Es ist unverständlich, weshalb England nicht rechtzeitig die französische Flotte in Brest blockiert und so die Vereinigung der Gegner verhindert hat, da doch Spaniens Eintreten in den Krieg seit Monaten vorauszusehen war. Es hätte selbst später noch die eigene Flotte hinter der französischen her zur spanischen Küste senden können; wie die Sache lag, würde sie dort wochenlang die Überlegenheit besessen haben. Dieser zweite Fehler ist allerdings verzeihlich, da die Regierung unter dem Druck der öffentlichen Meinung die englische Küste und den Kanaleingang nicht entblößen durfte; mit der Blockade von Brest wäre aber auch der Kanal gedeckt gewesen. England konnte von Glück sagen, daß die französische Flotte sich nicht vor den Kanal gelegt hatte, um die spanische zu erwarten, dort hätte sie wahrscheinlich große Handelsflotten abgefangen, die zurückerwartet wurden; so erreichten ein Konvoi von den Antillen, einer von Jamaika (gegen 200 Fahrzeuge) und 8 große Ostindienfahrer unbehelligt die Häfen Englands und Schottlands.

Die Furcht vor einer Invasion war in England wieder einmal sehr groß, doch diesmal wohl berechtigter als je zuvor. Am 9. Juli befahl die Regierung, beim Drohen einer feindlichen Landung alle Pferde und sämtliches Schlachtvieh ins Innere zu treiben; der Hafen von Plymouth ward durch eine Balkensperre geschützt und Schiffe zum Versenken bereit gehalten; große Besorgnis herrschte für die zurückerwarteten Konvois. Viele Einwohner flüchteten von der Küste; man erzählt, daß bei einem Gottesdienste in einem Küstenorte plötzlich eine Panik ausgebrochen sei und alle Teilnehmer bis auf den Pfarrer sowie den Bezirksgeneral nebst seinen Offizieren und Soldaten aus der Kirche geflohen seien. Die Militärs hielten die Lage indessen nicht für bedrohlich, und so konnte noch der später als Stratege berühmte Admiral Jervis, der beim Erscheinen[289] der Verbündeten ein Schiff der Kanalflotte befehligte, seiner Schwester schreiben: „Es sei demütigend für England, daß der Feind den Kanal beherrsche, aber über den Gedanken an eine Invasion müsse er lachen.“

Die Flotte der Verbündeten fand auf ihrer Fahrt das schönste Wetter und hätte südwestlich von Ouessant, wo sie mehrere Tage durch Gegenwind aufgehalten wurde, die erbetenen Vorräte übernehmen können; man sandte aber nur einige Fahrzeuge mit Reserverundhölzern und vertröstete sie sonst auf spätere Zeit im Kanal. Am 11. August passierte sie Ouessant, am 14. Lizard und erschien am 17. vor Plymouth, wo ihr ein englisches Linienschiff in die Hände fiel, das sie für Engländer gehalten hatte. Die beiden großen Flotten hatten sich nicht gesichtet und wußten auch nichts weiter voneinander.

Jetzt stand also die überlegene französisch-spanische Macht zwischen der englischen und deren Häfen. D'Orvilliers beabsichtigte dem Plane für die Landung entsprechend, den Kanal nach der englischen Flotte bis Wight abzusuchen, sich in Besitz der Rhede von St. Hellens an der Nordostküste dieser Insel zu setzen und dann Cordobas Geschwader nach Cherbourg zu senden, um die Überfahrt der Transportflotte zu decken. Er wollte mit der Hauptmacht den Gegner zur See im Schach halten, ihn schlagen oder in seine Häfen einschließen. Das französische Landungsheer stand um diese Zeit für die Einschiffung auf 100 Transportern bereit, während man in England zur Abwehr neben den Milizen nur über wenig reguläre Soldaten verfügte, da man eine ansehnliche Truppenzahl zur Unterdrückung von Unruhen in Irland halten mußte; zudem war die verbündete Flotte auch nach Abzweigung Cordobas noch der englischen weit überlegen. Diese Gelegenheit, so günstig wie nie zuvor, um endlich einmal die Invasion wirklich durchzuführen, blieb jedoch unbenutzt. Vor Plymouth erhielt nämlich d'Orvilliers die Weisung, nicht Wight, sondern die Umgegend von Falmouth als Landungsstelle zu benutzen. Mit Recht wandte der Admiral dagegen ein, daß die große Flotte dort keinen sichern Ankerplatz habe, um sich stets zur Deckung der Landung bereit zu halten, und ein solcher sei um so nötiger, als das günstige Sommerwetter zu Ende gehe. Während er eine Antwort auf diesen Einwurf erwartete, kam ein mehrtägiger Oststurm auf und trieb ihn aus dem Kanal. Am 22. August benutzte er ruhiges Wetter, die Bestände an Wasser und Proviant zwischen den Schiffen auszugleichen und erhielt so die Flotte in ihrer Gesamtheit bis zum 20. September verwendungsfähig. Am 25. traf die Nachricht ein, daß die englische Flotte bei den Scillys kreuze.

