Der Verlust der Franzosen bezifferte sich auf 166 Tote und 763 Verwundete, der der Engländer auf 183 Tote und 346 Verwundete; von diesen fielen zwei Drittel auf die 6 besonders betroffenen Schiffe (b. u. c.).
D'Estaing legte gegen 3 Uhr nachm. seine Flotte durch gleichzeitiges Wenden aller Schiffe über Steuerbordbug (Kurs nach Süden), um in der Nähe der Insel zu bleiben; Byron folgte dem Beispiel, um die im Süden treibenden Schiffe (b′.) zu decken. Aber die Franzosen ließen diese unbehelligt entkommen. Das eine rettete sich nach Jamaika, die beiden anderen steuerten, nochmals von der feindlichen Linie beschossen, nach Norden, wohin auch das beschädigte Spitzenschiff (a′.) entwich. Während der Nacht und am anderen Morgen ankerte d'Estaing wieder vor Georgetown, und Byron nahm Kurs nach St. Christoffer, wohin er den Konvoi schon früher beordert hatte. Nur ein oder zwei Transporter fielen am 7 Juli in die Hände der Franzosen.
Beurteilung der Schlacht bei Grenada. Es war ein Fehler, daß von der englischen Flotte drei Schiffe (b.) ausfielen. Bei der Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen Zusammenstoßes mit dem Feinde mußte die Flotte geschlossen bleiben, und dies bot keine Schwierigkeit, da sie mit Rücksicht auf den langsamern Konvoi nur mit beschränkter Geschwindigkeit segeln konnte. Ferner brauchte Byron nicht anzugreifen, ehe die Ordnung hergestellt war. Er hatte frühmorgens die Luvstellung, konnte fest mit Auffrischen des Windes rechnen und der Feind mußte sich ihm stellen. Wollte d'Estaing einen Kampf unbedingt vermeiden, so hätte er seine Eroberung und voraussichtlich auch langsamere Schiffe im Stich lassen müssen. Endlich hat auch wohl Barrington den Befehl zur Jagd zu wörtlich aufgefaßt.
Auch d'Estaing werden Fehler nachgewiesen, die ihn um einen großen Erfolg gebracht haben. Schon gegen Ende des ersten Abschnitts der Schlacht, als er seine Linie gebildet hatte, konnte er durch Wenden im Kontremarsch und Durchbrechen der lockeren feindlichen Linie einen entscheidenden Sieg herbeiführen. In seinem Bericht führt er aus, er habe dies unterlassen, weil andernfalls mehrere seiner Schiffe in Lee hätten abgeschnitten werden können. Hierauf wurde erwidert, seine Linie hätte besser sein können, wenn er schon am 5. in See gegangen wäre. Um Mittag des 6. lag er dann mit 24 kampfbereiten Schiffen 17 oder 18 Engländern gegenüber, von denen einige so beschädigt waren (c′.), daß die übrigen in Manöver und Fahrt auf sie Rücksicht nehmen mußten; außerdem hatte Byron drei gefechtsunfähige Schiffe im Süden (b′.) und ein[279] oder zwei (a′.)′ im Norden zu schützen. Dies auszunutzen, standen dem französischen Admiral drei Wege offen. Er konnte vorwärts segeln, im Kontremarsch wenden, sich zwischen den Gegner und den Konvoi setzen und seine Fregatten auf letzteren werfen; dies fürchtete Byron, wie er berichtet hat. Er konnte ferner mit allen Schiffen zugleich wenden, angreifen und so einen Entscheidungskampf herbeiführen. Von beiden Maßregeln hat ihn wiederum die Rücksicht auf die in Lee stehenden Schiffe abgehalten. Endlich konnte er, als seine neue Linie (C.-C.) gebildet war, sofort nach Süden steuern, um die Engländer dort (b′.) abzuschneiden. Dieses Manöver bot den größten Vorteil. Es hätte den englischen General bewogen, wie er selbst zugibt, unter gewagten Umständen, nämlich ohne Rücksicht auf das Mitkommen der beschädigten Schiffe (c′.), anzugreifen, und die überlegene französische Flotte hätte leicht zu gleicher Zeit das bewegungslose Schiff im Norden (a′.), sowie den Konvoi durch die Fregatten angreifen können.
Suffren, der keineswegs ein persönlicher Gegner d'Estaings war, hat erklärt: „Wäre des Admirals Seemannschaft seinem Mute gleich gewesen, so würden wir nicht vier entmastete Schiffe haben entkommen lassen.“ Das Verhalten d'Estaings ist aber auch wohl durch die damals in der französischen Marine herrschende Ansicht über die Kriegführung zur See beeinflußt; ein Punkt, auf den wir sogleich und später noch öfter zurückkommen werden.
Die Schlacht bei Grenada war ein Sieg der Franzosen, denn die englische Flotte wurde durch die Beschädigung einiger Schiffe für längere Zeit lahmgelegt und die Eroberung Grenadas gesichert, aber ihr Erfolg wäre weit größer gewesen, wenn d'Estaing seine Überlegenheit und die Fehler des Gegners besser ausgenutzt hätte. In dieser Hinsicht ist sie von Bedeutung für die Seekriegsgeschichte. Sie zeigt deutlich die schon mehrfach erwähnte Neigung der Franzosen in jener Zeit für eine Defensivtaktik, selbst unter so günstigen Verhältnissen wie hier weichen sie nicht davon ab. Und gerade die Schlacht bei Grenada erweist den engen Zusammenhang zwischen diesem Verhalten und der Auffassung über die strategischen Aufgaben der Seestreitkräfte, wie sie damals bei der Regierung und bei den Seeoffizieren in Frankreich vorherrschte. Man begnügte sich mit Aufgaben und Erfolgen in beschränktem Maße, ließ aber das wichtigste und richtigste Ziel, die Vernichtung der feindlichen Marine, außer Augen. Bei Grenada sah d'Estaing seine Pflicht nur darin, die Eroberung der Insel sicherzustellen, schonte seine Flotte und unternahm nichts weiter, obgleich sich Gelegenheit bot, durch schwere Schädigung der englischen Flotte die Seeherrschaft in den westindischen Gewässern zu erringen. Ein ähnlich hervorragendes Beispiel gab uns die Schlacht bei Minorka (1756).
