Am 1. Oktober trafen noch einige Schiffe vor Brest in Cadiz ein und am 24. kamen das Geschwader de Guichens, sowie die selbständige Division de La Motte-Picquets von Westindien an; jetzt waren etwa 40 französische Linienschiffe dort vereint. Da es d'Estaing nicht gelang, Spanien zu entschlossenerem Handeln zu bewegen und er keinen Nutzen in einem längeren Aufenthalt der französischen Schiffe bei Cadiz sah, traf er Anstalt, diese gemäß der erhaltenen Weisung nach Frankreich zurückzuführen. Die Jahreszeit war schon weit vorgeschritten, denn die Schiffe aus Westindien waren über einen Monat später angekommen, als man erwartet hatte und die meisten hatten eine gründliche Ausbesserung nach ihrer fast zweijährigen Abwesenheit nötig. Unter de Guichen waren 95 Schiffe mit Zucker und Kaffee angekommen. D'Estaing ließ von diesen die ins Mittelmeer bestimmten durch Kapitän Suffren mit 5 Linienschiffen nach Toulon geleiten, während er mit dem Gros der Flotte am 7. November nach Norden segelte. Er kreuzte noch kurze Zeit beim Kap St. Vincent und traf am 5. Januar 1781 in Brest ein.

Bemerkungen zu dem Kriege in Europa 1779/80. Während sich 1779 in Westindien etwa gleichstarke Kräfte gegenüberstanden, befand sich England in den heimischen Gewässern in großer Bedrängnis, als die Flotte der Verbündeten auftrat; niemals seit Ruyters Zeit war die Gefahr eines Einfalles so groß gewesen wie jetzt. Zwei Fehler der Regierung hatten dies verschuldet. Erstens hatte man in den Friedensjahren versäumt, die Marine einem möglichen, ja wahrscheinlichen Zusammenwirken der beiden bourbonischen Königreiche gewachsen zu erhalten, zweitens mußte die Vereinigung der beiden feindlichen Flotten jetzt verhindert werden. Daß diese Unterlassungen sich nicht rächten, ist nur den Mißgriffen der Verbündeten zu danken; diese seien hier nochmals kurz zusammengefaßt.

Die französische Flotte ging mit unvollständiger Bemannung und Ausrüstung in See, um nicht vom Feinde in ihren Häfen blockiert zu werden. Die spanische brauchte sieben Wochen bis zur Vereinigung und dann verging noch eine Woche mit Maßnahmen, die man vorher hätte erledigen können. Französischerseits unterließ man ferner die[297] Ergänzung der während des langen Wartens aufgebrauchten Vorräte. Ein weiterer schwerer Fehler war der befohlene Wechsel des Angriffspunktes. Dadurch ging die günstige Gelegenheit zur Landung unwiederbringlich verloren, und Krankheit sowie Mangel auf der Flotte bereiteten schließlich dem Unternehmen ein unrühmliches Ende. Auch hier bestätigte sich wieder, daß es grundfalsch ist, eine vor dem Feinde stehende Macht, und ganz besonders eine Seestreitmacht, ganz von Hause her leiten zu wollen. Gerade im vorliegenden Falle war der Gegenbefehl durchaus verkehrt und somit d'Orvilliers' Einwendungen völlig berechtigt; die erhaltene Weisung einfach nicht zu beachten, lag nicht in seinem Charakter. Dies hätten auch wohl nur wenige Führer gewagt, ein Nelson oder Bonaparte würden es wahrscheinlich getan haben.

Die Führer der großen Flotte zeigten sich allerdings auch nicht ihrer Aufgabe gewachsen, doch fällt dies gleichfalls den Regierungen zur Last, die sie an die verantwortlichen Stellen setzten. D'Orvilliers war ein tüchtiger Offizier, aber 68 Jahre alt und kein Charakter, der die Jahre vergessen ließ; er nannte sich außerdem selber „einen gebrechlichen Greis“. Es fehlten ihm Entschlußfähigkeit und Kühnheit, die unter schwierigen Umständen vieles wagen, um alles zu gewinnen.

