Am 14. September 1780 traf Rodney von Westindien ein, so daß nun die englische Flotte in New York mehr als 20 Linienschiffe zählte; mit einer solchen Macht hätte die französische Expedition sicher vernichtet werden können. Aber Rodney bewies hier nicht seine sonstige Schneidigkeit, wohl weil er infolge des plötzlichen Klimawechsels ganz besonders schwer unter der Gicht litt. Er ließ zwar die feindliche Stellung nochmals erkunden, tat dies aber nicht selbst, sondern begnügte sich mit der Meldung, daß sie zu stark sei. Der französischen Flotte war es allerdings 1779 gelungen, trotz der Befestigungen in die Narragansettbucht einzulaufen, aber die Werke waren jetzt auch bedeutend vermehrt und wurden durch 7 Linienschiffe unterstützt, so daß die Franzosen selber ihre Stellung für uneinnehmbar hielten. Dennoch zeigte diese Schwächen auf, und Admiral Graves war der Ansicht, ein kühner Angriff würde Erfolg haben; er trat lebhaft für einen solchen ein, drang aber nicht durch[152].
Am 16. November trat Rodney mit 9 Linienschiffen die Rückfahrt nach Westindien an, 12 blieben unter dem Oberbefehl von Admiral Arbuthnot auf der Station zurück. Dieser ließ nun von der Gardinerbucht aus — am Ostende von Long-Island und etwa 35 Seemeilen von Rhode-Island gelegen — die Franzosen durch Fregatten bewachen, und hier sammelte sich die Flotte, wenn man eine Bewegung des Gegners vermutete; dieser verhielt sich jedoch ruhig. Am 22. September waren Washington, Rochambeau und de Ternay in Hartford, der Hauptstadt des Staates Connecticut, zu einer Beratung zusammengetreten und hatten beschlossen, mit allen Kräften New York anzugreifen. Sie erkannten aber, daß dazu eine „unbedingte und andauernde“ Seeherrschaft nötig und daher eine Verstärkung der Seestreitkräfte abzuwarten sei; daraufhin wurde dann die Bitte um eine solche nach Paris gesandt. Auch die Engländer unternahmen nichts, sie benützten wie im Vorjahre die Winterruhe im Norden zu Unternehmungen im Süden. Ende Dezember ging General Leslie mit Truppen nach Charleston ab, und General Arnold, als amerikanischer Offizier uns schon bekannt, führte eine Expedition nach Virginia. — Am 15. Dezember starb de Ternay, für ihn ward Kapitän Des Touches stellvertretender Kommandeur des französischen Geschwaders.
Arnolds Verrat. Als Washington nach Eintreffen der französischen Expedition lebhafter gegen New York vorging, drohte der amerikanischen Sache eine große Gefahr. General Benedikt Arnold, der sich in den ersten Jahren des Krieges besonders ausgezeichnet hatte und hoch in Washingtons Achtung stand, war nach der Einnahme von Philadelphia 1778 dort als Gouverneur eingesetzt, um in der im allgemeinen wenig patriotisch gesinnten Stadt wieder geordnete Zustände herzustellen. Er zog sich bei dieser schwierigen Aufgabe den Haß der Bevölkerung derart zu, daß seine Gegner ihn wegen Unterschlagung von Geldern anklagten und das Kriegsgericht ihn mit einem Verweise bestrafte, worauf er sein Amt niederlegte.
Washington stellte ihn zwar bald darauf wieder an, aber er blieb verbittert und sann auf Rache. Als nun der Oberbefehlshaber gegen New York vorging und Arnold inzwischen in Westpoint befehligte, trat er mit Clinton in Verbindung, um die wichtige Stellung den Engländern auszuliefern. Der Plan wurde jedoch vereitelt, denn der englische Major Andrée, der die Verhandlungen führte, fiel den Amerikanern in die Hände und Washington konnte rechtzeitig Gegenmaßregeln ergreifen. Andrée wurde trotz aller Bemühungen Clintons zu seinen Gunsten als Spion gehängt; Arnold floh zu den Engländern, ward von diesen als General verwendet und zeigte sich von nun an, wie häufig Renegaten, von besonderm Haß gegen seine Landsleute, sowie besonderem Eifer für die englische Sache erfüllt. (Näheres hierüber vgl. Schlosser, 18. und 19. Jahrh., Band III, Seite 494 ff.)
