Der ungünstige Verlauf der englischen Unternehmungen ist zunächst der Teilung der Kräfte für Westindien und Nordamerika zuzuschreiben, eine Folge der Strategie Englands, auf allen Kriegsschauplätzen stets einem Angriffe gewachsen zu sein. Wir wollen hierauf in der Schlußbesprechung des Krieges eingehen. Schlechte Leitung und wirkliches Mißgeschick traten hinzu.
Graves' Geschwader hätte um einige Schiffe der Jamaikastation stärker sein können, wenn Rodneys Befehle genau befolgt wären. Es waren unglückliche Zufälle, daß Graves die Nachrichten aus Westindien nicht erhielt, sonst wäre er wohl rechtzeitig vor der Chesapeakebucht gewesen. Vielleicht war es ein Fehler, daß er selbst mit der ganzen Flotte New York zu einer Jahreszeit verließ, zu der er auch ohne weiteres die Flotten aus Westindien erwarten konnte, aber ihm war von England aus das Abfangen eines französischen Konvois dringend empfohlen.
Als er dann nach der Chesapeakebucht ging, wußte er von Barras' Auslaufen und hätte außer Sicht von Land kreuzen müssen, um zunächst diesen abzufangen. Wäre dies, wie wahrscheinlich, geglückt, so würde das feindliche Heer vor Yorktown kein Belagerungsmaterial gehabt haben und die französische Flotte späterhin nicht so überlegen gewesen sein. Daß de Grasse überhaupt schon und in solcher Stärke angelangt war, wußte er allerdings nicht. Die vor der Bucht stationierten Kreuzer hatten geankert, statt unter Segel zu bleiben; sie wurden durch die Franzosen überrascht, einer genommen, der andere in die Bucht gejagt. Sicher hätte Graves, sobald er Nachricht erhalten, sich zuerst gegen Barras gewendet. So wäre vielleicht der schnelle Fall Yorktowns verhindert und bei dem schon hervortretenden Mißtrauen der Amerikaner gegen Frankreich, sowie der Kriegsmüdigkeit dieser manches anders gekommen.
Der Krieg in Europa 1782.
Der Wechsel des Ministeriums in England im März 1782 brachte den Krieg in Nordamerika zum Stillstand. Wenn auch der König stets fest entschlossen blieb, die Unabhängigkeit der Kolonien nicht anzuerkennen und die Einmischung Frankreichs, sowie Spaniens nicht zu dulden, zeigte sich doch die öffentliche Meinung durch die ungeheuren Kriegskosten, durch das zweimalige Erscheinen überlegener feindlicher Flotten an Englands Küsten und durch mancherlei andere Vorfälle umgestimmt. Die Staatsschuld war auf 198 Millionen Lstrl. angewachsen, man mußte 300000 Soldaten und Seeleute besolden, sowie große Flotten im Dienst halten; die Zivilliste war, obgleich stark erhöht, überschritten und es war bekannt, daß große Summen aus ihr zur Gewinnung von Parlamentsmitgliedern für die Regierung verwendet wurden. Dabei sah man weder in Nordamerika noch zur See durchschlagende Erfolge. All dies erweckte im Volk den Wunsch nach Frieden mit den Kolonien; diese Stimmung wurde von Agenten sowie Freunden der Amerikaner genährt und ergriff immer weitere Kreise. Zudem traf dicht vor Eröffnung des Parlaments im Herbst 1781 die Nachricht von der Kapitulation des Heeres bei Yorktown ein.
Nach allem, was man bisher von dem jämmerlichen Zustande der amerikanischen Truppen, dem Geldmangel und der geringen Neigung der Kolonisten gehört hatte, für den Krieg Opfer zu bringen, kam die Kunde doppelt unerwartet; selbst der Premierminister, Lord North, war völlig niedergeschlagen. Der König verharrte allerdings auf seinem Standpunkte, und in der Thronrede vom 27. November verlautete nichts über den Frieden, aber im Volke schwand jede Neigung zum Kriege, wenigstens für den mit den Kolonien. Als dann noch der Verlust Minorkas und der westindischen Inseln bekannt wurde, hatte die Opposition im Parlamente freies Spiel. Die Politik der Regierung, die Verwaltungen des Heeres und der Marine, sowie die ganze Kriegführung wurden schonungslos angegriffen und die Einstellung des Kampfes in Nordamerika verlangt. Im März 1782 mußte das Ministerium einem solchen der Whigs weichen. Dieses stand unter der Leitung des Marquis of Rockingham, und der Admiral Augustus Keppel wurde Erster Lord der Admiralität an Stelle des Earl of Sandwich, der besonders hart, und zwar auch von höheren Seeoffizieren, angegriffen war. Als am 1. Juli, nach dem Tode Rockinghams, der Graf von Shelburne (Lansdown) an die Spitze trat, kam Sir William Pitt (der Jüngere) ins Kabinett und gewann sofort großen Einfluß, bis er im Dezember 1783 tatsächlich die Leitung übernahm.
Die Opposition erreichte zunächst, daß der Oberbefehlshaber in Amerika Befehl erhielt, sich auf das Halten der noch besetzten Plätze — New York, Charleston, Savannah — zu beschränken. Da nun auch die Amerikaner ohne die französische Flotte keinen Angriff wagten, trat im Landkriege eine Art Waffenstillstand ein. Der Seekrieg gegen die drei europäischen Mächte, der in England weit populärer war, ward dagegen mit aller Kraft fortgesetzt; er spielte sich besonders in West- und Ostindien ab. Schon im Januar segelte Rodney mit 12 Linienschiffen nach Westindien.
Indienststellungen 1782. (Vgl. die Listen Seite 224.) In England waren für 1782 der Marine 100000 Mann, einschließlich 21000 Seesoldaten, sowie etwa 7¼ Millionen Lstrl. bewilligt. Im Sommer befanden sich 129 Linienschiffe im Dienst, von denen 35 in den heimischen Gewässern und 59 in den westindischen stationiert waren. Frankreich und Spanien verfügten in Europa über wenigstens 50 Linienschiffe und würden auch in Westindien mit 58 dem Feinde gewachsen gewesen sein, wenn ihre Flotten zusammengewirkt hätten. In Ostindien standen 22 englische gegen 13 französische Schiffe. Holland hatte im Oktober 16 Linienschiffe in Dienst.
Der Krieg in den europäischen Gewässern drehte sich 1782 wie im Vorjahre um die Seeherrschaft am Eingange des Kanals und um Gibraltar. Port Mahon fiel schon am 5. Februar den Spaniern in die Hände (vgl. Seite [319]), und die hier verwendeten Truppen wurden nun zur Belagerung von Gibraltar mit herangezogen. Neben der engen Einschließung dieser Festung von See her planten Frankreich und Spanien auch in diesem Jahre mit ihrer Hauptseemacht in den nördlichen Gewässern aufzutreten; zu dieser sollten holländische Schiffe stoßen. Ein Unternehmen gegen die englische Küste scheint nicht beabsichtigt gewesen zu sein, sondern nur das Abfangen von Konvois sowie Militärtransporten und das Festhalten der englischen Flotte zugunsten der Belagerung von Gibraltar.