Für die Geschichte der Seetaktik ist die Schlacht bei Ouessant bemerkenswert als ein wichtiges Glied in der Entwicklung der englischen Taktik. Bei Toulon 1744 trat Mathews gleichfalls ins Gefecht, ehe er die Linie gebildet hatte, da er fürchtete, daß ihm der Gegner sonst entweichen könne; als das Ergebnis der Schlacht den Erwartungen nicht entsprach, ward er für diesen Verstoß gegen die Gefechtsinstruktion aus dem Dienste entlassen. Nach diesem Vorgange wagte Byng bei Minorca trotz günstiger Gelegenheit nicht von der Vorschrift abzuweichen; er wurde erschossen, weil er nicht alles zur Vernichtung des Feindes getan habe. Beide Kriegsgerichte standen im englischen Offizierkorps noch gut in Erinnerung, Keppel war selber ein Mitglied des zweiten gewesen. Trotzdem griff er an, ohne die Linie völlig hergestellt zu haben, damit der Feind sich ihm nicht entziehe. Ihn sprach das Kriegsgericht frei; die meisten seiner Kommandanten hatten seinem Handeln mit der Begründung zugestimmt, daß es sonst nicht zur Schlacht gekommen wäre.

Ähnliches zeigt sich bei der Beurteilung der Unterführer. Lestock, der seinen Chef bei Toulon im Stich gelassen hatte, wurde freigesprochen, da er sich auf den Buchstaben der Instruktion berufen konnte, Palliser wurde jetzt wegen des gleichen Verhaltens wenigstens gemaßregelt. Dies sind doch Anzeichen, daß man in England die Notwendigkeit zu erkennen begann, mit der buchstäblichen und schematischen Befolgung der Gefechtsvorschriften zu brechen. Durchgedrungen war dieser Gedanke noch nicht. Keppel war sich wohl bewußt, welche Gefahr er lief; er äußerte, daß sein Handeln eine Frage um Leben und Tod für ihn sei. Auch das Verhalten der Schiffe der Vorhut zeigt, daß eine freiere Auffassung noch nicht genügend Platz gegriffen hatte, sonst würden sie ohne Befehl zur Mitte gesegelt sein, wenn ihr Geschwaderchef bewegungsunfähig war. Es ist übrigens bemerkenswert, daß Keppel nach der Schlacht befahl, in Zukunft hätten auf das Signal „Schlachtlinie bilden“ die einzelnen Schiffe auf den Flottenchef und nicht wie bisher auf die Geschwaderchefs ihre Posten in der Linie einzunehmen.

Das Verhalten der Franzosen zeigt gleichfalls, wie schwer es ist, mit eingewurzelten Überlieferungen zu brechen; sie blieben bei ihrer defensiven Fechtart, wenn sie auch diesmal in der Luvstellung den Kampf annahmen. Hierdurch waren sie beim Passieren imstande, den Nahkampf herbeizuführen. Sie taten es nicht, obgleich sie der weniger geordneten englischen Linie gegenüber wahrscheinlich großen Erfolg gehabt hätten; sie blieben auch bei ihrem Feuer auf die Takelage, um dem Gegner die Offensivkraft zu nehmen. D'Orvilliers hatte nach dem Passieren zwar den richtigen Gedanken, dessen ungünstige Lage zum Angriff zu benutzen, die Durchführung versprach jedoch nur bei sofortigem Beginn der Manöver Erfolg und der Flottenchef war genötigt, seine Absicht erst den Untergebenen klar zu machen, so fern lag diesen ein tatkräftiges angriffsweises Vorgehen. Als sich inzwischen ein Teil der englischen Flotte geordnet hatte, sah d'Orvilliers vom Angriff ab und nahm die übliche Verteidigungsstellung ein.

Die Schlacht zeigt endlich, daß es zur See einem ausdauernden Verfolger oft gelingen wird, den Gegner zur Schlacht zu stellen, da für ihn günstige Umstände eintreten können; hier wurde es den Engländern durch die Windänderung möglich, obgleich sie in Lee standen. (Vgl. Hostes Regeln, Seite [37].)

Weitere Ereignisse von Bedeutung brachte das Jahr 1778 in den europäischen Gewässern nicht mehr. D'Orvilliers ging aufs neue am 17. August mit 28 (29?) Linienschiffen zum Handelsschutz in See. Seine Instruktion hielt sich jetzt ganz nach der vorsichtigen Art früherer Zeiten, sie befahl ihm nicht gerade das Vermeiden, aber verbot ihm doch das Suchen eines Kampfes; Vergennes schrieb, daß man es nicht für richtig erachte, Schlachten herbeizuführen, „die doch oft nur Verluste brächten“. Vielleicht ist man dabei von dem Gedanken geleitet, die Kräfte für den Versuch einer Landung in England im nächsten Jahre zu erhalten. Die Flotte kreuzte sechs Tage vor dem Eingange des Kanals, später zwischen Ouessant und Finisterre und lief am 18. September wieder in Brest ein. Bis in den November hinein kreuzten dann mit Ablösung einige Linienschiffe bei Ouessant, Fregatten in der Biskaya und kleinere Fahrzeuge in der Nordsee sowie an der portugiesischen Küste. Keppel war gleichfalls vom 22. August bis zum 28. Oktober in See, meist am Eingange des Kanals. Beide Parteien behaupten, der Gegner sei einem Zusammenstoß ausgewichen. Die französische Flotte scheint, dem Befehle entsprechend, den Kanal verlassen zu haben, als Keppel erschien, und in England wollte man die schwache Heimflotte wahrscheinlich nicht zu weit von den eigenen Küsten entfernen.

