Spanien hatte zu Beginn des Jahres 20 Schiffe in Cadiz unter Cordoba, 5 bei Algeciras, 11 kreuzten beim Kap St. Vincent; da man erfahren hatte, daß England Zufuhren nach Gibraltar senden wolle, rief man auch de Gaston mit seinen 21 Schiffen von Brest zurück. Er verlor hiervon am 16./17. Januar sieben bei St. Vincent und sandte Ende April zwölf unter Admiral Solano nach Westindien, wo sich schon einige Schiffe befanden; wahrscheinlich waren auch noch verschiedene in den Mittelmeerhäfen stationiert. Spanien wird somit im Anfang des Jahres etwas über 60 Linienschiffe und nach dem Verluste bei St. Vincent etwas unter dieser Zahl im Dienst gehabt haben.
Frankreich schloß den aus Brest absegelnden Spaniern 4 Linienschiffe an, sandte Anfang Februar 16 unter de Guichen nach Westindien, wo sich schon 10 oder 12 unter de Grasse und La Motte-Picquet befanden; im Mai führte de Ternay 7 nebst einer Hilfsarmee nach Nordamerika.
Da sich nun einige Schiffe (2?) in Toulon und schon im Januar von dieser Station 4 bei der spanischen Flotte in Cadiz befanden, 3 in Ostindien lagen, 2 nach dort abgingen und endlich 12 unter Du Chaffault das ganze Jahr über in Brest verblieben, während im Laufe des Sommers noch 9 von hier nach Cadiz segelten, so kann man die Gesamtindienststellung auf mindestens 70 Linienschiffe annehmen.
Selbstverständlich vermochte Frankreich infolge des großen Abganges an Toten und Schwererkrankten auf d'Orvilliers' Flotte noch weniger als im Vorjahre für diese Indienststellungen genügend Seeleute aufzubringen; man mußte noch mehr als früher mit Soldaten aushelfen und überwies zu diesem Zwecke zwei Regimenter des Heeres an die Marine.
England blieb auch 1780 seinem Grundsatz treu, auf allen fernen Kriegsschauplätzen einem Angriff gewachsen zu sein, in Europa seine Küsten zu decken und den Kanal im Interesse des Handels zu beherrschen. Für dieses Jahr waren 7½ Millionen Lstrl. (einschließlich Neubauten, sowie 1½ Millionen Überschreitung des Vorjahres) und 85000 Mann (einschließlich 18700 Seesoldaten) bewilligt. Im Sommer befanden sich 102 Linienschiffe im Dienst, deren Verteilung aus der Tabelle Seite 224 zu ersehen ist.
Im Mittelmeer waren in den Jahren 1778–1779 keine Kriegsereignisse vorgefallen, solange sich nur England und Frankreich gegenüberstanden. Letzteres war durch sein Vorgehen im Kanal, Nordamerika und Westindien so in Anspruch genommen, daß England sich in Minorka und Gibraltar nicht bedroht sah; beide Staaten hielten im Mittelmeere nur geringe Kräfte zum Schutz des Handels. Als aber Spanien in den Krieg eintrat, begann es bereits im Juli 1779 die Belagerung Gibraltars und ließ diesem Platze durch einige Linienschiffe, sowie zahlreiche Fregatten von Algeciras aus die Zufuhren abschneiden. Wie schon erwähnt, war 1780 die Eroberung Gibraltars die Hauptaufgabe der spanischen Marine und eine große Macht wurde dafür bestimmt: Cordoba hatte in Cadiz 31 spanische und 4 französische Linienschiffe, 5 lagen in Algeciras; Gaston sollte mit 21 spanischen und 4 französischen zu ihm stoßen. Aber dennoch glückte es England, die belagerte Stadt mit Vorräten zu versehen.
Rodney[147] siegt bei St. Vincent und versorgt Gibraltar. Januar 1780. Schon im Oktober 1779 hatte man in England beschlossen, den Admiral Sir George Rodney mit einigen Linienschiffen zur Übernahme des Kommandos nach Westindien zu senden; da die französische Flotte in Brest Winterquartiere bezogen hatte, nahm man nun die Gelegenheit wahr, mit der Ausreise dieses bewährten Führers die Versorgung Gibraltars und Minorkas zu verbinden. Der Admiral verließ am 29. Dezember mit 22 Linienschiffen, 14 Fregatten und einigen kleineren Fahrzeugen Plymouth. Nur fünf der ersteren hatte man für Westindien bestimmt, die übrigen gehörten der Kanalflotte an und waren Rodney nur unterstellt, um einen großen Konvoi zu decken. Dieser bestand aus Transportern mit Truppen, Kriegsmaterial sowie Proviant für Gibraltar und Minorka, und aus Handelsschiffen, die zur portugiesischen Küste oder nach Westindien segeln wollten; die letzteren zweigten sich am 7. Januar 1780 unter Deckung eines Linienschiffes nebst 4 Fregatten ab.