Ein Kriegsrat der Flaggoffiziere entschied einstimmig dahin, daß es bei dem schon fast unhaltbar gewordenen Gesundheitszustande sowie dem drohenden Proviant- und Wassermangel unmöglich sei, nochmals in den Kanal einzulaufen. Man beschloß, den Feind zu suchen und zur Schlacht zu zwingen; wäre dies bis zum 8. September nicht zu erreichen, so sollte das französische Kontingent nach Brest, das spanische nach Cadiz zurückkehren. Dementsprechend wurde gehandelt. Am 31. August (nach allen französischen Quellen, nach Clowes am 29.) sichtete man die englische Flotte, die auf der Rückfahrt nach dem Kanal begriffen war. D'Orvilliers versuchte heranzukommen, aber Hardy wich der fast doppelten Übermacht aus, wobei ihn die Windverhältnisse begünstigten. Am 1. November konnten die Engländer ihr Einlaufen in Plymouth als gesichert ansehen und am 3. ankerten sie vor Portsmouth. Noch einmal erschien d'Orvilliers die Aussicht auf einen Teilerfolg. Als er am 31. die Fruchtlosigkeit einer weiteren Verfolgung erkannte, kamen im Westen 15 Schiffe in Sicht; sofort jagte er sie, aber sie erwiesen sich als ein Konvoi holländischer Handelsfahrzeuge. Er kreuzte dann noch am Eingange des Kanals, bis er als Antwort auf seinen Bericht über den Beschluß des Kriegsrates Befehl erhielt, mit der Gesamtflotte nach Brest zu kommen. Am 14. September traf er dort ein und gab am 21. den Oberbefehl an Lieutenant-Général Du Chaffault ab.

Der Zustand der französischen Flotte war tatsächlich so traurig, daß die meisten Schiffe wegen Mangels an dienstbrauchbaren Leuten kaum noch manövrieren konnten. Schon Ende August und Anfang September mußten acht von ihnen nach Brest geschickt werden. Unter ihnen befand sich das Flaggschiff, das von 1100 Mann Besatzung 560 Dienstunfähige zählte; einem 80-Kanonenschiff fehlten von 800 Mann 500; ein Schiff zu 74 Kanonen hatte schon 70 Tote begraben und noch 529 Kranke. Auf vielen der Schiffe, die bis zuletzt die See hielten, war ein Krankenbestand von 2–300 Mann. (Nähere Angaben s. Chevalier II. Seite 171.)

Die Operationen der großen Flotte waren für 1779 beendet. Die französische Regierung hatte zwar die Absicht, die Flotte nach Auffüllung der Besatzungen sowie der Vorräte wieder auslaufen zu lassen, und auch an General de Vaux ergingen neue Erlasse für Unternehmungen, zu denen man die Flotte zu Anfang Oktober bereit glaubte. Aber ein Kriegsrat der französischen und spanischen Flaggoffiziere (3. Oktober) stellte fest, daß man wegen des augenblicklich großen Mannschaftsmangels, hauptsächlich bedingt durch die vielen Erkrankungen in der französischen Marine, sowie wegen notwendiger Ausbesserung der spanischen Schiffe nichts unternehmen könne.

Cordoba segelte am 9. November mit dem Beobachtungsgeschwader nach Spanien. Die übrigen spanischen Schiffe verblieben unter de Gaston bis Januar 1780 in ihren Verbänden der Gesamtflotte; für diese bestand die Ordre de Bataille weiter, damit sie im nächsten Frühjahr zeitig bereit wäre. Sie bezog Winterquartiere und die Lager des Landheeres wurden im November gleichfalls aufgelöst. Der ganze Erfolg der Kampagne, die von den Verbündeten mit Aufbietung aller Kräfte und ungeheuren Kosten ins Werk gesetzt war und die auch viele Menschenleben gefordert hatte, obgleich kaum ein Schuß gefallen war, bestand in der Erbeutung eines Linienschiffes, einiger zwanzig Kauffahrer und in etwa 1100 Gefangenen. Zwar hatte man England in Schrecken gesetzt und dessen Flotte gezwungen, das Feld zu räumen, aber von einer Beherrschung des Kanals, deren sich d'Orvilliers in einem seiner Berichte rühmte, kann keine Rede sein.

Dem greisen Admiral d'Orvilliers, der seinen einzigen Sohn, einen Leutnant, an der Epidemie verloren hatte, wurde natürlich von der öffentlichen Meinung die[291] Hauptschuld an den Mißerfolgen aufgebürdet, die doch in erster Linie durch andere Gründe bedingt waren. Schwer gebeugt zog er sich für den Rest seines Lebens in eine religiöse Anstalt zurück; bei seinem streng christlichen Charakter war ihm der Ausweg versagt, den Villeneuve nach Trafalgar im Selbstmord fand.

Das Jahr 1780 brachte in den europäischen Gewässern keine Unternehmungen der Hauptflotten gegeneinander. Es kam jetzt zur Geltung, daß die Verbündeten verschiedene Ziele im Auge hatten. Beide wollten zwar England erniedrigen, aber Frankreich erstrebte dies in Westindien und Nordamerika, während Spanien Gibraltar und Minorka besonders berücksichtigte. So kamen sie überein, den Einfall in England vorläufig aufzugeben, aber den Gegner in Nordamerika und Ostindien im Schach zu halten, in Westindien angriffsweise vorzugehen, sowie Gibraltar zu nehmen. Diesem Plane entsprechend gestalteten sie ihre Rüstungen für 1780[146].