Rodneys Teilung der Flotte, um sowohl Jamaika zu decken, wie in Nordamerika aufzutreten, nachdem Guichen die Kleinen Antillen verlassen hatte, muß dagegen als ein strategischer Fehler, jedenfalls als ein großes Wagnis angesehen werden. Leicht konnte ein Teil vernichtet werden, wenn die ganze französische Flotte gegen ihn stand, und deren Bewegungen waren unbekannt, ja Rodney war der Überzeugung, daß der größere Teil ihrer Schiffe nach dem Norden segeln würde.
Frankreich hätte in Nordamerika gleichfalls stärker auftreten müssen. Man hatte auch ein Heer von 12000 Mann hinüberführen wollen, war aber wegen Mangels an Transportmitteln auf die Hälfte hinunter gegangen, denn die Expedition nach Westindien hatte alles aufgebraucht. Wahrscheinlich wäre es aber doch möglich gewesen, mehr als 6000 Mann einzuschiffen, wenigstens hat de Ternay über die Mitnahme eines unnütz großen Trosses geklagt. Wenn auch das französische Landungskorps vielleicht mehr wert war als das ganze amerikanische Heer von Regulären und Milizen, so waren doch nach Ansicht Washingtons und Rochambeaus beide vereint nicht stark genug zu angriffsweisem Vorgehen. Dabei sprach der Umstand mit, daß die Seestreitkräfte denen des Gegners nicht gewachsen waren; diese Schwäche gefährdete sogar die ganze Expedition, solange Rodney — zu ihrem Glück untätig — an der Küste weilte. Man hielt also zurück, um Verstärkungen zu erwarten.
Weshalb wurden nun solche nicht gesandt? Während des Sommers gingen noch Schiffe von Brest zur Cadizflotte ab, obgleich man sich doch überzeugt haben mußte, daß Spanien zu nichts zu bringen sei, sondern an der Belagerung von Gibraltar halte; zu einer Unterstützung dieser, von der sich Frankreich nicht einmal einen Nutzen versprach, war die Cadizflotte schon stark genug, und mit dem Beobachtungsgeschwader in Brest war sie auch der englischen Flotte in Europa gewachsen. Warum wurde nicht Guichen oder doch ein Teil seiner Schiffe nach Nordamerika beordert, wie es Washington und Rochambeau erhofften und selbst Rodney annahm? Wohl nicht mit Unrecht wird vermutet (so von Mahan), daß Frankreich gar nicht die Absicht gehabt habe, die Amerikaner zu dieser Zeit schon kräftiger zu unterstützen, da es keinen Vorteil darin erblickte, den Landkrieg schnell zu beenden, selbst nicht zuungunsten Englands; dieses hätte dann ja seine Machtmittel für den Seekrieg zusammenfassen können.
Die später zur Verfügung stehenden Schiffe wären, wie oben schon gesagt, nach Westindien wohl zu spät gekommen, aber in Nordamerika konnten sie noch von Nutzen sein. Nicht seekriegsgeschichtliche Werke (wie z. B. Schlosser und Zimmermann) und ebenso Mahan I geben an, man hätte beabsichtigt, eine zweite Division dorthin zu senden, sie sei aber von den Engländern blockiert gehalten. Tatsächlich kreuzte ja die englische Kanalflotte vom 8. Juni bis 18. August. Aber in keinem der französischen oder englischen Seekriegswerke wird erwähnt, daß die Absendung einer Verstärkung beabsichtigt und dann verhindert gewesen sei; nicht einmal Clowes erwähnt dergleichen, obwohl der Krieg hier auch von Mahan bearbeitet ist.
England hatte infolge der rechtzeitigen Ankunft der Verstärkung unter Graves in Nordamerika stets genügend Schiffe, um die Gegner wenigstens im Schach zu halten. Wäre genannter Admiral früher von England gesegelt und Arbuthnot dann mit seiner durch ihn erlangten Überlegenheit der französischen Expedition entgegengetreten, ehe sie die Narragansettbucht erreichte, so hätte deren Schwäche an Kriegsschiffen sich schwer rächen können.
