ein Schutz gegen Enfilieren war nicht vorhanden und die Munition war sehr knapp. Letzterer Umstand war jedoch den Angreifern nicht bekannt. Parker ließ die tiefste Stelle der Barre ausloten und ausbojen; dann erfolgte die Durchfahrt, die Fregatten und die Transporter ankerten am 7. Juni innerhalb der Barre, ein 50-Kanonenschiff folgte erst am 10., da es zur Erleichterung Geschütze hatte abgeben müssen, das zweite 50-Kanonenschiff war noch nicht eingetroffen.

Vom 9.–15. landete Clinton seine Truppen auf Long Island, einer Insel, unmittelbar nördlich von Sullivan-Island. Man beabsichtigte, das Fort aus den Schiffen zu beschießen und vom Lande her zu erstürmen. Die Wasserrinne zwischen den Inseln war aber selbst bei niedrigstem Wasserstande noch 7 Fuß tief, und da man keine Mittel zum Überschreiten hatte, genügte ein kleiner, in niedrigem Gestrüpp liegender Trupp Amerikaner, jede Mitwirkung der Gelandeten beim Angriff zu verhindern. Die Verteidiger fanden noch Zeit, ihre Befestigungen zu verstärken, denn der Angriff erfolgte erst am 28., da das zweite schwere Schiff nicht vor dem 26. zur Stelle war und am 27. ungünstiger Nordwind wehte.