Seine Lage hier war vorzüglich. Die vorherrschenden Winde sicherten ihm die Luvstellung, und schon beim Herauskreuzen wären die feindlichen Schiffe der Gefahr ausgesetzt gewesen, einzeln angegriffen zu werden. Mutvoll und auf seine seemännische Geschicklichkeit vertrauend, nahm Howe auch die Gefahr in den Kauf, daß der Wind dem Feinde günstig sein könne. Wenn dies auch eintrat, so war das Glück doch dem englischen Admiral insofern hold, als ihm der Sturm zu Hilfe kam. Dann war seine Flotte schon nach 10 Tagen wieder see- und gefechtsbereit, obgleich die meisten der Schiffe seit zwei Jahren auf einer Station in Dienst gewesen waren, auf der es an leistungsfähigen Werften mangelte. So schlug Howe durch seine Tüchtigkeit d'Estaing auf allen Punkten; kaum ein Schuß war gewechselt und trotzdem hatte die schwächere Flotte entschiedene Vorteile errungen. Allerdings war der Führer der Franzosen dem englischen gerade in Seemannschaft nicht gewachsen und ähnlich standen die Besatzungen der beiden Flotten zueinander. Dies dürfte sich auch daraus ergeben, daß die französischen Schiffe in den Stürmen mehr litten als die englischen, obgleich sie weit später die heimischen Werften verlassen und doch Zeit genug gehabt hatten, sich einzuüben.
Die französische Expedition hätte den schwächern Engländern gegenüber großen Erfolg haben können, wenn d'Estaing schneller und unternehmender gewesen wäre, aber man darf diesen dennoch nicht zu hart beurteilen. Inwieweit die lange Überfahrt seine Schuld ist, läßt sich kaum entscheiden. Der Gegner gebot in Nordamerika immerhin über eine bedeutende Macht und die französische Flotte mußte unbedingt geschlossen an ihrem Ziele eintreffen; im Segeln in großen Verbänden hatten aber die Franzosen keine Übung, da mußte das Zusammenhalten die Reise verzögern. In welchem Zustande brachte denn Byron die Flotte der sonst an Seemannschaft so überlegenen Engländer über den Ozean? Nur Glück war es, daß nicht eine Anzahl seiner versprengten Schiffe dem Feinde in die Hände fielen; allerdings hatte er sehr schlechtes Wetter. D'Estaings Zögern bei Sandy Hook ist gleichfalls zu verstehen, denn er befand sich an einer Küste, die der französischen Marine völlig unbekannt war. Bei dem damaligen Stande des Kartenwesens konnte man Lotsen nicht entbehren, und für solche rechtzeitig zu sorgen, wäre Sache der Amerikaner gewesen.
D'Estaing mußte ferner zunächst mit Washington über ihr gemeinsames Vorgehen in Verbindung treten, und da gerade dieser den Angriff auf New York im Auge hatte, mußte der Admiral einen solchen mit Hilfe von Lotsen für aussichtsvoll halten, und es kam dann kaum in Betracht, wenn einige Tage mit den Vorbereitungen verloren gingen. Von dem Angriff sah d'Estaing infolge der Weigerung der Lotsen sowie der Ergebnisse der eigenen Auslotungen ab; die Annahme ist erlaubt, daß die meisten in seiner Lage ebenso gehandelt hätten. Bemerkenswert ist, daß sogar ein Seemann wie Suffren — gleicherweise andere tüchtige Offiziere des Kriegsrates — nicht für den Angriff eingetreten ist. Hätte er es getan wie bei Sta. Lucia 1779 in einer ganz ähnlichen Lage, so würde dies sicher überliefert sein, zumal da der Admiral unbeliebt war und ihm gerade Mangel in seemännischer Kenntnis vereint mit Nichtbeachtung technischer Ratschläge vorgeworfen wurde. Ein Nelson und ein Farragut haben allerdings gleich gefährliche Unternehmungen durchgeführt.
