Bei Ausbruch des Krieges legten beide Parteien Beschlag auf die Handelsschiffe des Gegners in ihren Häfen und hielten die eigenen zurück. Letzteres geschah, um das Personal für die Kriegsschiffe zu gewinnen und um sie selber nicht der Wegnahme auszusetzen. Das englische Volk, bisher so stolz auf seine Marine, war empört über ihre hierdurch eingestandene augenblickliche Schwäche. Kaufleute und Reeder tadelten die Admiralität scharf; mit Recht, denn es mußten beispielsweise 100 Westindienfahrer drei Monate auf Bedeckung warten, wodurch ein Schaden von 90000 Lstrl. erwuchs und in Westindien Mangel am nötigsten eintrat.

Bei dem unfertigen Zustande der Marine kann es nicht verwundern, daß England weder den Krieg erklärte noch losschlug, obgleich es den diplomatischen Verkehr abgebrochen hatte; wäre es in der Lage gewesen, würde es sicher wie 1755 über Frankreichs Handel hergefallen sein. So hielt man sogar Byrons Flotte bis zum Juni fest, um die heimischen Gewässer nicht zu entblößen, und auch die Kanalflotte lief dann erst aus. Gegen Frankreichs Truppen in der Normandie hatte England Milizen an den Küsten aufgeboten, und schon im März war über Suez der Befehl nach Ostindien gesandt, die französischen Besitzungen anzugreifen. Aber auch Frankreich begann den Krieg nicht; man wollte vorläufig nur den Amerikanern an Ort und Stelle Hilfe leisten, die Brestflotte bereithalten und die Küsten durch Kreuzer bewachen lassen. Erst als Keppel französische Kriegsschiffe aufgebracht hatte, erhielt d'Orvilliers Befehl, dies zu vergelten.

Der Krieg in den europäischen Gewässern 1778.

Die Eröffnung des Krieges. Am 13. April ging die Flotte des Vizeadmirals d'Estaing von Toulon mit versiegelten Ordres in See. Man hatte verbreitet, sie sei nach Brest bestimmt; ein Mitglied der amerikanischen Gesandtschaft in Paris, sowie der für die neue Republik bestimmte Gesandte Frankreichs waren unter falschen Namen eingeschifft, um das Ziel nicht zu verraten. Infolge ungünstigen Windes passierte sie erst am 17. Mai die Straße von Gibraltar, und am 20. wurden 120 Seemeilen westlich vom Kap St. Vincent die Ordres geöffnet. Die Flotte war nach Amerika bestimmt und sollte von jetzt an schon die Feindseligkeiten gegen englische Kriegs- wie Handelsschiffe beginnen. Eine englische Fregatte war ihr von Gibraltar aus gefolgt, behielt sie noch weitere 150 Seemeilen in Sicht und überbrachte am 7. Juni die Meldung in England. Am 8. segelte dann die Flotte des Vizeadmirals John Byron gleichfalls nach Amerika ab.

Zu gleicher Zeit (am 8. oder 12. Juni) ging Admiral Augustus Keppel[133] mit der Kanalflotte — 21 Linienschiffe, 3 Fregatten, 2 Kutter, ein Brander — in See, um vor Brest zu kreuzen. Er hatte den Befehl, die Brestflotte zu beobachten, den Kanal für die eigenen Handelsschiffe offenzuhalten und die Vereinigung der Toulon- mit der Brest-Flotte durch Waffengewalt zu verhindern. Am 17. Juni traf er vor dem Kanal auf eine kleine französische Flottille, die Fregatten „La Belle Poule“, Kapitän de la Clocheterie, „La Licorne“, die Korvette „L'Hirondelle“ und den Lugger „Le Coureur“. Wenn auch der Krieg noch nicht erklärt war, hielt es Keppel doch für nötig, die Schiffe anzuhalten, sowohl um zu verhindern, daß seine Bewegungen dem Gegner bekannt würden, als auch um Nachrichten über diesen zu erhalten. Er jagte die Fahrzeuge mit der ganzen Flotte und ließ sie durch vorauseilende Fregatten auffordern, längsseit seines Flaggschiffes zu kommen.

„Licorne“ tat dies, versuchte aber später zu entwischen, antwortete auf Warnungsschüsse mit einer Breitseite und strich dann die Flagge. „Hirondelle“ entkam, „Coureur“ ward bald genommen. „Belle Poule“ führte ein hartnäckiges laufendes Gefecht mit der englischen Fregatte „Arethusa“ und lief unter die französische Küste; hier konnten ihr die Engländer nicht beikommen, und sie erreichte am 21. Juni Brest. Am 19. Juni nahm Keppel noch die Fregatte „Pallas“. Aus den Papieren der Prisen ersah er, daß die französische Flotte der seinigen überlegen war oder es doch bald werden würde, er kehrte deshalb nach Spithead zurück, um Verstärkungen an sich zu ziehen.

