Der letzte Zusammenstoß am 19. Mai fand etwa 120 Seemeilen östlich von Martinique statt und beweist sicher, daß Rodney nicht vor dem Feinde gewichen war, denn er hatte ihn um diese Strecke nach Luward getrieben. Jetzt aber sahen sich beide Flotten genötigt, ihre Unternehmungen abzubrechen; die französische hatte nur noch für 6 Tage Wasser und Proviant, von der englischen bedurften mehrere Schiffe einer sorgfältigen Ausbesserung, endlich waren die Besatzungen durch die fortwährende Gefechtsbereitschaft sowie die vielen Segelmanöver überanstrengt[151]. Rodney sandte am 20. Mai die vier schadhaftesten Schiffe nach Sta. Lucia und segelte mit den übrigen nach Barbados, Guichen ging nach Fort Royal; sie erreichten ihr Ziel am 22. Beide konnten Erfolge verzeichnen, aber nur negative. Der erstere hatte Angriffe auf englische Inseln verhindert, letzterer entscheidende Schlachten vermieden und doch die feindliche Flotte für einige Zeit geschwächt.
De Guichen verläßt Westindien. Die Unternehmungen der Flotten waren für 1780 zu Ende, obgleich sich die Lage durch das Auftreten spanischer Seestreitkräfte scheinbar sehr zugunsten der Franzosen änderte. Anfang Juni erhielt Guichen durch eine spanische Fregatte die Nachricht vom Nahen der Flotte unter Don Solano — 12 Linienschiffe, einige Fregatten und 83 Transporter mit 12000 Soldaten, starker Artillerie sowie reichlichem Kriegsmaterial —, die am 28. April Cadiz verlassen hatte (Seite 295). Auch Rodney hatte hiervon erfahren und sofort eine Beobachtungskette von Barbados bis Barbuda ausgelegt, auch beschleunigte er die Instandsetzung seines Geschwaders und ging am 7. Juni mit 17 Linienschiffen in See, um östlich von Martinique zu kreuzen. Er kam jedoch zu spät. Solano war bei seiner Fahrt nach dieser Insel etwa 150 Seemeilen windwärts von ihr auf eine der englischen Fregatten gestoßen, hatte deshalb den Kurs nördlich um Guadeloupe herum genommen und traf am 9. Juni westlich von Dominika auf Guichen, der ihm mit 15 Linienschiffen entgegengekommen war. Die Kriegsschiffe der Verbündeten ankerten dann in Fort Royal, die spanischen Transporter vor Basse-Terre.
Die Verbündeten verfügten jetzt über 34 Linienschiffe gegen 22 englische, sowie über eine ungemein starke Truppenmacht. Das englische Westindien schwebte in großer Gefahr, es schien leicht für den Gegner, Sta. Lucia und Jamaika zu erobern; der Gewinn dieser Insel war auch wohl Spaniens Absicht bei Entsendung der Flotte, während Frankreich in erster Linie den Besitz der Kleinen Antillen erstrebte. Aber die Übermacht wurde nicht benutzt. Vergebens bemühten sich Guichen und Bouillé, den spanischen Admiral zu gemeinsamem Vorgehen zu bewegen. Solano erklärte, er habe Befehl, nach Havanna zu segeln, ja er verlangte, daß die französische Flotte ihn sicher dorthin geleite. Die spanische Expedition befand sich allerdings in traurigem Zustande; auf den überfüllten und unreinlichen Transportern war eine Epidemie ausgebrochen, so daß die Soldaten zunächst einige Zeit zur Erholung ausgeschifft werden mußten.
