Am 17. August 1778 überbrachte eine Fregatte dem Generalgouverneur der französischen Kleinen Antillen, Marquis de Bouillé, mit der Nachricht von den ersten Gewalttaten der Engländer im Kanal den Befehl zur Eroberung Dominicas. Diese vorher neutrale Insel war 1763 an England gefallen, Frankreich wollte sich jetzt ihrer bemächtigen nicht nur zur Erweiterung seines Besitzes, sondern auch um seine militärische Stellung zu stärken, da sie zwischen den beiden wichtigsten französischen Inseln, Martinique und Guadeloupe, in Sicht von diesen lag. Ihre Befestigungen waren zwar stark, die Besatzung aber nur schwach. Bouillé segelte am 6. September mit drei Fregatten, einer Korvette, 1200 Soldaten und 1000 Freiwilligen, Kreolen und Farbigen, in wenigen Stunden von Martinique nach der Hauptstadt Dominicas, Le Roseau jetzt Charlottetown, hinüber, und der englische Gouverneur unterzeichnete schon am nächsten Tage die Übergabe, um unnützes Blutvergießen zu vermeiden. Gut gehaltene Werke mit 164 Kanonen sowie 48 Mörsern und reiche Vorräte fielen den Franzosen in die Hände; sie waren jetzt im Besitz der vier in einer Linie liegenden Inseln Sta. Lucia, Martinique, Dominica, Guadeloupe.

Samuel Barrington.

Der Kampf um Sta. Lucia. Barrington hatte auf ausdrücklichen Befehl in Barbados auf Weisungen gewartet und auch nichts von dem schnell und geheim vorbereiteten Unternehmen Bouillés erfahren, sonst hätte er es wohl leicht verhindert, da er über zwei 74-Kanonenschiffe verfügte. Er erwies sich als tüchtiger und schnell entschlossener Führer. Als am 10. Dezember 1778 der Kommodore Hotham mit 7 Kriegsschiffen nebst dem Transporte von New York eintraf, beließ Barrington die Truppen an Bord, ging schon am 12. zum Angriff auf Sta. Lucia in See und sandte Kreuzer voraus, um zu verhindern, daß durch Handelsschiffe Nachricht dorthin gelange. Die Insel, gleichfalls früher neutral und 1763 an Frankreich gefallen, war strategisch wichtig für England, da man von ihr aus leicht Martinique mit dem Haupthafen der französischen Antillen, Fort Royal, beobachten konnte. Sie wurde fast ohne Kampf am 13. und 14. Dezember genommen.

Eroberung Sta. Lucias durch die Engländer. Am 13. Dezember 1778 ankerte Barrington in der Bucht Cul de Sac auf der Westseite der Insel, landete einen Teil der Truppen und besetzte die Batterien am Strande sowie eine Höhe, die von Norden die Bucht beherrschte; die schwache französische Besatzung konnte bei Räumung der Werke nicht einmal die Geschütze vernageln. Am nächsten Tage bemächtigten sich die Engländer ebenso leicht eines Werkes auf der Höhe Morne de La vierge im Norden der benachbarten Bucht La Carenage (an der jetzt die Hauptstadt der Insel, Castries, liegt).[274] wodurch sie auch diesen Ankerplatz beherrschten, und besetzten gleichfalls die damalige weiter im Innern gelegene Hauptstadt Morne fortuné. Der französische Gouverneur zog sich mit einigen hundert Soldaten und Milizen in die Berge zurück.

Aber bereits am 14. Dezember abends erschien Vizeadmiral d'Estaing mit den 12 Linienschiffen, die er von Nordamerika hergeführt hatte, und den Fregatten de Bouillés. Er war am 9. in Martinique angelangt und hatte den Oberbefehl zur See übernommen. Er sollte nicht Eroberungen machen, sondern nur englische Inseln überfallen, deren Befestigungen schleifen, Kriegsmaterial und Garnisonen hinwegführen. Hätte er nun sofort einen Aufklärungsdienst angeordnet, wo er wußte, daß Hotham angelangt sei, würde er die Wegnahme Sta. Lucias leicht haben hindern können. So erfuhr er erst am 13. durch einen amerikanischen Freibeuter die Abfahrt der Engländer von Barbados. Er ging nun mit etwa 3000 Soldaten und Milizen am 14. in See und sichtete abends das englische Geschwader bei Sta. Lucia, das er auf dem Wege nach Grenada geglaubt hatte. Trotz seiner großen Übermacht an Zahl und Stärke der Schiffe (vgl. Seite [260]) vermochte er die Insel nicht zurückzuerobern, da Barrington bereits festen Fuß gefaßt hatte und sich jedem Angriffe zu Wasser wie zu Lande gewachsen zeigte.