Man hat sich gefragt, ob d'Estaing zum Aufgeben des Angriffes, der schwere Opfer kosten und seine Flotte für lange Zeit lahmlegen konnte, nicht auch durch andere Rücksichten als rein militärische bestimmt worden sei. New York war der Mittelpunkt der englischen Macht, sein Fall mußte den Krieg mit den Kolonien schnell dem Ende nähern. Dies lag aber gar nicht im Interesse Frankreichs, da England dann ihm gegenüber die Hände freibekommen hätte. Sicher ist, daß die französische Regierung so dachte, mithin möglich, daß der Admiral geheime Weisungen in diesem Sinne erhalten hatte.
An der Verzögerung des Angriffes auf Newport war zunächst die Unfertigkeit der Amerikaner schuld. Daß d'Estaing sich dadurch hinhalten ließ und daß er das kaum begonnene Unternehmen beim Erscheinen der englischen Flotte wieder aufgab, beruht wohl auf seiner Unerfahrenheit zur See. Er war zweifellos ein tapferer und unternehmender Soldat, unterschätzte jedoch hier sowie späterhin die Kraft seiner Seestreitkräfte. Er wagte die nur schwache Stellung der Engländer ohne Mitwirkung der amerikanischen Truppen nicht anzugreifen und fühlte sich auf seinem Ankerplatz unsicher, obgleich ihm kaum eine Gefahr drohte; tatsächlich hielt ja der erfahrene Seemann Howe die Stellung der französischen Flotte für zu stark. Er hätte sicher seine Aufgabe durchführen und dann erst bei günstigem Winde ausbrechen können. Auch daß er nach dem Inseegehen den Gegner nicht zum Gefecht bringen konnte, ehe der Sturm aufkam, scheint an seinem geringeren seemännischen Geschick Howe gegenüber zu liegen. Seine spätere Vorsicht und das Absegeln nach Westindien, als Byron erschien, entsprachen den erhaltenen Weisungen. Diese englische Verstärkungsflotte hätte Frankreich schon in Europa festhalten müssen und können (vgl. Seite [257]).
Wenn nun auch die französische Expedition nicht die erwarteten Erfolge brachte, so nützte sie doch den Amerikanern. Sie zwang England zum Aufgeben der Stellung am Delaware, schaffte dadurch Washington Luft und ließ als ein Zeichen der Schwäche Englands dessen letzten Versuch zur Versöhnung scheitern. Der Aufenthalt der französischen Flotte an der Küste hielt ferner Clinton von tatkräftigem Vorgehen gegen Washington ab und erleichterte die Versorgung der Kolonien mit Zufuhren über See. Der den Engländern zugefügte unmittelbare Schaden — die Vernichtung einiger Kriegsschiffe, das Aufbringen von Transportern und Handelsfahrzeugen — war dagegen kaum nennenswert.
In Westindien hatten beide Parteien auf ihren zwei Stationen — England: Hauptstützpunkt Barbados für die Kleinen Antillen und Jamaika; Frankreich: Martinique für die kleinen Antillen und St. Domingue (Cap Français)[141] — nur geringe Streitkräfte, Fregatten und kleinere Fahrzeuge. In Frühjahr 1778 sandte England die Admirale Samuel Barrington[142] mit zwei Linienschiffen nach Barbados und Sir Peter Parker mit einem solchen nach Jamaika. Diese sollten die Feindseligkeiten erst auf Befehl beginnen, die Franzosen kamen ihnen aber zuvor.
Wie bereits erwähnt, spielten sich die größeren Ereignisse des Krieges auf der Station der Kleinen Antillen ab. Bei den Großen Antillen wurde nur der Kleine Krieg geführt, dessen Vorfälle — Aufbringen von Handelsschiffen, Einzelgefechte von Kriegsschiffen — man in den Spezialwerken der beiden Marinen findet.