Eine gute französische Quelle (Chevalier) sagt: „Die französische Regierung habe besonderen Wert auf die Erwerbung Dominicas gelegt, weil diese Insel zwischen Martinique und Guadeloupe lag, so den französischen Besitz abrundete und auch leichter zu verteidigen war. Die Regierung sei ferner überzeugt gewesen, daß England beim Friedensschluß alles daran setzen würde, Sta. Lucia zu erhalten, und daß dann leicht eine Einigung erzielt werden könne, wenn man jetzt die eine Insel nähme, die andere dem Gegner überließe; jede Partei würde beim Friedensschlusse eben behalten, was sie schon besäße.“ Von großem Selbstbewußtsein zeugt diese Auffassung nicht, aber wir wissen, daß Frankreich im Anfange des Krieges noch nicht die Absicht hatte, in Westindien Eroberungen zu machen.
Durch die Ankunft d'Estaings wurden die Franzosen dann weit überlegen, und dieser Admiral hätte Sta. Lucia wieder gewinnen können. Der Versuch mißlang infolge seiner falschen und wechselnden Maßnahmen, die wiederum durch seine Neigung bedingt waren, den Wert der Seegeltung zu unterschätzen und das Hauptgewicht auf die Verwendung der Landstreitkräfte zu legen. Er hätte durch Vernichtung des schwachen englischen Geschwaders die Seeherrschaft erringen müssen, dann wäre auch die Insel gefallen. So machte er nur einen schwächlichen Versuch hierzu, und gab auch diesen auf, als er von der bevorstehenden Ankunft Byrons hörte. Es ist kennzeichnend für d'Estaing, daß er als Oberbefehlshaber einer großen Flotte die Operationen am Lande selber leitete und den Angriff hier wie bei späteren Gelegenheiten sogar in Person führte; er war eben in erster Linie Landsoldat, allerdings ein tüchtiger und wagemutiger.
Wir wissen, daß die Seeoffiziere bei der Bedrohung von New York und Newport 1778 nicht auf ein kräftigeres Einsetzen der Flotte drangen. Hier in Westindien war es anders. Kapitän Suffren stellte dem Admiral in einer mit großem militärischen Takte verfaßten Denkschrift (eingehend in Chevalier II, Seite 130, und Lacour II, Seite 187) vor, wie unrichtig und gefährlich die Landung sei. Mit der Vernichtung der englischen Schiffe erreiche man den Fall der Insel sicherer, so aber setze man die Flotte durch Entfernung des Chefs und Schwächung der Besatzungen einer großen Gefahr aus, falls die englischen Seestreitkräfte Verstärkung erhielten. — Diesen Rat, sowie den anderer erfahrener Seeoffiziere ließ d'Estaing außer acht, aber doch gab er wohl den Angriff am Lande nur aus Besorgnis um die Flotte so schnell wieder auf.
Mit dem Erscheinen Byrons (Januar 1779) wurden die Seestreitkräfte der Gegner nahezu gleich, und die Engländer konnten ihren Besitz von Sta. Lucia als gesichert ansehen. Bald aber wurde der englische Admiral durch die Deckung des nach Europa bestimmten Konvois in Anspruch genommen, eine Verpflichtung, die häufig an die Flottenchefs jener Zeit, besonders die englischen, herantrat und sie von ihren rein militärischen Aufgaben abzog; Byron mußte seine ganze Flotte dazu verwenden, denn bei der Stärke der feindlichen Seemacht würde die Abzweigung eines Teiles diesen oder den Rest gefährdet haben. Die günstige Gelegenheit benutzte d'Estaing zur Wegnahme St. Vincents und Grenadas, und Byrons Rückkehr zum Entsatz führte zur Schlacht bei Grenada, die für die Seeherrschaft hätte entscheidend werden können. Der englische Admiral verlor aber seine Aussichten auf Erfolg durch unvorsichtigen Angriff und der französische nutzte weder in der Schlacht die Fehler, noch nach derselben die erreichte Schwächung des Gegners aus. D'Estaing verließ dann Westindien. Hierbei folgte er allerdings teilweise einem Befehle, er verstieß jedoch gegen diesen dadurch, daß er mit der ganzen Flotte absegelte und so dem Feinde die See völlig freigab. Man sollte fast glauben, daß er sich zu dem Plane eines Zusammenwirkens mit Lincoln oder Washington in Nordamerika durch seine Vorliebe für Landunternehmungen bestimmen ließ, um so mehr, als er dort mit englischen Seestreitkräften kaum zu rechnen hatte. Vor Savannah erwies er sich zwar als mutiger Landsoldat, ließ aber bald die Sache aus Besorgnis um die Flotte fallen.