Guichen sollte im Spätherbst die in St. Domingue sich sammelnden Westindienfahrer mit seiner Flotte nach Europa geleiten und entschloß sich, schon früher die Kleinen Antillen zu verlassen, um Solanos Wunsch zu erfüllen. Er segelte am 5. Juli mit den in Martinique gesammelten Handelsschiffen ab, geleitete die Spanier bis zum Ostende von Kuba und ging dann nach Cap Français. Hier fand er Briefe des französischen Gesandten bei den Vereinigten Staaten, sowie Lafayettes und Washingtons vor, in denen er dringend ersucht wurde, nach Nordamerika zu kommen; er lehnte dies jedoch mit Hinweis auf seine Order ab. Am 16. August trat er mit dem größeren Teile der Flotte die Heimfahrt nach Europa an, wohin die Division La Motte wenige Tage vorher schon abgesegelt war, und traf wie diese am 24. Oktober in Cadiz ein (Seite 296). 9 Linienschiffe verblieben in Westindien.
Rodney segelt nach Nordamerika und kehrt zurück. Der englische Admiral hatte sich nach der Ankunft der Spanier beobachtend verhalten, da er für Angriffsunternehmungen zu schwach war. Zwar hatte man auch ihm Verstärkungen zugedacht, sie aber nicht oder doch nicht rechtzeitig abgeschickt. Ein an Admiral Arbuthnot in Nordamerika gegebener Befehl, Schiffe nach Westindien zu senden, erreichte diesen nicht, da ein Unfall das überbringende Schiff traf; eine Division von 5 Linienschiffen war durch widrige Winde drei Monate lang (!?) in England festgehalten und langte erst am 12. Juli in Sta. Lucia an. Nun rührte sich Rodney. Er ließ 5 Schiffe unter Kommodore Hotham als Schutz der Kleinen Antillen zurück und geleitete selber mit der Hauptflotte (am 17. Juli) den Sommerkonvoi von Handelsschiffen der Windwardinseln nach St. Christoffer, von wo diese nebst denen der Leewardinseln unter dem Schutz zweier Linienschiffe nach England abgingen. Unterwegs erhielt er Kenntnis von der Fahrt der Franzosen und Spanier nach Kuba, von deren Uneinigkeit und dem schlechten Zustande der spanischen Expedition.
Da nun Guichen den großen Konvoi mit sich führte und die schlimmste Jahreszeit für Wirbelstürme bevorstand, glaubte Rodney annehmen zu können, daß nur ein kleiner Teil der französischen Kräfte bei St. Domingue bleiben würde und daß größere Unternehmungen der Verbündeten nicht mehr zu befürchten wären. Anderseits nahm er aber auch an, daß nur ein Teil der Franzosen den Konvoi nach Europa geleiten, ein anderer jedoch nach Nordamerika segeln würde. Er beschloß, gleichfalls während der Orkanmonate dort zu operieren und wurde hierin durch die Nachricht bestärkt, daß ein französisches Geschwader (de Ternay vgl. Seite [291]) am 12. Juli in der Narragansettbucht eingetroffen sei. Ende Juli sandte er 10 Linienschiffe zur Unterstützung des Admirals Sir Peter Parker gegen etwaige Vorstöße der Verbündeten von Kuba oder St. Domingue nach Jamaika und segelte im August mit 12 (14?) nach dem Norden. Auf der Fahrt trat er mit dem englischen Heere in Charleston in Verbindung und traf dann am 14. September in New York ein. Diese Teilung der Flotte Rodneys war bei der Ungewißheit über die Bewegungen der Gegner ein großes, durch nichts berechtigtes Wagnis; falls Guichen mit allen seinen Kräften gegen Jamaika oder nach Nordamerika gegangen wäre, so wäre keiner der beiden Teile der englischen Flotte ihm gewachsen gewesen.