Nirgend ist zu ersehen, weshalb Graves nicht früher abgesandt wurde, obgleich man wohl sicher in England wußte, daß Frankreich in Nordamerika eingreifen wollte. Der Umstand, daß er vierzehn Tage durch stürmische Gegenwinde festgehalten wurde, gibt keine genügende Erklärung; mit einer derartigen Verspätung mußte man rechnen. Ähnlich verhält es sich mit der bei Westindien erwähnten Verstärkung für Rodney, deren Abfahrt gar „drei Monate“ durch Windverhältnisse verzögert worden sein soll. Es ist anzunehmen, daß beide Geschwader nicht rechtzeitig segelfertig gewesen sind.
Als dann Rodney eintraf, machte er von seiner großen Überlegenheit keinen Gebrauch. Dies wird mit seinem Gesundheitszustande entschuldigt, aber dann ist es unverständlich, weshalb Arbuthnot nun nicht für tatkräftiges Handeln eintrat, sondern anscheinend davon abgeraten hat. Vielleicht wird dies durch die Andeutung erklärt, die man in einer englischen Quelle (Clowes) findet, Arbuthnot habe deutlich und in ungehöriger Weise seinem Mißvergnügen über die Ankunft des älteren Admirals Ausdruck gegeben, der ihm durch sein Erscheinen den Oberbefehl abnahm und die Prisengelder auf der einträglichen Station kürzte.
Die Schwäche der Franzosen zur See auf diesem Kriegsschauplatze bedingt es, daß der Landkrieg in Nordamerika 1780 trotz des französischen Hilfsheeres im großen und ganzen einen für die Engländer günstigen Verlauf nahm. Ihr Vorstoß im Süden kam zwar zum Stocken, die ersten Erfolge hier hatten aber auf die Amerikaner niederdrückend, auf die Engländer belebend gewirkt. Letztere hofften, die Carolinas und Virginien ganz in ihre Hand zu bekommen und damit einen großen Schritt zur Niederkämpfung des Aufstandes zu tun; die Gefahr, die in der Trennung der beiden Kriegsschauplätze lag, die nur zu Wasser miteinander in Verbindung standen, war bei der Schwäche der Gegner zur See in diesem Jahre noch nicht hervorgetreten.
Mit Amerika stand es Ende 1780 schlecht. Bei vielen Kolonisten war die erste Begeisterung erloschen, und das englische Heer erhielt im allgemeinen mehr Unterstützung als das amerikanische; trotz aller Verbote führten ihm die Farmer Vorräte zu, während Washington solche nur durch gewaltsame Beitreibung erhielt. Von 36000 Mann, die der Kongreß für dieses Jahr in Aussicht genommen hatte, waren nie mehr als 18000 aufzubringen, die Milizen blieben unzuverlässig und liefen nach jeder Schlappe auseinander, dabei war kein Geld vorhanden und die Truppen blieben oft monatelang ohne Sold, obgleich Frankreich mit einem Geschenk von 6 Millionen und einem Darlehen von 10 Millionen Francs einsprang. Im Dezember meuterte sogar ein Teil, und Clinton machte den Versuch, Washingtons Truppen durch Versprechungen für sich zu gewinnen, aber hierauf gingen die Leute doch nicht ein, sondern hängten die Agenten. Das Jahr 1780, in dem die amerikanische Sache wohl am bedenklichsten stand, zeigt deutlich, daß die Befreiung der Kolonien weniger der allgemeinen Begeisterung der Bevölkerung als der Tatkraft und Ausdauer einzelner Männer zu verdanken ist. Doch diese Ausdauer ward belohnt; die englische Regierung war nicht imstande, noch mehr für den Landkrieg aufzuwenden. Schon war die Schuldenlast sehr gewachsen (1781 kam sie auf 198 Millionen Lstrl.), und der Seekrieg stellte immer größere Anforderungen, da nun Holland als Gegner hinzutrat und auch der „Bewaffneten Neutralität“ Aufmerksamkeit geschenkt, der gute Wille der Machthaber in Rußland erkauft werden mußte. Schon regte sich im englischen Volke der Wunsch nach Frieden mit den Kolonien.