Die Kriegführung in den europäischen Gewässern 1778 zeigte auf beiden Seiten keine Tatkraft. In England war dies eine Folge der mangelhaften Vorbereitungen, man mußte sich ganz auf den Schutz der eigenen Gewässer beschränken. Das Ausrüsten wie das Auslaufen der Toulonflotte erfuhr man frühzeitig genug und war doch nicht imstande, Gegenmaßregeln zu ergreifen. Hätte d'Estaing nicht so ungewöhnlich lange Zeit von Toulon bis Gibraltar gebraucht, so würde er bei einer Bestimmung nach Brest seine Vereinigung mit der Flotte dort ohne Zweifel unbelästigt erreicht haben; nach Nordamerika beordert, wie es der Fall war, trat er mit Erfolg auf und sein Erscheinen würde ohne die erwähnte lange Reise noch verhängnisvoller für England geworden sein. Dies hätte seine Rüstungen darauf einrichten müssen, daß es die Straße von Gibraltar sperren oder sich wenigstens dort an die Toulonflotte hängen konnte. Die beim Beginn fast eines jeden Krieges auftretende Furcht vor einer Invasion wirkte übrigens mit, die englische Tatkraft zu lähmen; alle Schiffe wurden vorläufig daheim festgehalten. Nach Entsendung Byrons war England dann zu schwach, um aus den heimischen Gewässern herauszutreten.

Frankreich hatte den Krieg besser vorbereitet und auch rechtzeitig Befehle erlassen, um überall an erster Stelle im Felde erscheinen zu können, aber nur der Vorstoß in Amerika wurde durchgeführt. Alle neueren französischen Autoren stimmen, gestützt auf Aussprüche der Marineautoritäten jener Zeit, darin überein: „Frankreich wäre imstande gewesen, auch in Brest rechtzeitig eine den englischen Seestreitkräften weit überlegene Flotte aufzustellen, Schiffe lagen genügend auf den Werften bereit und an Leuten fehlte es nicht. Man hätte die Engländer in den Häfen blockieren und über deren Handel herfallen müssen, wie diese 1755 getan hatten; das würde nicht nur große Beute gebracht, sondern ihnen auch die Mobilmachung noch mehr erschwert haben. Vielleicht wäre wirklich eine Invasion, jedenfalls aber die Wegnahme der Kanalinseln ermöglicht worden. Die französische Marine sei für ein derartiges Vorgehen mit äußerster Kraft begeistert gewesen.“

In dem hierzu nötigen Umfange wurden die Rüstungen jedoch nicht angeordnet. Überschätzte man die Kraft Englands, und glaubte man, ohne die Mitwirkung Spaniens Großes nicht wagen zu dürfen? Aber auch mit den vorgenommenen Rüstungen blieb Frankreich monatelang überlegen und durfte angriffsweise vorgehen. Man konnte wenigstens Byrons Abfahrt nach Nordamerika hindern; hierdurch würde d'Estaing, wenn er auch zur Lösung seiner ersten Aufgabe zu spät kam, für sein weiteres Auftreten freiere Hand gehabt haben. Statt dessen hielt man die Brestflotte zurück, solange England sich nicht rührte, Byron konnte segeln und auch Keppel erschien als erster auf dem Plane. Und selbst noch nach den ersten Gewalttaten des englischen Admirals wäre es Zeit gewesen, loszuschlagen, aber Wochen vergingen, bis d'Orvilliers den Befehl zum Auslaufen erhielt, und nun war die feindliche Flotte ihm gewachsen. Der französischen Regierung fehlte hier wieder, wie wir es in den früheren Kriegen so oft gesehen haben, Verständnis dafür, daß ein durchschlagender Erfolg gegen England nur durch eine kräftige Offensive, hauptsächlich gegen die Seestreitkräfte des Gegners, zu erzielen war. Sie hatte zwar oft große Pläne, führte dann aber die Kriege im allgemeinen defensiv mit nur vereinzelten Offensivstößen — wie hier in Nordamerika —, über die sie die großen Ziele aus dem Auge verlor. So blieb auch der Vorteil unbenutzt, den Frankreich in diesem Kriege durch bessere Vorbereitung hatte, und dies war bei den großen Hilfsquellen Englands ein schwerwiegender Fehler.[137]

Der Krieg in Nordamerika und Westindien 1778/1779.