Aber jetzt frischte der Wind sehr auf und schwere Regenböen setzten ein. Als die französische Vorhut die englische Nachhut fast erreicht hatte (gegen 6 Uhr), sah sich d'Estaing genötigt, in einer schweren Bö mit dem Flaggschiffe beizudrehen. Die anderen Schiffe folgten seinem Beispiele; die ganze Flotte lag unter Sturmsegeln bei. Bald wehte schwerer Sturm. In der Nacht verlor das Flaggschiff Bugspriet, Besan- sowie Fockmast und das Ruder wurde beschädigt; auch die anderen Schiffe litten sehr und die Flotte wurde auseinandergesprengt. Der Sturm hielt bis zum Nachmittag des 13. an. Um diese Zeit sah sich das Flaggschiff ganz allein und wurde von einem unbeschädigten englischen 50-Kanonenschiffe angegriffen; ebenso erging es einem völlig entmasteten französischen 74-Kanonenschiff. Die Angegriffenen waren in ihrem wracken Zustande kaum fähig, sich zu verteidigen, da die beweglichen Gegner sie enfilierten, und nur der Einbruch der Nacht rettete sie; das Flaggschiff kam seinem Gegner aus Sicht, das andere erhielt Unterstützung. D'Estaing ankerte noch in der Nacht etwa 60 Seemeilen östlich vom Kap May am Eingang zur Delawarebucht und am 14. trafen die anderen Linienschiffe bei ihm ein, nur eins war nach Boston gesegelt. — Auch Howes Flotte hatte mit dicht gerefften Marssegeln beigedreht und wurde gleichfalls auseinandergesprengt. Ein 50-Kanonenschiff sah sich schwer bedrängt von einem französischen Linienschiff, das jedoch beim Nahen anderer Engländer absegeln mußte; eine Sloop und ein Mörserboot wurden aber genommen. Der Admiral mit seiner Fregatte und nur zwei Linienschiffen sichtete am 15. die Franzosen auf ihrem Ankerplatze und traf dann am 17. bei Sandy Hook mit den übrigen Schiffen zusammen. Auch die englische Flotte war schwer beschädigt, aber doch weniger als die französische.

Nachdem d'Estaing seine Flotte nahe beim Eingang zur Delawarebucht wieder gesammelt und die Sturmschäden notdürftig ausgebessert hatte, ging er am 17. August nach Rhode-Island zurück und traf hier am 20. ein. Sullivan hatte seine Truppen an die englische Stellung um Newport herangeführt und seine Batterien schon bis auf 1500 Yards an die feindlichen Werke vorgeschoben. Er bat nun den Admiral dringend, mit den Schiffen die alte Stellung einzunehmen und aufs neue Leute zu landen, da er allein zu einem Angriffe zu schwach sei. D'Estaing erklärte sich zu der Landung bereit, aber nur, wenn der Erfolg innerhalb zweier Tage zu erreichen sei. Er hatte erfahren, daß Byrons Ankunft bevorstehe, ja daß einige von dessen Schiffen schon in New York angekommen seien, auch hatten einige seiner Schiffe einen zu Howes Flotte nicht gehörenden Dreidecker gesehen, wahrscheinlich Byrons Flaggschiff. Da nun ein so schneller Erfolg nicht sicher stand, erklärte d'Estaing, er dürfe sich mit seinen Schiffen dem Erscheinen eines stärkeren Feindes nicht aussetzen, und seine Kommandanten pflichteten ihm bei; dies entsprach ja auch völlig der Instruktion. Am 22. segelte er nach Boston.

