In den europäischen Gewässern drehte sich die Kriegführung in diesem Jahre um zwei Hauptpunkte, nämlich um den Schutz des Handels und um den Angriff oder die Verteidigung von Gibraltar sowie Minorka. Obgleich England noch stärker rüstete als im vorhergegangenen Jahre — es waren vom Parlamente 90000 Mann (einschließlich 20000 Seesoldaten) sowie gegen 9 Millionen Lstrl. für die Marine bewilligt — und im Sommer insgesamt 115 Linienschiffe im Dienst hatte, standen doch wie 1780 nur etwa 40 für die heimischen Gewässer zur Verfügung. Eine Gefahr von seiten der „bewaffneten Neutralität“ hielt England allerdings durch diplomatische Künste von sich fern, und Hollands Marine war zu schwach, um als Gegner eine ernste Rolle zu spielen, aber immerhin sah sich England weiter auf die Verteidigung angewiesen.
Auch die Rüstungen der Verbündeten[153] erreichten die Stärke des Vorjahres, ja übertrafen sie wohl, wenigstens was Frankreich anbetrifft. Hier waren um die Mitte des Jahres zum mindesten 75 Linienschiffe im Dienst und in Spanien wahrscheinlich gegen 50.
Frankreich sandte im März 20 Linienschiffe unter Admiral de Grasse nach Westindien, wo sich bereits 9 befanden (zur Hälfte in St. Domingue, zur Hälfte in Martinique); zu gleicher Zeit segelten 5 nach Ostindien unter Kommodore Suffren zur Verstärkung der 6 dort befindlichen; in Nordamerika waren 7 stationiert und eins trat hinzu; im Juli führte de Guichen 19 nach Cadiz, und man muß annehmen, daß trotzdem einige Schiffe in Brest verblieben. Spanien hatte wenigstens 30 Linienschiffe in Cadiz und Algeciras, gegen 15 in Westindien und Zentralamerika und einige in Ferrol sowie in Cartagena.
Da aber Frankreich auch für dieses Jahr hauptsächlich die überseeischen Kriegsschauplätze im Auge hatte, blieben in Europa nicht genügend Streitkräfte zurück, um allein angriffsweise vorzugehen, und eine Vereinigung mit der spanischen Seemacht trat erst im Juli und nur für kurze Zeit ein. Bis dahin, sowie nach Trennung war England jedem einzelnen der Verbündeten gewachsen und dementsprechend spielten sich die Ereignisse im großen und ganzen zu seinen Gunsten ab. Vergeblich hatte Frankreich versucht, Spanien sowie Holland zu einem frühzeitigen Zusammenziehen der Flotten und zu gemeinsamem Vorgehen im Kanal zu bewegen. Holland war neben dem Schutze seines Handels und seiner Küsten dazu nicht imstande; Spanien hatte einzig Gibraltar im Auge ohne Verständnis dafür, daß der Belagerung kein größerer Dienst geleistet werden könne als durch die Niederkämpfung der englischen Flotte. Dieses Ziel aber scheint Frankreich für 1781 im Auge gehabt zu haben, um dadurch dem Handel Englands den Garaus zu machen, sowie seinen Verkehr mit den auswärtigen Besitzungen und Stationen zu unterbinden; von der Absicht einer Invasion, von Zusammenziehen eines Landungsheeres berichten die Quellen nichts.
Admiral Darby versorgt Gibraltar, April 1781. Die Belagerung dieser Festung, die später (1782) geschildert werden soll, machte zwar keine Fortschritte, aber die Stadt hatte seit der Versorgung durch Rodney im Januar 1780 keine Zufuhren mehr erhalten und litt Mangel; schon seit Oktober waren die Rationen vorsichtshalber herabgesetzt. Englands erste Sorge war deshalb, der Not abzuhelfen. Vizeadmiral George Darby, Chef der Kanalflotte, ging am 13. März mit 28 Linienschiffen und einem großen Konvoi nach auswärts segelnder Kauffahrer von Portsmouth in See; ein für Ostindien bestimmtes Geschwader von 5 Linienschiffen unter Kommodore George Johnstone, gleichfalls mit einem Konvoi, schloß sich bis Kap Finisterre an. Die Fahrt erlitt eine Verzögerung von einigen Tagen, da Darby an der irischen Küste auf die in Cork gesammelten Transporter für Gibraltar und Minorka warten mußte. Doch dies gereichte ihm zum Glück.