Erfolgloser Angriff der Franzosen auf Sta. Lucia. Barrington war gerade in Besitz der Küste von La Vierge bis zum Südende des Cul de Sac gelangt und beabsichtigte, seine Schiffe in die sicherere Bucht Le Carenage zu legen, als eine Fregatte das Nahen der Franzosen meldete und diese auch von den Höhen gesichtet wurden. Er legte nun während der Nacht seine sieben Schiffe von über 50 Kanonen (nur zwei zu 74) in eine Linie am Eingange des Cul de Sac, wobei er die an den Strand sich anlehnenden Flügel durch Wahl der stärksten Schiffe und durch quer gelegte Fregatten gegen Umgehung sicherte; die Soldaten setzten die eben genommenen Werke in Gefechtsbereitschaft. D'Estaing steuerte am 15. mit Tagesanbruch in die Bucht Le Carenage, um von hier aus den französischen Garnisonen Hilfe zu bringen, ein lebhaftes Feuer von La Vierge belehrte ihn erst, daß auch diese Bucht schon im Besitz des Feindes sei, und daß es sich nicht um Entsatz, sondern um Wiedereroberung der Insel handele. Er beschloß, das englische Geschwader anzugreifen. Um 11½ Uhr vormittags führte er seine Flotte in großem Abstande an den englischen Schiffen vorüber, wechselte mit ihnen Schüsse und wiederholte dieses Manöver einige Stunden später; nennenswerte Verluste oder Beschädigungen erlitt keiner der Gegner, die Engländer verloren nur drei Tote.

Es ist nun wahrscheinlich, daß die Franzosen an diesem Tage wegen Windstille unter Land nicht näher herankommen konnten, aber auf eine günstige Gelegenheit hierzu war mit Sicherheit früher oder später zu rechnen. Trotzdem entschied sich d'Estaing, die englische Stellung zu Lande anzugreifen. Er ankerte in einer Bucht nördlich von Le Carenage, schiffte die Landtruppen sowie etwa 4000 Mann der Flotte aus und marschierte am 18. gegen La Vierge. Da aber der Hügel mit dem Fort auf dem Ende einer niederen Landzunge lag, gerieten die Franzosen in ein vernichtendes Feuer, und drei durch d'Estaing und de Bouillé persönlich geführte, mit größtem Mute unternommene Angriffe wurden unter Verlust von 41 Offizieren und 800 Mann an Toten und Verwundeten abgeschlagen. Noch am Abend des 18. schiffte man sich wieder ein. Der Admiral zog nun doch den Angriff des englischen Geschwaders in Betracht. Er ließ durch eine Fregatte vor dem Cul de Sac die Windverhältnisse beobachten, und als diese am 24. günstig erschienen, lichtete er Anker. Barrington hatte aber die Frist benutzt, seine Schiffe weiter in die Bucht zu legen, wohin die Seebrise seltener kam und wo er noch sicherer vor Umgehung der Flügel war; auch die Zahl der Batterien am Lande war vermehrt.[275] D'Estaing erachtete jetzt wohl die feindliche Stellung für zu stark oder den Tag zu weit vorgeschritten und nahm den alten Ankerplatz wieder ein. Als er hier am 28. Dezember erfuhr, daß Byron mit seiner Flotte in Westindien erwartet würde, gab er das Unternehmen gegen Sta. Lucia vorläufig auf.

D'Estaing segelte am 29. Dezember nach Martinique zurück und am 30. unterzeichnete der französische Gouverneur die Übergabe von Sta. Lucia. Die Insel blieb während des Krieges englischer Besitz und bewährte 1782 ihre strategische Wichtigkeit; von ihr aus beobachtete Rodney die französische Flotte vor seinem großen Siege.