Die Amerikaner ließen den Angriff auf Newport fallen. General Sullivan zog zunächst geschickt seine schwere Artillerie auf das Festland zurück und folgte dann, die Engländer abwehrend, mit den Truppen; am 31. August war er in Sicherheit. Es war hohe Zeit gewesen, denn am 1. September kamen von New York über See 4000 Engländer auf Rhode-Island an. — Empört über die Abfahrt d'Estaings erließ Sullivan später einen Tagesbefehl, der die Bevölkerung der Nordstaaten, sowie die Milizen[266] aus diesen Kolonien gegen die Franzosen aufbrachte; er hatte anscheinend vergessen, daß der Mißerfolg größtenteils durch sein anfängliches Nichtbereitsein verschuldet war. In Boston wurden sogar infolgedessen bei einem Volksauflauf zwei französische Offiziere verwundet, von denen einer starb. Der Kongreß machte diese Vorfälle durch eine Adresse an d'Estaing wieder gut, in der er der französischen Flotte Dank für die bisherige Unterstützung aussprach; auch gab man den französischen Offizieren ein großes Festessen in Boston, ein richtiges Verbrüderungsfest, bei dem 25 Trinksprüche ausgebracht wurden (vgl. Lacour, Seite 174, Fußnote). In der Adresse wurde auch warm hervorgehoben, daß sich der französische Admiral bereit erklärt habe, von Boston aus durch gelandete Mannschaften einen Angriff auf New York zu unterstützen; ein sehr leichtsinniges Versprechen, wie französische Quellen mit Recht sagen, denn die Flotte würde die Mannschaften zur Verteidigung ihrer Stellung in Boston sehr nötig gebraucht haben.

D'Estaing traf am 28. August in Boston ein und ergriff sofort Verteidigungsmaßregeln. Drei schwer beschädigte Linienschiffe nebst den Fregatten legte er in den inneren Hafen, die übrigen nahmen in der äußeren Bucht eine halbmondförmige Stellung mit den Breitseiten nach See zu ein, die durch bereits vorhandene oder sofort aufgeworfene Batterien, armiert mit den Geschützen und bemannt durch die Besatzungen der im inneren Hafen liegenden Schiffe, auf den Inseln an der Einfahrt flankiert wurde. Schon am 31. war das notwendigste fertig. Es war auch die höchste Zeit, denn bald darauf erschien der unermüdliche Gegner.

Admiral Howe sammelte seine Flotte am 17. August bei Sandy Hook und ging schon am 22. wieder in See. Pigot hatte die Meldung gesandt, er könne sich gegen die Amerikaner wohl halten, sei aber verloren, wenn die französische Flotte aufs neue erscheine. Das englische Geschwader war zusammengesetzt wie beim ersten Auslaufen, nur trat an die Stelle eines schwer beschädigten Schiffes ein solches von Byron. Unterwegs hörte Howe, daß d'Estaing nach Boston gesegelt sei und folgte ihm. Die feindliche Stellung dort erschien ihm aber zu stark, und da er mit Hinblick auf den Zustand seiner Schiffe sowie auf die Wetterverhältnisse des herankommenden Herbstes auch eine längere Blockade für untunlich erachtete, kehrte er nach New York zurück. Bei seinem Eintreffen hier am 11. September fand er sechs weitere Schiffe Byrons vor. Bald darauf gab er sein Kommando an diesen ab.

Howe ging nach England. Er hatte schon früher aus Gesundheitsrücksichten die Erlaubnis hierzu erbeten und auch erhalten, jetzt nach Byrons Ankunft glaubte er die englische Sache auf diesem Kriegsschauplatze gesichert. Er kämpfte nur ungern gegen die Amerikaner, und allein die bevorstehende Ankunft der Franzosen bewog ihn zum Bleiben. Er war ferner, wie die meisten tüchtigen Seeoffiziere, empört über die Nachlässigkeiten und Fehler der Admiralität und trat in England schroff gegen den Ersten Lord auf, weshalb er auch erst nach dessen Rücktritt 1782 wieder aktiv verwendet wurde.