Am 22. März verließ nämlich Admiral de Grasse Brest mit 26 Linienschiffen, von denen 20 nach Westindien, eins nach Nordamerika und 5 unter Kommodore Suffren nach Ostindien bestimmt waren. Durch einen Zusammenstoß Darbys mit ihm wäre die Versorgung Gibraltars ernstlich gefährdet worden. So kam es nur zwischen den Geschwadern Suffrens und Johnstones am 16. April auf der Rhede von Porto Praya zum Kampfe; die Engländer gaben infolgedessen den beabsichtigten Angriff auf die Kapkolonie auf. Darby aber erreichte, ohne auf einen Feind zu stoßen, am 11. April Kap Spartel. Die große spanische Flotte, etwa 30 Linienschiffe unter Don Luis de Cordoba, war zwar in See gewesen, hatte sich jedoch auf die Nachricht vom Nahen der Engländer wieder auf Cadiz zurückgezogen, wo Darbys Ausguckschiffe sie ruhig vor Anker liegen sahen. Der spanische Admiral scheint nicht gewagt zu haben, dem durch die Transporter noch behinderten Gegner entgegenzutreten. Der englische Admiral ließ Cadiz durch Fregatten beobachten, blieb mit der Hauptflotte unter Segel und sandte seine Nachhut unter Kontreadmiral Sir Lockhart Roß mit den Transportern nach Gibraltar; gleichzeitig gingen einige für Minorka bestimmte Vorratsschiffe dorthin ab.
Admiral Roß wurde zwar von den Belagerungsbatterien mit heftigem Feuer empfangen und auch von kleinen Kanonenbooten angegriffen, die eigens für die Belagerung erbaut, sowohl zum Rudern wie zum Segeln eingerichtet und mit einem besonders langen, daher weittragenden 26-Pfünder armiert waren. Seine Kriegsschiffe erlitten jedoch keinen wesentlichen Schaden und die Transporter konnten unbehelligt gelöscht werden.
Am 19. April vereinigte sich die Nachhut wieder mit der Flotte, die dann die Rückfahrt antrat und am 22. Mai Portsmouth erreichte. Gibraltar war nun auf längere Zeit versorgt. Auch auf der Heimreise stieß Darby auf keinen Gegner.
Admiral de La Motte-Picquet nimmt einen englischen Konvoi. (Die Beute Rodneys in Westindien.) Wie erwähnt, hatte Frankreich für dieses Jahr den Handelskrieg besonders ins Auge gefaßt, für den auch jetzt wieder höhere Seeoffiziere eintraten, und zwar unter Hinweis darauf, daß der Kampf gegen den englischen Handel nicht wie bisher durch einzelne Kriegsschiffe und Freibeuter, sondern wie zu den Zeiten Jean Barts und seiner Schüler durch Geschwader geführt werden müsse. Im Januar hatte auch eine kleine Division eine Kreuzfahrt vor dem Kanal unternommen, diese war aber nur von kurzer Dauer und blieb ohne Erfolg.
Später sprach der bewährte und in diesem Dienst erfahrene Chef d'Escadre de La Motte-Picquet aufs neue dafür, als sich im April eine besonders gute Gelegenheit bot. Man hatte erfahren, daß von Westindien der Kommodore Hotham mit nur 4 Linienschiffen einen Konvoi geleite, der Rodneys Beute vom Januar auf der holländischen Insel St. Eustache nach England führte. La Motte erbat und erhielt die Erlaubnis, diesen abzufangen, obgleich der Marineminister anfangs Bedenken trug, weil Darbys Rückkehr zur gleichen Zeit in Aussicht stand. So ging La Motte am 24. April mit 6 starken Linienschiffen, 2 Fregatten und 2 Kuttern in See, um auf der Linie Azoren-Scillys gegen englische Konvois zu kreuzen. Das Glück war ihm hold, und er traf am 2. Mai auf den genannten wertvollen Transport, nahm von 30 Fahrzeugen 22, die einen Wert von 5 Millionen Francs hatten, und führte sie nach Brest. Hotham konnte es nicht hindern, rettete aber seine Kriegsschiffe. Darby erhielt auf der Heimreise Nachricht hiervon und zweigte sofort 8 Linienschiffe zur Verfolgung der Franzosen ab, erreichte diese jedoch nicht mehr; nur ein französisches, von seinem Geschwader abgekommenes Linienschiff hatte am 14. und 15. Mai dicht vor Brest ein Gefecht mit dem vordersten der Verfolger zu bestehen, lief aber glücklich ein.