In Nordamerika richtete Rodney nichts aus, wie wir später sehen werden. Am 16. November 1780 ging er mit 9 Schiffen wieder nach Westindien unter Segel und traf am 6. Dezember in Barbados ein. Im Oktober hatten schwere Wirbelstürme Westindien, besonders Barbados, Sta. Lucia sowie Jamaika heimgesucht; 13 englische Kriegsschiffe — 2 Linienschiffe, 6 Fregatten, 5 Sloops — gingen unter, viele andere wurden entmastet und fast alle Vorräte vernichtet, so daß die Schäden kaum ausgebessert werden konnten. Rodney hörte bei seiner Ankunft, daß auf St. Vincent die Befestigungen zerstört seien und machte am 15. Dezember den Versuch, sich dieser Insel zu bemächtigen, fand aber die Nachricht übertrieben. Im Januar 1781 traf dann ein Geschwader von 8 Linienschiffen unter Kontreadmiral Sir Samuel Hood nebst Transportern bei ihm ein. Jetzt konnten die beschädigten Schiffe wieder instand gesetzt werden und Rodney verfügte über 21 Linienschiffe — 2 zu 90 Kanonen, 1 zu 80, 15 zu 74, 3 zu 64 —. Am 27. Januar erfuhr er den Ausbruch des Krieges mit Holland und erhielt Befehl, gegen dessen Besitzungen vorzugehen.
Die Eroberung Pensacolas, die im Herbst 1780 eingeleitet wurde, war ein kleiner Erfolg der Verbündeten. Der Chef d'Escadre de Monteil, der das von der französischen Flotte zurückgelassene Geschwader, 5 Schiffe zu 74 und 4 zu 64 Kanonen, befehligte, hatte Auftrag, bei geeigneter Gelegenheit mit Solano zusammenzuwirken. Die Spanier waren aber zu größeren Unternehmungen zunächst nicht gewillt oder nicht imstande, obgleich der französische Admiral mit 5 Linienschiffen nach Havanna kam, während seine anderen 4 die Station in Martinique übernahmen. Endlich wurde im Oktober eine gemeinsame Expedition unter Solanos Oberbefehl nach Florida ins Werk gesetzt, um einen Angriff der Spanier von Louisiana her auf Pensacola zu unterstützen. Das Unternehmen schritt jedoch nur langsam vorwärts, und erst am 9. Mai 1781 ergab sich die Stadt, ein Erfolg, der für den Großen Krieg ohne jede Bedeutung war. Die Franzosen wären besser zum Handelsschutze in den Gewässern von Haiti geblieben. Monteil traf am 10. Juli 1781 wieder in Cap Français ein und trat im August zu der Flotte des Admirals de Grasse, ehe diese nach dem Norden segelte.
In Nordamerika brachte das Jahr 1780 keine Ereignisse zur See. Die Engländer hatten zwar zeitweise ziemlich starke Geschwader dort, verwendeten sie aber nur zum Festhalten des französischen und im Dienste des Landkrieges, den wir jetzt kurz weiter verfolgen müssen. Ende 1779 lagen sich die Hauptheere bei New York fast nur beobachtend gegenüber (Seite 268), und die Engländer hatten im Süden den Angriff auf Savannah abgeschlagen. Nach diesem Erfolge setzte dann ein kräftiger Angriff der Engländer in den Südstaaten ein. Während im Norden der Winter zur Waffenruhe zwang, stellte sich General Clinton in Person an die Spitze einer Expedition gegen Charleston. Er übergab den Oberbefehl in New York an den General von Knyphausen und ging am 26. Dezember 1779 mit einem Geschwader unter Vizeadmiral Arbuthnot, dem Chef der nordamerikanischen Station — 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 3 zu 64, 1 zu 50, 2 zu 44, 6 Fregatten, Transporter mit 7750 Soldaten —, in See. Infolge einer langen und stürmischen Überfahrt, auf der die Schiffe auseinander kamen, war die Expedition erst Ende Januar 1780 in Savannah versammelt. Hier zog Clinton Nachrichten über die Verhältnisse ein, beorderte die dort befindlichen Truppen zum Vormarsch auf Charleston und ging am 10. Februar wieder unter Segel. Am 11. und 12. landeten dann die Truppen an der Mündung des Edistoflusses, etwa 30 km südlich der Stadt, und rückten vor. Eine regelrechte Berennung folgte, bis der amerikanische General Lincoln am 11. Mai Charleston übergab.