Frankreich hat für den Krieg in Westindien eine starke Macht aufgeboten, was um so bemerkenswerter ist, als es für das Jahr 1779 auch in den europäischen Gewässern ein großes Unternehmen, einen Einfall in England, plante. Aber der ganze Erfolg in Westindien bestand in der Eroberung einiger Inseln, die mit Ausnahme Dominicas von geringer Bedeutung waren; dafür hatte man das strategisch wichtige Sta. Lucia geopfert.
Der Vorwurf für den Mißerfolg der beiden Jahre in Nordamerika und Westindien trifft d'Estaing, der auch selber in Briefen und Berichten seinem Grame darüber Ausdruck gibt. Ältere französische Quellen behaupten, er sei von seinen Untergebenen nicht genügend unterstützt worden, neuere widersprechen dem und äußern sogar, dieser Grund sei in Frankreich bei Mißerfolgen stets angeführt; bekannt ist, wie man dort in ähnlichen Lagen häufig sogar die Anschuldigung des „Verrates“ findet. Hiergegen spricht auch, daß der Admiral stets günstig über Offiziere sowie Mannschaften berichtet und von den ersteren mehrere zur Auszeichnung oder Beförderung eingegeben hat. Richtiger ist wohl ein Ausspruch anderer Autoren: „Man hätte dem tüchtigen Soldaten eine große Laufbahn im Heere sichern, ihn aber nicht gleich mit einem hohen Range in der Marine anstellen sollen; für wichtige Aufgaben geeignete Seeoffiziere waren genügend vorhanden.“ Es wird versucht, den Fehler der Regierung dadurch zu entschuldigen, daß sie der öffentlichen Meinung zuliebe gehandelt habe; nach den Mißerfolgen des letzten Krieges seien Stimmen laut geworden, die eine Auffrischung des Seeoffizierkorps durch bewährte Landoffiziere befürworteten.
Ein wichtiger Erfolg, den d'Estaing durch seinen Zug nach Savannah und die Bedrohung der Engländer an der amerikanischen Küste errang, war die Räumung der Narragansettbucht durch diese; nach Rodney „der größte Fehler, den England begehen konnte“. Kapitän Mahan sagt (Clowes Band III, Seite 442) in Erweiterung seines Ausspruches (vgl. Seite [269]) über den strategischen Fehler, den England durch die Eröffnung des Krieges in den Südstaaten gemacht habe, „der Fall von Savannah würde ein Glück für England gewesen sein, da man dann die Unternehmungen dort wohl aufgegeben hätte.“ So aber bestärkte die leichte Abwehr der Gefahr den General Clinton in seinen Plänen; sobald die Abfahrt der französischen Flotte sicher war, ging er im Dezember 1779 persönlich mit Admiral Arbuthnot zur Eroberung Charlestons von New York in See.
Westafrika. Im Zusammenhang mit Westindien muß ein französischer Vorstoß erwähnt werden, den der Marquis de Vaudreuil 1779 auf seiner Fahrt zu d'Estaing hier ausführte. Er verließ am 25. Dezember 1778 mit 2 Linienschiffen, 2 Fregatten und 3 Korvetten Frankreich; auf einigen Transportern waren Truppen unter dem Herzog von Lauzun, einem beliebten Hofmann, aber tüchtigen Soldaten, eingeschifft. Am 30. Januar 1779 wurde die englische Besitzung St. Louis am Senegal zur Übergabe gezwungen. Die Fregatten bemächtigten sich dann der Kontore am Gambia, an der Sierra-Leone — sowie an der Guineaküste bis zum Voltaflusse. Vaudreuil segelte mit dem Geschwader am 5. März nach Westindien weiter, Lauzun sicherte die Eroberungen und kehrte dann nach Frankreich zurück.
Der Krieg in den europäischen Gewässern 1779/80.
Im Jahre 1779 wurde die Lage Englands sehr ernst, denn am 12. April schlossen Frankreich und Spanien ein Bündnis ab. In diesem wurde eine gemeinsame Kriegführung für das laufende Jahr vereinbart, die eine unmittelbare Bedrohung Englands vorsah. Es ist bereits erwähnt (Seite 214), daß schon unter Choiseul eingehende Pläne für einen Einfall in England ausgearbeitet waren, und mit Ausbruch des neuen Krieges traten wiederum tüchtige Offiziere mit solchen hervor.