D'Estaing segelt nach Westindien. Die Engländer folgen. Mit dem Einlaufen der französischen Flotte in Boston und der Ankunft Byrons in Nordamerika schlossen die größeren Unternehmungen der Seestreitkräfte auf diesem Kriegsschauplatze für das Jahr 1778, denen allerdings auch der Eintritt der schlechten Jahreszeit ein Ende gemacht haben würde. D'Estaing mußte zunächst seine Schiffe gründlich ausbessern, bei dem Mangel an Material in Boston eine schwierige Aufgabe. Der Kapitän Suffren schlug nun vor, aus einigen gefechtsbereiten Schiffen eine fliegende Division zu bilden und mit dieser Vorstöße gegen Neubraunschweig zu machen. Die Instruktion für den Admiral empfahl dies ja auch, aber doch mehr noch die Verwendung der Flotte in Westindien, zumal bei Überlegenheit der englischen Flotte; d'Estaing entschied sich hierfür und erwartete eine günstige Gelegenheit zum Segeln. Zunächst mußte er zwar noch auf einen Angriff gefaßt sein, da es hieß, Byron sei am 18. Oktober von New York in See gegangen, als dieser aber in den nächsten vierzehn Tagen nicht erschien und ein baldiges Auslaufen auch dadurch geboten war, daß man in Boston kaum noch Lebensmittel erhalten konnte, wurden die gelandeten Geschütze sowie Mannschaften eingeschifft und die Flotte seeklar gemacht. Am 2. November wehte ein schwerer Sturm, so daß man annehmen konnte, die englische Flotte sei aus der Nähe vertrieben. Kurz vorher waren amerikanische Freibeuter mit Prisen eingelaufen, die Lebensmittel für das englische Heer geladen hatten. Die Flotte wurde so wenigstens für die Reise versorgt und trat diese am 3. November an.

Vizeadmiral John Byron hatte am 8. Juni England mit 13 Linienschiffen — 1 zu 90 Kanonen, 11 zu 74, 1 zu 64 — und einer Fregatte verlassen. Stürmische Gegenwinde versprengten auf der Reise die Flotte. Die Schiffe waren mangelhaft bemannt, schlecht ausgerüstet — das Tauwerk vielfach nicht neu, sondern nur umgeschlagen — und litten in den Stürmen schwer. Nach 67 tägiger Reise traf das Flaggschiff allein bei Long Island ein und sichtete hier die auf ihrer zweiten Fahrt nach Rhode-Island befindliche französische Flotte. Gänzlich ohne Nachricht über die Lage in Nordamerika, wagte Byron weder New York noch die Narragansettbucht anzusteuern, sondern segelte nach Halifax; seine Schiffe sammelten sich teils hier, teils in New York. Seine Ankunft gab nun zwar den Engländern eine große Übermacht in den amerikanischen Gewässern, aber der Zustand, in dem sich sowohl Byrons wie Howes Schiffe befanden, schloß größere Unternehmungen vorläufig aus. Byron traf persönlich am 26. September in New York ein, vermochte aber erst am 18. Oktober mit 16 Linienschiffen in See zu gehen. Er nahm Kurs auf Boston, seine Schiffe wurden jedoch durch den Sturm am 2. November aufs neue beschädigt und teils nach New York teils nach der Narragansettbucht zurückgetrieben. So konnten die Franzosen segeln.

Das Auslaufen der englischen Flotte sollte anscheinend einer von New York nach Westindien bestimmten Expedition den Weg freihalten. Da auch der Landkrieg im nördlichen Amerika während des Winters zum Stillstand kam, hatte Clinton Befehl erhalten, 5000 Mann nach Westindien abzugeben. Mit diesen verließ ein Konvoi von Transportern am 4. November New York, gedeckt durch zwei 64-, zwei 50-Kanonenschiffe, zwei Fregatten und ein Mörserboot unter Kommodore William Hotham; diese Expedition segelte gleichzeitig und parallel mit der französischen Flotte, ohne daß die eine von der anderen wußte. Auf der Breite der Bermuda-Inseln fielen nach einem Sturme drei versprengte Transporter den Franzosen in die Hände, aber die Besatzungen verrieten ihren Bestimmungsort nicht. D'Estaing nahm Antigua an, kreuzte auf seiner weiteren Reise zwei Tage bei dieser Insel, ohne etwas von dem Konvoi zu sehen, und traf dann am 9. Dezember in Martinique ein. Die englische Expedition erreichte am 10. Barbados. Der Aufenthalt bei Antigua hat vielleicht dazu beigetragen, daß die französische Flotte die Eroberung der Insel Sta. Lucia durch die Engländer nicht hindern konnte.

Byron segelte am 16. Dezember mit 10 Linienschiffen von der Narragansettbucht ab und traf am 6. Januar 1779 in Sta. Lucia ein; damit wurde für das Jahr 1779 Westindien zum Schauplatz des großen Seekrieges, wo bisher nur geringe Streitkräfte der Gegner tätig gewesen waren.