Diese Wegnahme von Kriegsschiffen sah man in Paris als Kriegserklärung an. Man bezeichnete sie als verräterisch und gegen das Völkerrecht verstoßend, obgleich doch auch d'Estaing den Befehl hatte, die Feindseligkeiten zu eröffnen. Spanien wurde benachrichtigt, daß Frankreichs Geduld nunmehr erschöpft sei und man den Krieg beginne; Kaperbriefe wurden ausgegeben und d'Orvilliers erhielt am 2. Juli den Befehl, in See zu gehen. Aber trotz vorher erlassener Kabinettsordres, deren hochgemute Worte auf eine besonders kräftige Verwendung der Seestreitkräfte hatten schließen lassen und in denen den kommandierenden Offizieren der Marine die größte Unerschrockenheit bei ihrem Auftreten ans Herz gelegt wurde, war die Instruktion für den Flottenchef eine recht beschränkte. Er sollte einen Monat kreuzen und als Repressalie Kriegs- und Handelsschiffe aufbringen. Später, schon auf See, ging ihm sogar in einer Verfügung vom 12. Juli noch die Mahnung zu, daß der König bei der jetzt bekanntgewordenen Stärke der feindlichen Flotte sehr auf die Klugheit des Admirals rechne; die Minister wälzten also die Verantwortlichkeit ganz auf ihn ab.

Befehle Ludwigs XVI.[134] In einem Schreiben des Marineministers Sartines an d'Orvilliers vom 2. April 1778 findet man die Sätze: „Sie (der Chef, die Flaggoffiziere und die Kommandanten) müssen sich bewußt sein, daß die Augen Europas auf das erste Geschwader gerichtet sind, das nach dem letzten Kriege unsere Häfen verläßt. Ihre Pflicht ist es jetzt, der französischen Flotte wieder den alten Ruhm zu verleihen, der sie einst umstrahlt hat. Nur durch die glänzendsten Waffentaten können die letzten Unglücksfälle und Fehler gutgemacht werden; die zur Verfügung stehenden Mittel sichern ihnen die Überlegenheit, ihr Mut muß das übrige dazu tun...“ „Aber in welche Lage auch immer die Flotte kommen mag, der König erwartet, daß seine Schiffe mit der größten Unerschrockenheit angreifen und sich stets bis aufs äußerste verteidigen werden.“

In diesem Sinne folgt noch mehr, und Troude sagt hierzu richtig: „Wie verschieden war diese Sprache von jener, die unsere Admirale im letzten Kriege zu hören bekamen“; wir sind mehrfach auf die früheren Befehle eingegangen, die stets zur Vorsicht mahnten. Diesen tapferen Worten folgten aber bald wieder solche in abschwächender Tonart, so der obenerwähnte Befehl, den d'Orvilliers vor dem Inseegehen erhielt. Hierzu wurden die französischen Minister Vergennes und Sartines durch die Erwägung gebracht, daß ein Fehlschlag beim ersten Auftreten der Flotte sehr schädlich wäre. Wahrscheinlich überschätzten sie auch die Stärke des Gegners. Man ließ sich durch die große Schiffszahl Englands einschüchtern, ohne die ungünstigen Verhältnisse dort in Rechnung zu ziehen — obwohl der Mannschaftsmangel durch Berichte aus London allerdings bekannt war — auch glaubte man, daß Byron nur einen Konvoi ins offene Meer zu führen habe und sich dann mit Keppel vereinigen würde.

In ihrem Hange zu ängstlicher Schonung der Seestreitkräfte wurden die leitenden Personen durch hervorragende Seeoffiziere bestärkt. Diese empfahlen, durch Zurückhalten der Flotte und durch die Truppenansammlung England zu zwingen, seine Seestreitkräfte gleichfalls zusammenzuhalten; dies müsse dann durch Entsendung zahlreicher Kreuzer gegen den englischen Handel ausgenutzt werden. D'Orvilliers schlug aber in einem Brief vom 22. Juni vor, mit der Flotte auszulaufen. Zwar wollte auch er nicht zum entscheidenden Kampfe in den Kanal gehen, „wo er keine Zufluchtshafen habe und durch die vorherrschenden Winde leicht an der englischen Küste festgehalten werden könnte“, sondern eine Kreuztour gegen den Handel vor demselben aufnehmen. Er wollte dabei versuchen, die Vereinigung Byrons und Keppels zu verhindern, diese gegebenenfalls einzeln schlagen, beiden vereint aber ausweichen. Ihm schwebte die „Campagne au large“ des Admirals Tourville 1691 vor, der wochenlang die überlegene englische Flotte hinter sich herzog und dadurch lähmte. (Vgl. Band I, Seite [441].) Diese Kreuztour sollte gleichzeitig zur Ausbildung der Flotte dienen. Die ihm zugegangene[251] Instruktion — sie hatte sich mit seinem obenerwähnten Briefe gekreuzt — entsprach also gewissermaßen seinem Gedanken, der Nachtrag vom 12. Juli machte ihn aber für alle Folgen verantwortlich.