Rückblick auf den Krieg in Westindien und Nordamerika 1780. Die Schwäche von Bündnissen, die in den verschiedenartigen Endzwecken der Verbündeten, sowie in ihren widerstreitenden Ansichten über die Wege zum Ziel ihre Erklärung findet, zeigt sich besonders auf diesen Kriegsschauplätzen. Frankreich hatte für 1780 von einem größeren Vorstoß gegen England in Europa abgesehen, um den Gegner hauptsächlich in Westindien anzugreifen und zu gleicher Zeit die Amerikaner kräftig zu unterstützen. Beides aber wurde mit ungenügenden Mitteln unternommen und blieb deshalb ohne Erfolg.
Frankreich rechnete in Westindien wohl auf eine starke Unterstützung durch Spanien. Da es allein dort gegen 28 Linienschiffe ins Feld führte, hätten die Verbündeten mit Überlegenheit auftreten können, wenn das spanische Kontingent rechtzeitig und leistungsfähig eingetroffen wäre. So aber fand de Guichen zunächst fast gleichstarke englische Kräfte vor, und er war nicht der Mann kühnen Wagemutes, sondern vorsichtigen Handelns, worin er durch seine Order noch bestärkt wurde, und seine Pläne zur Eroberung englischer Inseln scheiterten an der Geschicklichkeit und Entschlossenheit seines Gegners Rodney. Als dann Solano eintraf, hatte er weder den Willen, noch die Fähigkeit, sich mit den Franzosen zu großen Unternehmungen zu vereinen, er bedurfte im Gegenteil deren Schutz und zog sie dadurch, früher als ursprünglich beabsichtigt war, vom Felde ihrer Tätigkeit ab.
Frankreich war zu Anfang des Jahres nicht imstande, allein eine größere Macht in Westindien aufzustellen. Die Expedition nach Nordamerika sollte abgehen, in Brest mußte ein Beobachtungsgeschwader verbleiben, und man hatte sich verpflichtet, die spanische Flotte in Cadiz zu verstärken. Dies hielt man wohl für nötig, um den lauen Bundesgenossen anzuspornen. Als später noch über weitere Schiffe verfügt werden konnte, lohnte es nicht mehr, diese nach Westindien zu senden. Dagegen muß es wundernehmen, daß die Division La Motte-Picquet nicht Guichen unterstellt, sondern vor dessen Ankunft nach St. Domingue beordert wurde. Da man angriffsweise vorgehen wollte, mußte man auch alle Kräfte zusammenziehen und von dem Schutze des Handels in den westlichen Gewässern absehen; wurden dann bedeutende Erfolge bei den Kleinen Antillen erzielt, so hätte dies den Schaden aufgewogen, wahrscheinlich aber auch schon die wenigen Schiffe der englischen Jamaikastation überhaupt festgehalten.
Guichen ging dann nach Europa zurück, ohne etwas erreicht zu haben. Infolge seiner Vorsicht war es nicht einmal zu ernstem Kampfe gekommen. Wenn er nun, wie d'Estaing 1779, von seiner Order abgewichen und nach Nordamerika gesegelt wäre, oder doch einen Teil der Flotte dahin abgezweigt hätte, so hätte wenigstens dort die große französische Rüstung Nutzen gebracht. Der von den Spaniern und den zurückgebliebenen Franzosen Ende 1780 eingeleitete Erfolg in Florida und die Eroberung Pensacolas im Mai 1781 waren von keiner Bedeutung für den Krieg; ein französischer Autor (Lacour) nennt sie bezeichnend „dem Feinde versetzte Nadelstiche“.
England konnte bei seinem Grundsatz, überall einem Angriff gewachsen zu sein, in Westindien nicht überlegen auftreten. Sein Admiral Rodney mußte sich deshalb darauf beschränken, dort den Gegner zu beobachten. Er hielt ihn mit Geschick im Schach und tat auch sein Bestes, wenigstens einen ernsten Waffengang herbeizuführen, allerdings vergeblich. Wäre die Verstärkung für ihn statt erst am 12. Juli einige Monate früher angekommen, wie es beabsichtigt war, so hätte es sich noch mehr gezeigt, daß die französische Flotte für ihre Aufgabe zu schwach war.