Die Flotte stieß am 8. auf ein spanisches Geschwader — ein Linienschiff, 4 Fregatten, 2 Korvetten — nebst 12 Transportern mit Proviant für die Cadizflotte und nahm nach kurzer Jagd alle Fahrzeuge; das Linienschiff wurde, mit Engländern bemannt, angewiesen, die genommenen Proviantfahrzeuge nach Gibraltar zu geleiten. Auf der Weiterreise erhielt Rodney von einem Kauffahrer die Nachricht, daß auf der Höhe von Kap St. Vincent ein spanisches Geschwader kreuze, und als am 16. das Kap passiert war, kamen um 1 Uhr nachmittags 13 Segel in Sicht; Rodney steuerte sofort in gut gehaltener Formation auf sie zu. Es waren 11 Linienschiffe und 2 Fregatten unter dem Admiral Don Juan de Langara, ein Teil der Cadizflotte, die mit spanischer Sorglosigkeit schlecht geschlossen fuhren. Ihr Führer verlor die Zeit damit, zu sammeln, die Gefechtslinie zu bilden, sowie durch Signale die Ansicht der Kommandanten über weiteres Verhalten einzuholen, und nahm dann erst Kurs auf Cadiz, wofür der Wind günstig war.
Rodney gab nun Befehl zur „Allgemeinen Jagd“ mit der Weisung, von Lee her anzugreifen, um sich so zwischen den Feind und die Küste zu setzen; das zuerst herankommende Schiff sollte das letzte feindliche angreifen, das zweite das vorletzte usw. Um 4 Uhr nachmittags schon waren die vier vordersten Engländer im Gefecht, um 4¾ Uhr flog ein spanisches Schiff von 74 Kanonen auf und um 6 Uhr strich ein zweites die Flagge. Jetzt wurde es schnell dunkel, aber der Kampf tobte weiter und um 2 Uhr morgens ergab sich der vorderste Spanier. Nur 4 Linienschiffe und die Fregatten entkamen; das Flaggschiff von 80 Kanonen, sowie 5 74-Kanonenschiffe wurden genommen. Auf einem der letzteren überwältigte später die Besatzung, die zur Bedienung herangezogen werden mußte, die wenigen Engländer, ein zweites strandete und fiel gleichfalls den Spaniern wieder zu. Es wehte nämlich während der Nacht bei hoher See so stark, daß selbst die größeren englischen Schiffe sich nur mit Mühe von den Klippen von San Lucar freihalten konnten.
Diese Schlacht, die den Siegern nur 39 Tote und 102 Verwundete kostete, zeigte die Tüchtigkeit Rodneys, der gerade an diesem Tage schwer unter der Gicht litt. Zwar war der Feind sehr unterlegen und wurde überrascht, aber dennoch blieb es eine kühne Tat, bei dem drohenden Wetter auf einer Leeküste kurz vor Einbruch der Nacht anzugreifen. Es war um so gewagter, als man wußte, daß Cordobas Streitkräfte in diesen Gewässern 35 Linienschiffe zählten. Dieser hatte auch tatsächlich mit den anderen 24 in Erwartung der Engländer gleichfalls vor der Straße von Gibraltar gekreuzt und war eben erst in Cadiz eingelaufen, um einige in einem Sturme beschädigte Schiffe auszubessern. Rodney wurde ferner dadurch vom Glück begünstigt, daß Gaston, der ihm von Brest aus entgegentreten sollte, zu lange im Hafen festgehalten und dann durch die Witterungsverhältnisse auf der Fahrt gehemmt wurde. Rodney erreichte unbelästigt Gibraltar, konnte aber widriger Winde halber erst am 26. Januar auf der Rhede ankern. Die fünf spanischen Blockadeschiffe zogen sich unter die Werke bei Algeciras zurück und die Engländer landeten ungestört Truppen sowie Vorräte. Die Transporter für Minorka waren schon vor dem Einlaufen in die Bucht unter Deckung von 3 Linienschiffen weitergesandt; sobald diese dann wieder eintrafen, ging Rodney am 13. Februar in den Atlantik zurück. Nach drei Tagen entließ er die Schiffe der Kanalflotte und steuerte selber mit 4 Linienschiffen nach Westindien. Gibraltar und Minorka waren auf ein Jahr versorgt.