Keppel hatte auch die Absicht, aufs neue anzugreifen, aber ihm fehlte seine Nachhut. Die Schiffe dieser hatten sich auf das Signal zur Herstellung der Ordnung vorschriftsmäßig auf das Flaggschiff ihres Führers, Palliser, formiert, das etwa 2 Seemeilen zu Luward der Mitte lag. Palliser aber führte sein Geschwader nicht heran, obgleich er den Befehl dazu nicht nur durch Signal, sondern auch durch eine Fregatte erhielt; er entschuldigte dies später damit, daß sein Schiff nicht manövrierfähig gewesen wäre. Erst als Keppel die einzelnen Schiffe der Vorhut zu sich rief, trafen sie nach und nach ein, jetzt aber, gegen 7 Uhr, war es zu spät zur Wiederaufnahme des Kampfes geworden.
Die Verluste werden sehr verschieden angegeben. Die französischen Quellen nennen für die Franzosen 163 Tote und 517 Verwundete, für die Engländer 407 Tote, 789 Verwundete; die englischen geben für sich nur 133 bzw. 373 zu und behaupten, der Gegner habe weit mehr verloren als er zugestanden, erkennen jedoch die stärkere Beschädigung ihrer Schiffe an. Bei der verschiedenartigen Verwendung der Artillerie auf beiden Seiten ist anzunehmen, daß die Franzosen den größeren Verlust an Leuten gehabt haben.
Die Schlacht blieb unentschieden. In der folgenden Nacht entfernten sich die Flotten voneinander; beide Parteien aber schrieben sich den Sieg zu und behaupteten, der Gegner habe das Feld geräumt. Die Franzosen sagten aus, sie hätten am Morgen des 28. Juli den Gegner nicht mehr gesehen; er habe während der Nacht das Weite gesucht, ohne Lichter zu zeigen. Die Engländer behaupten, sie hätten die Nacht über gefechtsbereit gelegen; der Feind habe zur Täuschung drei Schiffe mit Admiralslichtern in Geschwaderabstand voneinander liegen lassen, sei dann abgesegelt und am anderen Morgen in der Richtung auf Ouessant nur noch von den Mastspitzen gesehen worden. Tatsächlich sind beide Flotten in ihre Häfen zurückgegangen, die französische traf am 29. Juli in Brest, die englische am 31. in Plymouth ein. Daß d'Orvilliers nichts weiter unternahm, ist leicht mit seiner Instruktion und mit der in der französischen Marine herrschenden Auffassung von der Verwendung der Flotten zu erklären: Er hatte die Ehre der Flagge gewahrt, seine Schiffe in brauchbarerem Zustande als die des Gegners erhalten und diesen vorläufig außerstand gesetzt, an der französischen Küste zu kreuzen. Er hatte durchgeführt, was er versprochen, und auch die Leistungen seiner Schiffe waren besser gewesen, als er nach dem Ausfall der Vorübungen erwartet hatte. Nun wollte er die beiden versprengten Schiffe aufnehmen und dann ausbessern, ehe er die Kreuzfahrt wieder aufnahm. Es ist mithin wohl möglich, daß er das Feld geräumt hat.
Die englische Behauptung gewinnt auch dadurch an Zuverlässigkeit, daß sie sich auf Angaben stützt, die von vielen als Zeugen in der Untersuchung gegen Keppel vernommenen Kommandanten unter eidlicher Bekräftigung gemacht sind, während der französischen Schilderung wohl nur die üblichen Berichte zugrunde liegen.
Auch Keppel hatte insoweit seinen Zweck erreicht, als er den Feind zum Kampfe nötigte. Es liegt auch kein Grund zum Zweifel an seiner Absicht vor, diesen am Nachmittag wieder aufzunehmen. Es ist ihm allerdings vorzuwerfen, daß er die Schiffe der Vorhut nicht gleich einzeln heranrief, aber er hatte keine Meldung von Palliser über dessen Manövrierunfähigkeit und wartete wohl von Minute zu Minute auf die Befolgung seiner Befehle. Daß er es am folgenden Tage für aussichtslos hielt, mit seinen beschädigten Schiffen den Feind einzuholen, und auch für gefährlich, mit ihnen an der feindlichen Küste zu bleiben, ist als berechtigt anzusehen.
