Die Räumung Philadelphias (anschließend an Seite 242). General Clinton erhielt im Juni 1778 Befehl, die Stellung am Delaware zu räumen; sie mußte als unhaltbar angesehen werden, sobald die französische Flotte d'Estaings in den nordamerikanischen Gewässern auftrat und England die Seeherrschaft streitig machte. Der Rückzug, vom Admiral Howe schon vorbereitet, begann am 18. Juni und wurde über Land durch New Jersey angetreten. Wenn man auch diesen Marsch angesichts des Feindes im Vorjahre für zu gefährlich angesehen hatte, so mußte er jetzt doch gewählt werden, denn der Transport der Truppen über See erschien noch gewagter, da die französische Flotte jeden Tag erscheinen konnte. Howe deckte den Übergang des Heeres über den Delaware und führte dann die Transporter mit Material den Fluß hinab. Widriger Winde halber beanspruchte dies die Zeit bis zum 28. Juni, ein frischer Wind führte dann die Schiffe in kaum 48 Stunden nach Sandy Hook und auch Clinton traf am 30. mit dem Heere dort ein. Washington, jetzt sehr verstärkt, hatte zwar den Marsch beunruhigt, konnte ihn aber nicht aufhalten und wagte auch keine entscheidende Schlacht. Von Sandy Hook wurden die Truppen durch die Flotte bis zum 5. Juli nach New York übergeführt. Es war die höchste Zeit. Schon am 29. Juni erhielt Howe durch ein Postschiff die bestimmte Nachricht, daß d'Estaing unterwegs sei; das Fahrzeug hatte ihn sogar gesichtet. Am 7. Juli meldete einer der vom Admiral entsandten Kreuzer, daß er die Franzosen an der Küste gesehen habe, und am 9. traf die Nachricht ein, daß sie tags zuvor in der Delawarebucht geankert hätten.
Vizeadmiral Graf d'Estaing[138] traf zu spät ein, er hätte sonst großen Erfolg erringen können. Wie seine Fahrt von Toulon nach Gibraltar, so hatte auch die über den Ozean außergewöhnlich lange gedauert. Seine Order, die er am 20. Mai 120 Seemeilen westlich vom Kap St. Vincent öffnete, trug ihm auf, von nun ab die Feindseligkeiten zu beginnen, nach Nordamerika zu segeln und dort etwas zum Ruhme der französischen Flagge sowie zu nennenswertem Vorteile der Amerikaner zu unternehmen. In erster Linie war er angewiesen, die weit schwächere Flotte Howes in der Delawarebucht zu suchen und zu vernichten; sollte sie schon abgesegelt sein, so wäre sie zu verfolgen und anzugreifen, wo sich Gelegenheit biete. Man nahm an, mit der Vernichtung der Seestreitkräfte sei auch das englische Heer verloren. Nach Lösung dieser Aufgabe sollte der Admiral den Umständen gemäß handeln, also etwa Angriffe der Amerikaner auf Neubraunschweig unterstützen und ihre Küsten von Kreuzern sowie Freibeutern reinhalten. Erlange die englische Flotte durch Verstärkungen die Überlegenheit, so sollte d'Estaing Boston als Ausrüstungshafen und Stützpunkt aufsuchen und bei passender Gelegenheit nach Westindien (Kleine Antillenstation) segeln. Infolge der späten Ankunft ging die günstigste Aussicht auf einen großen Erfolg verloren; das einzige Ergebnis des Erscheinens vor der Delawarebucht war die Vernichtung zweier englischer Ausguckfregatten, die sich dort überraschen ließen.
Comte d'Estaing.
Die auffallend lange Reise der französischen Flotte wird vielfach dem Admiral zur Last gelegt, seinem Mangel an seemännischer Erfahrung sowie dem Umstande, daß er während der Fahrt durch unnötige Übungen viel Zeit verloren habe. Es mag etwas Wahrheit hierin liegen, aber von anderer Seite wird er mit der sehr ungleichen Segelfähigkeit seiner Schiffe entschuldigt. Er selber hat berichtet, daß seine besten Segeler häufig nur gereffte Marssegel hätten führen dürfen, wenn die schlechtesten mit Gefahr für die[260] Masten Segel gepreßt hätten. Die Behauptung, einige, ihm übelgesinnte Kommandanten hätten absichtlich durch fehlerhaftes Manövrieren sowie schlechtes Steuern die Fahrt aufgehalten, ist nach neueren Forschungen haltlos. D'Estaing hat in allen Berichten, Tagebüchern und Briefen stets den Eifer der Kapitäne anerkannt, obgleich er ihnen sonst nicht wohlwollend gegenüberstand; er klagt immer nur über die Schiffe. Eher ist anzunehmen, daß dieser Umstand gar nicht so schwer ins Gewicht fiel, daß dagegen die mangelnde Erfahrung der Offiziere im Segeln in großen Verbänden das Zusammenhalten der Flotte erschwert hat. (Vgl. Lacour II über die Personalien und über diese Reise d'Estaings.)
Richard Earl Howe.
Bei dem Stärkeverhältnis der Flotten war die Lage für Frankreich sehr günstig. Die französischen Streitkräfte zählten 12 Linienschiffe, 1 zu 90 Kanonen, 1 zu 80, 6 zu 74, 3 zu 64 und 1 zu 50, sowie vier Fregatten; 1000 Mann Infanterie waren für Landungen eingeschifft. Die englische Flotte bestand aus 6 Schiffen zu 64 Kanonen, 3 zu 50, 2 zu 44 und einigen Fregatten (in Halifax lagen noch drei oder vier kleinere Linienschiffe nebst mehreren Fregatten). Von diesen befand sich aber nur ein Teil in der Delawarebucht, der Rest lag in New York und in der Narragansettbai. Wäre d'Estaing 10–12 Tage früher angekommen, so hätte er den durch die Transportflotte noch behinderten Teil leicht vernichten können. Die dann nur von dem anderen Teile beschützte Bucht von New York wäre darauf voraussichtlich auch den Franzosen in die Hände gefallen und Clintons Heer, von den französischen See- und den amerikanischen Landstreitkräften in die Mitte genommen, zur Übergabe gezwungen gewesen.