Nun halste Graves mit allen Schiffen zugleich, so daß die beiden Linien parallel etwa 3 Seemeilen voneinander entfernt über gleichen Bug lagen, wartete ab, bis das feindliche Flaggschiff querab von dem seinen war (Plan: Lage A, A′) und setzte sich dann wieder in Fahrt. Um 2½ Uhr gab er dem Spitzenschiff Befehl, auf die Spitze des Gegners zuzuhalten; da die anderen Schiffe im Kielwasser des Spitzenschiffes bleiben[339] mußten, näherte sich die englische Linie der feindlichen in einem spitzen Winkel. Um 3¾ Uhr heißte der Admiral das Signal zum Angriff, ließ aber das für „Kiellinie“ wehen. Die Engländer befanden sich also genau in der Lage (B, B′), die sich bei Betrachtung der Taktik (Seite 41) als überaus ungünstig herausgestellt hat, und die Folgen blieben nicht aus. Die vorderen Schiffe kamen früher ins Gefecht, die folgenden erst nach und nach, ja überhaupt nur bis zum zwölften; diese zwölf aber hatten längere Zeit Enfilierfeuer auszuhalten, ohne es ernstlich erwidern zu können. In diesem besonderen Falle ergab sich hieraus noch ein weiterer Übelstand. Der Admiral, sowie einige Schiffe vor ihm luvten während der Annäherung zeitweise an, um ihre Breitseiten abgeben zu können, hierdurch wurde die Ordnung gestört und die Schiffe behinderten sich gegenseitig, Umstände, die sich bei anderen Schlachten als eine Folge dieser Art des Angriffs herausstellten, wenn Schiffe durch Havarien aufgehalten wurden (vgl. Minorka, Seite 137). Nach dem Schiffsjournal des Flaggschiffes hat Graves mehrere Male das Signal „Kiellinie“ niedergeholt, es aber immer wieder geheißt. Der Führer der Nachhut, Hood, hat das Niederholen um 5½ Uhr, dicht vor Ende des Kampfes, zum ersten Male erkannt. Die letzten 7 Schiffe kamen überhaupt nicht mehr zum Gefecht, was Hood eben diesem Umstande neben dem zu schrägen Heranführen zuschrieb. Um die genannte Zeit nämlich gab de Grasse seinen vordersten Schiffen Befehl, langsam abzuhalten, denn er glaubte sie gefährdet, weil seine hinteren Schiffe ziemlich weit in Lee standen. Graves aber blieb dicht am Winde liegen, und so endete der Kampf gegen Sonnenuntergang. Hood schrieb am nächsten Tage eine Kritik über die Führung, die auch veröffentlicht wurde. Sie gipfelte in den erwähnten Punkten und zog den Schluß, daß ohne diese Fehler die feindliche Vorhut hätte vernichtet werden können.

Die Verluste betrugen auf französischer Seite nach eigener Angabe 200 Tote und Verwundete, auf englischer 336; auch waren wie gewöhnlich die vorderen englischen Schiffe, besonders fünf von ihnen, stark beschädigt.

Nach vorstehender Schilderung ist auch diese Schlacht ein besonders gutes Beispiel für die Taktik der beiden Gegner. Strategisch war sie ein Erfolg der Franzosen. Graves hatte wohl die Absicht, den Kampf zu erneuern, sah aber wegen der Beschädigung mehrerer seiner Schiffe davon ab. Er hielt sich bis zum 9. September in Sicht der Franzosen, am 10. mußte er ein 74-Kanonenschiff verbrennen, da es nicht mehr flott zu halten war, und als ihm am 13. eine Fregatte meldete, daß die französische Flotte noch verstärkt in der Bucht läge, segelte er nach New York ab, wo er am 19. eintraf.

Hood war auch mit dem Verfahren nach der Schlacht nicht einverstanden. Nach seiner Ansicht hätte man unmittelbar nach Abbruch des Kampfes in die Bucht einlaufen und hier eine Verteidigungsstellung einnehmen müssen; der Feind würde dann wahrscheinlich von einem Angriffe abgesehen haben. Als er dann am 13. September von Graves um seine Ansicht befragt wurde, antwortete er, er könne wirklich keinen Rat in der traurigen Lage geben, in die man sich selber gebracht habe.