Die öffentliche Meinung in beiden Ländern war mit dem Ergebnis der Schlacht nicht zufrieden. In Frankreich hatte zwar zuerst die Vertreibung des Gegners von der Küste großen Jubel erregt, als aber die näheren Umstände bekannt wurden, fand man, daß viel mehr hätte erreicht werden müssen. Man schob die Schuld auf den Herzog von Chartres, weil er den Befehl des Flottenchefs nicht sofort ausgeführt habe; man beschuldigte ihn des Ungehorsams, ja der Feigheit. Er wurde aus der Marine entfernt.
Louis Philippe, Duc de Chartres — nach seines Vaters Tode Herzog von Orleans, während der Revolution als Bürger Philippe Egalité bekannt —, war bestimmt, später Admiral von Frankreich zu werden. Er hatte keine seemännische Erfahrung, weshalb man ihm in seinem Flaggkapitän, dem Chef d'Escadre de Lamotte-Picquet, einen hervorragend tüchtigen Seeoffizier zur Seite gestellt hatte; so wird er während der Schlacht kaum von irgendwelchem Einfluß gewesen sein. Die neueren französischen Marineautoren lehnen denn auch die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestimmt ab. Wie man sagt, erfolgte seine Entfernung auf Betreiben der Königin, und dies trug zur Vergrößerung der schon bestehenden Spannung zwischen dieser und dem Herzoge bei, obgleich letzterer zum Generaloberst der Husaren ernannt wurde — ein für ihn neugeschaffener Titel.
In England war schon der erste Rückzug Keppels übel vermerkt worden. Jetzt hatte man die Vernichtung des Gegners erwartet und der Ausfall der Schlacht zog eine Flut von maritimen sowie von politischen Erörterungen nach sich; je nach dem Parteistandpunkte der Kritiker richteten sich die Vorwürfe gegen die Regierung und die Admiralität oder gegen Keppel, und dieser ward schließlich im Januar 1779 in kriegsgerichtliche Untersuchung gezogen. Wenn auch in allen Ehren freigesprochen, so legte er doch sein Kommando nieder.
Kriegsgericht über Keppel. Der Admiral hatte Palliser nicht angeschuldigt, war aber gezwungen, zu Äußerungen der Presse über die Schlacht Stellung zu nehmen, und als er dabei das Verhalten seines Untergebenen zur Sprache brachte, erhob dieser Anklage gegen ihn; diese lautete auf zwei grobe Verstöße Keppels gegen die Gefechtsinstruktion dadurch, daß er zum Angriff vorgegangen sei, ehe die Gefechtslinie ordnungsmäßig gebildet war, sowie insofern, als er nach dem Passieren der Flotten nicht den Angriff sofort erneuert habe, sondern sogar vom Feinde fortgesegelt sei (wie bekannt zur Deckung einiger Schiffe), also nicht alles zur Vernichtung des Gegners getan habe.
Keppel wurde jedoch vom Kriegsgericht in allen Ehren freigesprochen; die Mehrzahl der englischen Seeoffiziere und die öffentliche Meinung standen gleichfalls auf seiner Seite. Palliser dagegen ward genötigt, seinen Abschied zu nehmen. Er hatte versucht, sich damit zu entschuldigen, daß er das Signal nicht gesehen habe und daß sein Schiff bewegungsunfähig gewesen sei; beides wurde ihm widerlegt und ihm außerdem vorgeworfen, wenn letzteres wirklich der Fall gewesen wäre, hätte er dies seinem Chef melden und ihm die anderen Schiffe senden müssen. Die Stimmung war derart, daß man nach Bekanntwerden des Urteils zu Ehren Keppels Feuerwerke abbrannte, während der betrunkene Pöbel das Haus Pallisers zerstörte und seinen Freunden die Fenster einwarf. (Näheres über das Kriegsgericht vgl. Campbell Band V, Seite 432, und Clowes Band III, Seite 423.)