D'Orvilliers antwortete auf den letzten Befehl, er werde, wie zuerst angeordnet sei, einen Monat kreuzen, falls er nicht ausdrücklich zurückgeworfen würde, und auch einen Kampf annehmen; nur falls Keppel sehr überlegen aufträte, werde er ausweichen, dies könne aber unter Umständen schwierig sein, wenn der Gegner den Kampf ernstlich suche. Es ist bemerkenswert, daß die Flaggoffiziere und Kommandanten, als ihnen am 9. Juli der Befehl bekannt gegeben wurde, in den Chef drangen, er möge die Erlaubnis nachsuchen, in den Kanal einzulaufen und den Feind, selbst auf der Reede, anzugreifen.

Die Schlacht bei Ouessant 27. Juli 1778. Admiral Keppel lief am 9. Juli zu einer zweiten Kreuzfahrt von Portsmouth mit 24 Linienschiffen aus und auf dem Wege kanalabwärts stießen noch 6 von Plymouth zu ihm. Erregt durch den Umstand, daß er das erste Mal das Feld hatte räumen müssen, sowie durch die deshalb von der öffentlichen Meinung ihm gemachten Vorwürfe, war er fest entschlossen, den Feind aufzusuchen und zum Kampfe zu zwingen. Lieutenant-Général Comte d'Orvilliers[135] war nach Empfang seiner Instruktion durch Gegenwind einige Tage festgehalten, erst am 8. Juli ging er mit 32 Linienschiffen in See, von denen jedoch drei als zu schwach für die Linie erklärt und wie die Fregatten während der Schlacht in Feuerlee von ihr gehalten wurden. Er nahm seinen Kurs nach dem Kanaleingange und benützte die Fahrt zu taktischen Übungen. Mit deren Ausfall war er durchaus nicht zufrieden, und es ist wohl anzunehmen, daß dies im Verein mit der erhaltenen Mahnung sein Verhalten in der Schlacht beeinflußt hat.

Am Nachmittage des 23. Juli sichteten sich die Gegner etwa 100 Seemeilen westlich der Insel Ouessant; bei frischem WNW-Winde lagen die Franzosen nordöstlich der Engländer, also in Lee von ihnen, aber während der Nacht gewannen sie die Luvstellung nordwestlich des Gegners. Diese Lage befriedigte beide Führer, denn Keppel sah sich zwischen dem Feinde und Brest, während d'Orvilliers durch seine Luvstellung im Sinne seines Befehles zu handeln vermochte, nämlich die See zu halten und doch nur zu fechten, wenn er es für vorteilhaft hielt; er sollte aber sein Bedenken bestätigt finden, daß dies bei einem kampfesmutigen Gegner nicht leicht durchzuführen sei. In der Nacht waren außerdem drei seiner Schiffe von der Flotte abgekommen, in Lee der Engländer geblieben und konnten bis zur Schlacht nicht mehr herankommen, so daß bei dieser nur 27 Schiffe in der Linie standen.

Während der nächsten Tage manövrierten beide Teile in Sicht voneinander; Keppel, um an den Feind heranzukommen, d'Orvilliers wahrscheinlich, um dies zu verhindern. Zwar sagen französische Quellen, er habe sich nur die Luvstellung wahren wollen, aber sie deuten auch an, daß seine Geschwaderchefs ihn erst zu dem Entschlusse gebracht hätten, den Kampf aufzunehmen. Am 27. Juli kam es zur Schlacht, die aber nur in einem zwei- bis dreistündigen Feuergefecht im Passieren bestand.

Der Verlauf der Schlacht bei Ouessant kann in groben Zügen gegeben werden, ohne auf Einzelheiten einzugehen; die für uns bemerkenswerten Punkte treten trotzdem genügend hervor[136].

Die englische Flotte zählte 32 Linienschiffe: Vorhut, Vizeadmiral Sir Robert Harland, 10 Schiffe; Mitte, Keppel, 11 Schiffe; Nachhut, Vizeadmiral Sir Hugh Palliser, 11 Schiffe. Die französische Flotte hatte 27 Schiffe in der Linie: Vorhut, Lieutenant-Général Comte Duchaffault, 9 Schiffe; Mitte, d'Orvilliers, 9 Schiffe; Nachhut, Lieutenant-Général Duc de Chartres, 9 Schiffe.