De Grasse hatte sich während der Tage nach der Schlacht beobachtend und abwartend verhalten; ihm lag in erster Linie daran, das erwartete Geschwader Barras' sicher aufzunehmen. Am 10. September segelte er nach der Chesapeakebucht, da er wegen seiner Boote in Sorge war und auch den Vormarsch des Landheeres unterstützen wollte. Als er am 11. einlief, fand er die Boote und Barras in Lynnhavenbucht vor.

Cornwallis ergibt sich in Yorktown, Oktober 1781. Inzwischen hatten die Generale am Nordende der Chesapeakebucht alle Fahrzeuge gesammelt, deren sie habhaft werden konnten und mit ihnen 2000 Mann nach Süden befördert; der Rest setzte den Marsch zu Lande fort und wurde dann teilweise durch französische Fregatten von Annapolis aus weitergeführt. Am 25. September war die ganze Macht der Verbündeten, 14000 Mann, bei Williamsburg vereint und rückte am 26. gegen Yorktown vor; die Stadt ward eingeschlossen und auch Gloucester berannt. Um diese Zeit erfuhr de Grasse, daß Graves Verstärkungen erhalten habe. Er wollte auslaufen, da er dessen Erscheinen erwartete, aber Washington ersuchte ihn zu bleiben, damit Cornwallis keine Möglichkeit habe zu entschlüpfen. So hielt sich die Flotte nur zum Inseegehen bereit.

Cornwallis war nun auch vom Meere abgeschnitten. Von seinen Truppen — 7250 Soldaten und 850 Seeleute, die in den Werken Schiffsgeschütze der Flottille bedienten — lagen ungefähr 1500 Mann krank, Lebensmittel wie Munition wurden knapp; auch ein Versuch, sich von Norfolk über den Yorkfluß nach Gloucester zu ziehen, schlug fehl, da ein Sturm die Boote der Flottille vernichtete. In der Nacht vom 14./15. Oktober nahmen die Belagerer zwei wichtige Außenforts. Am 18. trat Cornwallis in Unterhandlungen und übergab am 19. Oktober Yorktown. Das englische Heer ward kriegsgefangen; 22 Fahnen, 160 Kanonen, 8 Mörser, sowie einige kleinere Kriegsschiffe fielen den Siegern in die Hände. Um die „Loyalisten“ zu retten, die unter ihm dienten und die von den Amerikanern als Verräter behandelt worden wären, bedingte sich Cornwallis aus, daß ein Schiff mit ihnen an Bord undurchsucht nach New York segeln dürfte, von wo es dann zurückkehren und sich den Gegnern überliefern mußte. Noch größer war der moralische Erfolg des Sieges. Er belebte den gesunkenen Mut der Amerikaner, gab in England der Opposition und den Friedensfreunden eine neue Waffe und trug selbst zum Sturz des Ministeriums bei. Mit dem Falle von Yorktown war der Krieg in Nordamerika gewissermaßen beendet.

Die großen Flotten segeln nach Westindien zurück. Kurz nach Ankunft der englischen Flotte in New York stießen Kontreadmiral Digby, der den Oberbefehl der Station übernehmen sollte, von England mit 3 Linienschiffen, sowie die beiden von Rodney nach Jamaika entsandten Schiffe zu ihr. Ein neuer Versuch zum Entsatz Yorktowns wurde beschlossen. Graves, der für das Kommando der Jamaikastation bestimmt war, behielt vorläufig den Oberbefehl und erschien am 25. Oktober mit 27 Linienschiffen, sowie 6000 Mann bei Kap Henry; auf die Nachricht von Cornwallis' Schicksal kehrte er jedoch nach New York zurück, ohne einen Angriff auf die französische Flotte gemacht zu haben. Er ging dann auf seine neue Station; Hood segelte am 5. November mit 18 Linienschiffen nach Westindien und traf am 5. Dezember in Barbados ein.

De Grasse ging am 4. November mit seiner ganzen Flotte, einschließlich des Geschwaders Barras', in See; nur einige Fregatten blieben zurück. Er zweigte 4 Linienschiffe ab, um die von St. Domingue mitgenommenen Soldaten wieder dorthin zu führen und dann den bei seiner Abfahrt zurückgelassenen Konvoi nach Europa zu geleiten. Mit dem Gros traf er am 26. November in Fort Royal ein.