Ramatuelle, ein Seetaktiker (vgl. Quellenverzeichnis), der in diesem Kriege diente, zur Zeit Napoleons schrieb und wohl die herrschende Auffassung wiedergibt, sagt: „Die französische Marine hat stets den Ruhm, eine Eroberung zu sichern, dem vielleicht glänzenderen, aber in Wahrheit bedeutungsloseren vorgezogen, einige Schiffe zu nehmen, und damit hat sie sich mehr dem wahren Ziele genähert, das man sich in einem Kriege setzen soll. Was würde der Verlust einiger Schiffe den Engländern bedeutet haben? Der wesentliche Punkt war, sie in ihrem Besitze, der Quelle ihres Reichtums und ihrer Seemacht, anzugreifen!“ Ramatuelle führt als einen Beweis für seinen Ausspruch gerade die Schlacht von Grenada an. Nun können gewiß Fälle eintreten,[280] wo man einen augenblicklichen sicheren militärischen Erfolg zugunsten eines größeren aufgibt, aber wieder gerade bei Grenada trifft dies nicht zu. An der Erhaltung der kleinen Insel lag wenig, sie wäre mit Erringung der Seeherrschaft auch gesichert gewesen; diese hätte ferner die Eroberung weiterer Inseln, sowie die Lahmlegung des englischen Handels ermöglicht. Schon früher (204) ist eine Äußerung Mahans über diesen Ausspruch Ramatuelles angeführt.
Im übrigen hatte d'Estaing im Gegensatz zu La Gallissonnière bei Minorka gar nicht den Befehl, englische Inseln zu erobern, sondern er sollte ihnen nur den Wert als Stützpunkte der Gegner nehmen; aber ihm lag wohl viel an dem Besitze von Grenada, da diese Eroberung sein einziger Erfolg bisher war und auch bleiben sollte.
D'Estaing verläßt Westindien. Byron ging nach St. Christoffer zum Ausbessern. Dies machte große Schwierigkeiten, da die Admiralität wie überall auf den auswärtigen Stationen nicht vorgesorgt hatte. Trotz der Geschicklichkeit, mit der die englischen Seeoffiziere jener Zeit auch unter den ungünstigsten Umständen ihre Schiffe wieder seefähig zu machen verstanden, war die Flotte zu längerer Untätigkeit verdammt. D'Estaing zog hieraus nur geringen Nutzen. Anstatt dem Feinde zu folgen, um ihm noch mehr Abbruch zu tun und sich dann gegen andere Inseln zu wenden, begnügte er sich damit, die Grenadinen zu besetzen. Am 15. Juli ging er dann in See, lief am 19. Guadeloupe an und beorderte einen hier für die Reise nach Europa gesammelten Konvoi, ihm zu folgen. Er erschien auch vor St. Christoffer, wagte aber keinen Angriff, da er die Engländer in Verteidigungsstellung fand, gestützt auf Batterien am Lande, und machte selbst keinen Versuch, sich zweier Schiffe zu bemächtigen, die bei der holländischen Insel Saba lagen; in seinem Berichte sagte er: „Weil er im Gegensatze zu den Engländern eine neutrale Flagge achte.“ Er paradierte nur am 23. und 24. Juli in Gefechtslinie vor St. Christoffer und führte dann den Konvoi nach Haiti; am 31. traf er in Cap Français ein. Hier fand er den ausdrücklichen Befehl vor, mit den 1778 von Toulon ausgelaufenen Schiffen nach Brest zurückzukehren, die nachgekommenen Verstärkungen aber in Westindien zu belassen. Nun war ihm schon im Frühjahr eine Bitte des amerikanischen Generals Lincoln, unterstützt durch den französischen Konsul in Charleston, zugegangen, er möge nach Georgia kommen, um bei der Vertreibung der Engländer aus den Südstaaten mitzuwirken; er hatte damals geantwortet, daß er Westindien noch nicht verlassen könne. Jetzt wurde die Bitte in dringendster Form erneuert, auch hörte er, das amerikanische Volk murre über die Franzosen: diese hätten wohl die Hilfe Bostons zur Ausbesserung der Schiffe gern angenommen, nachher aber die amerikanische Sache im Stich gelassen. Er glaubte der allgemeinen Sache zu nützen, wenn er jetzt der Bitte Folge leiste, ja sogar, falls das Unternehmen in Georgia nicht lange dauere oder es sonst günstiger erschiene, mit Washington im Norden zu operieren versuche. Trotz seines Befehles ging er also mit 22 Linienschiffen am 25. August nach Savannah in See.
Hiermit fanden die größeren Ereignisse in Westindien für 1779 ihr Ende. Byron segelte im August nach England; Barrington, bei Grenada verwundet, war schon früher heimgekehrt. Kontreadmiral Hyde Parker übernahm das Kommando der Antillenstation bis zum März 1780; dann traf Admiral Rodney mit einer Flotte ein und der Kampf auf diesem Kriegsschauplatze begann wieder.