Bezeichnend sind die Aussprüche zweier anderer Autoren (Chevalier II, Seite 136 A. a. O.): „D'Orvilliers wollte 1778 bei westlichem Winde nicht in den Kanal einlaufen, da er dann bei schlechtem Wetter oder nach unglücklichem Kampfe nicht wieder herauskönne; 1779 hinderte ihn östlicher Wind am Einlaufen. Welch ein Wind war denn nun günstig?“ — (Lacour II, Seite 254): »Man sagt, daß sich d'Orvilliers während des Feldzuges 1779 stets gefragt habe: „Was geschieht, wenn ich besiegt werde“, aber niemals: „Was erfolgt, wenn ich siege.“

Nicht anders lag es mit Cordoba. Dieser war sogar 73 Jahre alt, und d'Estaing, der 1780 mit ihm verhandeln mußte, berichtete, er habe bisher nur gegen die Barbaresken gefochten und sei, selbst nach Ansicht spanischer Offiziere, eine Persönlichkeit ohne jede Bedeutung, ohne Tatkraft und Kühnheit. Beide Führer waren allerdings auch nicht vom Glück begünstigt, und die Wetterverhältnisse waren mehrfach gegen sie, aber es gilt als alte Erfahrung, daß dem Wagemutigen das Glück hold ist; denn wer auch unter ungünstigen Verhältnissen seine Absicht durchzusetzen strebt, kommt einem günstigen Umschwung gewissermaßen entgegen. — Infolge der Fehler der Verbündeten blieb das große Unternehmen 1779 ein Schlag ins Wasser; Lacour sagt von ihm: „Si le sujet n'était pas si triste, on penserait à la montagne en mal d'enfant, qui met au monde une souris.“

Die Kriegführung des Jahres 1779 zeigt deutlich eine der Schwächen der Allianzen[148]. Durch seine Nachlässigkeit in den Rüstungen lähmt der eine Verbündete den anderen. Im Jahre 1780 zeigt sich die Hauptgefahr für jedes Bündnis, die Verschiedenheit der Interessen und Ziele. Frankreich bindet sich noch stärker als vorher in Westindien, Spanien verbeißt sich in die Belagerung von Gibraltar. Der Oberbefehlshaber, Admiral Cordoba, löst in diesem Jahre aber nicht einmal die einfache Aufgabe, die belagerte Stadt von See her abzuschließen. Es gelingt Rodney mit weit schwächeren Kräften, Gibraltar zu versorgen; bei dieser Gelegenheit zeigt sich, daß dem Mutigen auch das Glück hold ist. Die Wetterverhältnisse legen die Seestreitkräfte des Gegners lahm und begünstigen ihn. Er trifft dann auf den Konvoi und einen Teil der spanischen Flotte, der ohne Unterstützung ist. Daß das englische Geschwader die Stürme überstand, während die Schiffe des Gegners arg beschädigt wurden, war allerdings der Überlegenheit der Engländer in Seemannschaft zu danken.

Ausbruch des Krieges zwischen England und Holland 1780. Am 20. Dezember erklärte England den Krieg an Holland. Schon weit früher war es zu Reibungen gekommen. Seit Ausbruch des Englisch-Amerikanischen Krieges wurde die holländische Schiffahrt durch die Untersuchungen seitens englischer Kriegsschiffe arg belästigt und noch mehr seit Beginn des Kriegs mit Frankreich. Am 31. Dezember 1779 ereignete sich bereits ein Vorfall ernster Art. Ein englisches Geschwader von 5 Linienschiffen und einigen Fregatten unter Kapitän Charles Feilding begegnete im Kanal einem großen holländischen Konvoi, geleitet durch 2 Linienschiffe und 2 Fregatten unter Kontreadmiral van Byland. Der englische Kommodore verlangte die Untersuchung der Schiffe. Der holländische Admiral verweigerte sie und ließ Gewehrfeuer auf die Boote richten, die trotzdem zu den Handelsschiffen fuhren. Nun eröffneten die englischen Schiffe das Feuer auf die holländischen und diese ergaben sich in ihr Schicksal; der Admiral strich sogar die Flagge. Davon machte Feilding nun zwar keinen Gebrauch, aber er führte 12 Kauffahrer nach Portsmouth, die dort kondemniert wurden, da sie nach englischer Angabe tatsächlich Kontrebande an Bord hatten.

Gleichzeitig mit der Kriegserklärung sandte England den Befehl nach Ost- und Westindien, die holländischen Schiffe sowie Besitzungen wegzunehmen; es soll sogar diese Weisung schon früher erlassen haben, da die englischen Kriegsschiffe überall so frühzeitig über den holländischen Handel herfielen, daß Ende Januar 1781 bereits 200 Kauffahrer im Werte von 15 Millionen Gulden aufgebracht waren. Am 30. Dezember 1781 ward das erste holländische Kriegsschiff von 54 Kanonen durch zwei englische 74-Kanonenschiffe im Kanal genommen. (Näheres über die Belästigungen des holländischen Handels, die dadurch hervorgerufenen Reibungen und die militärischen Maßnahmen Hollands findet man in de Jonge, Band 4, Seite 379 ff.)

Der Krieg in Westindien und Nordamerika 1780.