Am 27. Juli wehte frischer westlicher Wind mit heftigen Regenböen. Bei Tagesanbruch waren die Flotten etwa 6 Seemeilen voneinander entfernt, beide lagen über Steuerbordbug, die französische „in Kiellinie beim Winde“ genau in der Windrichtung zu Luward der englischen; diese hatte kurz vorher „alle Schiffe zugleich“ gewendet, über den neuen Bug aber die Kiellinie nicht wieder hergestellt, so daß sie in einer Peilungslinie segelte, aus der jedoch durch abermals gleichzeitiges Wenden sofort die Kiellinie über Backbord-Bug gebildet werden konnte. Keppel hatte keine Zeit mit Ausrichten verlieren wollen, um schnell an den Feind heranzukommen; auch befahl er allgemeine Jagd. Die Ordnung in seiner Flotte war nicht gut, besonders der rechte Flügel (über Steuerbordbug die Nachhut) war während der Nacht nach Lee geraten; sie erhielt jetzt Befehl, möglichst Luv zu gewinnen. Um 9 Uhr vorm. ließ d'Orvilliers im Kontremarsch, also ein Schiff nach dem anderen auf der gleichen Stelle, halsen, um den Feind besser beobachten und seine Stärke genauer erkunden zu können; er verlor hierdurch allerdings beträchtlich an Luv, aber doch nicht so viel, daß er nicht unter normalen Verhältnissen nach Belieben hätte den Kampf vermeiden oder angreifen können, sobald es ihm günstig schien.

Jetzt aber drehte der Wind südlicher, die englische Flotte konnte mehr auf die französische zuhalten, stand um 10¼ Uhr in deren Kielwasser, als sie eben die Kiellinie über Backbord-Bug gebildet hatte, und Keppel wendete mit allen Schiffen zugleich; er segelte nun also gleichfalls in Kiellinie über Backbord-Bug hinter seinem Gegner her. D'Orvilliers mußte fürchten, daß seine letzten Schiffe eingeholt und mit Übermacht angegriffen werden könnten, er ließ deshalb mit allen Schiffen zugleich wenden, wodurch seine eigentliche Nachhut, der Herzog von Chartres, zur Vorhut wurde, und segelte dem Feinde über Steuerbordbug entgegen. Nun folgte ein Passiergefecht, bei dem die Franzosen zu Luward standen, und zwar in leidlich guter Ordnung, während die Engländer infolge der Jagd schlecht ausgerichtet waren; in der Nachhut hinderten sich die Schiffe[253] sogar gegenseitig im Feuer. Keppel hatte nach der letzten Wendung das Signal „Schlachtlinie bilden“, worauf diese ausgerichtet worden wäre, gar nicht gegeben, sondern nur das zur Eröffnung des Kampfes. Während des Passierens zielten die Franzosen, wie stets, besonders auf die Takelage, die Engländer auf den Rumpf der Schiffe.

Als die englische Vorhut gegen 1 Uhr die französische Linie passiert hatte, ließ Harland sie wenden, um am Feinde zu bleiben, und Keppel befahl der Mitte das gleiche, als sie soweit war. Da aber viele Schiffe der beschädigten Takelage halber das Manöver nicht ausführen konnten und ihr Halsen der nachfolgenden wegen schwierig und damit zeitraubend wurde, entstand große Unordnung, besonders in der Mitte. Der Admiral holte deshalb gegen 2 Uhr nachm. das Signal zum Gefecht nieder und heißte „Schlachtlinie bilden“. Die Linien hatten sich passiert, der Kampf war zu Ende.

Gleichzeitig gab d'Orvilliers den Befehl zum Halsen in Kontremarsch. Er wollte seine Linie aufs neue am Feinde vorüberführen und zwar in Lee derselben; mit Recht versprach er sich großen Erfolg von seinem Feuer auf die ungeordneten feindlichen Schiffe, und um so mehr, da er nun von Lee aus auch seine untersten Batterien hätte gebrauchen können, deren Pforten beim Passieren zu Luward der hohen See wegen hatten geschlossen bleiben müssen. Dieser Befehl ward jedoch nicht sofort ausgeführt, denn die Spitzenschiffe sahen das Signal nicht; der Führer der Vorhut, Herzog von Chartres, segelte sogar mit seinem Flaggschiff längsseit des Oberbefehlshabers, um nach dessen Absichten zu fragen. Dann erst begann das Manöver gegen ½3 Uhr, aber nun war die rechte Zeit verpaßt; Keppel hatte seine Linie, wenigstens aus Vorhut und Mitte wiederhergestellt und segelte auf einige beschädigt in Lee liegende Schiffe zu, um sie zu decken. D'Orvilliers gab deshalb seine Absicht auf, hielt ab und nahm weiter in Lee eine abwartende Stellung ein, also entsprechend der alten französischen Taktik.