Der Rückzug der Engländer vom Delaware — General Howe leitete ihn nicht mehr; er war am 24. Mai vom General Clinton im Oberbefehl abgelöst und nach England gegangen — trat tatsächlich schon im Juni als eine Folge der veränderten politischen Verhältnisse ein. Frankreich trat nach Saratoga offen auf die Seite der Amerikaner und sandte am 13. April eine längst vorbereitete Flotte ab, die ihnen zunächst am Delaware Luft schaffte. England machte zwar noch einen letzten Versuch zur Versöhnung mit den Kolonien, jedoch gingen diese nicht mehr darauf ein, sondern nahmen nach Eintreffen der französischen Hilfe den Krieg mit erneuter Zuversicht wieder auf.
Der letzte Versuch Englands zur Versöhnung. In England hatte man bislang sicher gehofft, den Aufstand bald niederzuschlagen. Die öffentliche Meinung, empört über die erfolgreiche Freibeuterei der Amerikaner, hieß alle harten Maßregeln der Regierung gut; nur die strengsten Whigs, damals in heftigem Streit mit der Regierung, traten für die Kolonien ein, erbitterten aber dadurch die große Menge nur noch mehr. Die Niederlage von Saratoga führte jedoch einen völligen Umschwung der öffentlichen Meinung herbei; man fand plötzlich die Wünsche der Kolonien billig und forderte schleunigen Frieden. Auch der König und die Regierung wurden nachgiebig, da Schwierigkeiten finanzieller Art sowie für die Beschaffung weiterer Soldtruppen aus Deutschland und endlich der Krieg mit Frankreich drohten.
Im Februar 1778 brachte Lord North eine Anzahl Bills vor das Parlament zur Bewilligung früherer Forderungen der Kolonien: Aufhebung der Verfassungsänderungen sowie des Teezolles; Befreiung von Steuern und Verwendung der Zolleinkünfte nach den Beschlüssen der Kolonien; Bevollmächtigte sollten darüber mit dem Kongreß verhandeln. Diese Beschlüsse verblüfften zwar sogar die Anhänger der Regierung, fanden aber keinen ernstlichen Widerspruch und wurden am 11. März vom Könige vollzogen. Doch die Demütigung war umsonst. Zwei Tage später übergab Frankreich die bekannte Erklärung (vgl. Seite [217]) in London und die Gesandten wurden beiderseits abberufen. Der schwerkranke Pitt sprach bei seinem letzten Auftreten im Oberhause am 7. April kurz vor seinem Tode in einer gewaltigen Rede gegen die Unabhängigkeit der Kolonien und entschied den Entschluß, auch mit Frankreich den Krieg aufzunehmen.
Die trotzdem nach Amerika abgehenden Bevollmächtigten trafen im Mai in Philadelphia ein. Obgleich sie ihre Vollmacht überschritten und Vertretung der Kolonien im Parlament wie die Verpflichtung anboten, nie wieder europäische Truppen herüberzusenden, fanden sie kein Gehör. Der Kongreß hatte den Vertrag mit Frankreich unterzeichnet und bestand auf der Unabhängigkeitserklärung. Während die Bevollmächtigten noch unterhandelten, traf der Befehl zur Räumung Philadelphias ein, der ihre Aufgabe wahrlich nicht förderte, da er den Amerikanern als ein Zeichen der Schwäche Englands erscheinen mußte und ihnen den Rücken steifte. Einige Quellen sagen, North habe die ganz aussichtslosen Unterhandlungen nur wieder aufgenommen, um bei den Franzosen Mißtrauen gegen die Amerikaner zu erwecken.
Mit dem Auslaufen der französischen Flotte nach Amerika sind wir beim Beginn des großen Seekrieges angelangt und wenden uns diesem zu. Den weiteren Verlauf des Landkrieges flechten wir in die Schilderung des Seekrieges ein, soweit es zum Verständnis der unmittelbaren Mitwirkung von Seestreitkräften oder zur Beurteilung der durch ihn hervorgerufenen Bewegungen großer Flotten nötig ist.
Der grosse Seekrieg[132].
Über Anordnung der Schilderung nach den Kriegsschauplätzen. Der Seekrieg spielte sich wie die letztvorhergegangenen auf vier Schauplätzen ab: den europäischen, den nordamerikanischen, den west- und den ostindischen Gewässern. In den früheren Kriegen war der erstgenannte der wichtigste; der Verlauf hier war für den Krieg auf den anderen ausschlaggebend. Wir konnten deshalb, ohne die Übersicht zu verlieren, zunächst die Ereignisse auf diesem zusammengefaßt geben und dann in gleicher Weise die auf den übrigen folgen lassen. Bei dem jetzt zu besprechenden Kriege müssen wir einen anderen Weg wählen, da das Ringen auf den verschiedenen Meeren gleich folgenschwer ist und eng ineinander greift. Bei einer streng chronologisch durchgeführten Schilderung der Ereignisse auf allen Kriegsschauplätzen zugleich würde nun aber infolge des reichen Materials der strategische Faden verloren gehen, und so bleibt nur eine Verbindung beider Wege übrig. Für eine solche geben die militärische Lage, sowie die Ziele der Gegner in den verschiedenen Weltteilen einen guten Anhalt.
In Europa beschränkte sich England im Gegensatz zu den früheren Kriegen ganz auf die Verteidigung, da es bei dem Bestreben, auch in allen fernen Meeren die Herrschaft zu wahren und Angriffen entgegenzutreten, hier den Gegnern nicht gewachsen war. Diese hatten es auf Einfälle in England sowie auf die Eroberung von Port Mahon und Gibraltar abgesehen; zum Glück für England lag die erste Aufgabe Frankreich, die zweite Spanien mehr am Herzen, und dieses Auseinandergehen der Ziele schwächte das Zusammenwirken der Verbündeten.
In Nordamerika handelte es sich für die Engländer um die Unterwerfung der Kolonien. Sie waren 1778 im Besitze New Yorks, der Narragansettbucht, Philadelphias und Kanadas. New York war politisch wertvoll als die größte Stadt neben Boston und militärisch durch seine Lage am Ausgangspunkte der Hudsonlinie. Die Narragansettbucht gab den besten Hafen der Küste, vorzüglich gelegen zu ihrer Beherrschung. Der Besitz von Philadelphia bildete jedoch eine Schwäche in der englischen Stellung, da das Heer hier von dem in New York über Land getrennt und auch in Hinsicht auf Zufuhren ganz auf die See angewiesen war; von dieser abgeschnitten, schwebte es in der Luft. Hierher richtete denn auch Frankreich den ersten Stoß seiner Flotte, und England mußte die mühsam errungene Stellung am Delaware aufgeben, sobald es seine Seeherrschaft bedroht sah. Bei den späteren Unternehmungen Englands gegen die südlichen Kolonien spielte der Besitz der Chesapeakebucht eine ähnliche Rolle. Da an dieser keine Befestigungen lagen, fiel sie der seebeherrschenden Partei zu und wurde deshalb Streitobjekt für die beiderseitigen Flotten. Kanada zu erobern oder für ihre Sache zu gewinnen, war den Amerikanern nicht gelungen, sie versuchten dies auch nach 1777 nicht mehr — vielleicht trauten sich die neuen Verbündeten, Frankreich und Amerika, in dieser Beziehung nicht recht — und so blieb die Kolonie eine feste Basis für England.