Westindien. Im Beginn des Jahres 1780 lag der englische Admiral Hyde Parker mit etwa 16 Linienschiffen in Sta. Lucia, während sich die französischen Divisionen de Grasse und de La Motte-Picquet, 10 oder 11 Schiffe, in Martinique befanden; beide Parteien unternahmen Kreuzfahrten gegen Handelsschiffe und Transporter. De La Motte hatte von Haus Befehl erhalten, seine eigentliche Station bei St. Domingue gegen die Engländer in Jamaika einzunehmen, war aber von de Grasse und dem Gouverneur wegen der Überlegenheit des Gegners bisher auf der Antillenstation zurückgehalten; erst als die Nachricht vom Nahen der starken Flotte unter de Guichen eintraf, ließ man ihn absegeln. Auf der Reise hatte er einen Zusammenstoß mit einem englischen Geschwader, blieb aber sonst den großen Ereignissen des Jahres fern. Ebenso auch die schwache englische Jamaikastation unter Sir Peter Parker; beide fanden nur Verwendung zum Kleinen Kriege im nordwestlichen Teile der westindischen Gewässer.
Gefecht bei Monte Christi, 20. März 1780. La Motte-Picquet verließ am 13. März mit zwei Schiffen zu 74 Kanonen, einem zu 64, einem zu 50 und einer Fregatte Martinique nebst einem Konvoi für Cap Français. Am 20. März stieß er nicht weit von seinem Ziele bei Monte Christi (Nordküste von Haiti) auf den Kapitän Cornwallis, der sich mit drei schwachen Schiffen der Jamaikastation auf einer der üblichen Kreuzfahrten in den dortigen Gewässern befand. Es kam zu einem Gefechte, das von 5 Uhr nachmittags bis mitternacht und den ganzen nächsten Tag über dauerte. Dann brach La Motte ab, da drei andere Engländer in Sicht kamen, und segelte nach Cap Français, wohin sein Konvoi schon vorausgegangen war. Der Zusammenstoß ist bemerkenswert, weil man aus seinem Verlaufe wiederum ersehen kann, wie die französischen Führer jener Zeit fast immer nur die Lösung ihrer Aufgabe anstrebten, sonst aber ihre Schiffe schonten. De La Motte, ohne Zweifel ein mutiger Mann und tüchtiger Offizier, hatte nur den Schutz des Konvois im Auge; zu diesem Zwecke griff er zwar selber an, führte aber den Kampf nicht bis zur Entscheidung durch, obgleich er weit überlegen war. Cornwallis befehligte ein Schiff zu 64 Kanonen, eins zu 50 und eins zu 44, und die später in Sicht kommenden waren auch nur ein 64-Kanonenschiff, nebst 2 Fregatten. (Näheres über das Gefecht vgl. Clowes III, Seite 474; Troude II, Seite 66.)
De La Motte geleitete später verschiedene Konvois, nach Europa bestimmte, von Cap Français, dem üblichen Sammelplatze, aus, so weit in den Atlantik, bis sie vor feindlichen Kreuzern sicher schienen; am 13. August trat er, erhaltenem Befehle gemäß, die Heimfahrt an und traf Ende Oktober in Cadiz ein.
De Guichen und Rodney in Westindien 1780. Lieutenant-Général de Guichen[149] hatte am 3. Februar Brest mit 16 Linienschiffen und 4 Fregatten — nach Angabe der französischen Quellen schlecht ausgerüstet — nebst einem Konvoi von 83 Segeln verlassen; er traf am 22. März in Martinique ein und vereinigte sich mit de Grasse. Er war entrüstet, nicht auch La Motte vorzufinden, da er dann dem Gegner sehr überlegen gewesen wäre. Seine Order wies ihn an, auf der Reise besonders den Konvoi zu hüten, weil es in den Kolonien sehr an Nahrungsmitteln sowie anderen Bedürfnissen mangele, in Westindien dann „die Seeherrschaft zu erringen“; von etwa genommenen Inseln solle er einzig Sta. Lucia besetzen, auf anderen nur die Befestigungen und Magazine zerstören. Der Befehl enthielt aber wieder den lähmenden Zusatz: „Die See zu halten, soweit es die Stärke des Gegners erlaube, ohne die eigenen Kräfte zu sehr einzusetzen.“ Der Admiral hoffte nun, Sta. Lucia überraschen zu können; er schiffte deshalb nur seine Kranken aus und ging schon am 23. März wieder in See. Er fand aber Hyde Parker mit seinen 16 Schiffen in der Gros-Islet-Bucht derartig verankert, daß er keinen Angriff wagte und nach Fort Royal zurücksegelte. Eine ähnlich günstige Gelegenheit, Sta. Lucia zu nehmen, kam nicht wieder; am 27. März vereinigte sich Rodney, von seiner spanischen Expedition angekommen, mit Hyde Parker, und die nun 20 oder 21 Linienschiffe starke englische Flotte war der französischen ungefähr gleich.
de Guichen.
Die Stärke der Gegner. Die englische Flotte bestand aus: der Vorhut, Kontreadmiral Hyde Parker, dem Flaggschiff zu 90 Kanonen, 4 Schiffen zu 74, 2 zu 64, 1 Fregatte; der Mitte, Rodney, Flaggschiff zu 90, 3 zu 74, 1 zu 70, 2 zu 64, 3 Fregatten; der Nachhut, Kontreadmiral Rowley, 4 zu 74, 1 zu 64, 1 zu 60, 1 zu 50 Kanonen (dieses sollte im Notfalle die Linie verlängern), 1 Fregatte.
Die französische Flotte zählte: Vorhut, Chef d'Escadre Comte de Sade, Flaggschiff zu 80 Kanonen, 3 Schiffe zu 74, 2 zu 60, 1 zu 60; Mitte, de Guichen, Flaggschiff zu 80, 4 zu 74, 3 zu 64; Nachhut, Chef d'Escadre Comte de Grasse, 6 Schiffe zu 74, 1 zu 64; hinzu traten 5 Fregatten und 1 Korvette.