Auf der Rückfahrt nach Martinique ließ de Grasse am 22. Februar die Insel Montserrat besetzen. England hatte kurz vorher weitere Verluste erlitten, da sich eine französische Division leichter Schiffe am 22. Januar Demeraras, sowie am 5. und 8. Februar Berbices und Essequibos bemächtigte.
Beurteilung der Admirale Hood und de Grasse. Hoods kühnes Vorgehen, mit Geistesgegenwart und Geschick durchgeführt, war trotz des mangelnden Erfolges eine glänzende seemännische Tat. An und für sich lohnte der Entsatz der Insel wohl kaum das Wagnis, aber er war nicht unmöglich, und England brauchte um diese Zeit Erfolge. Hood hatte vor der Chesapeakebucht (Seite 339) ähnlich handeln wollen; hätte er dort den Oberbefehl geführt, so wäre Cornwallis vielleicht gerettet worden. Dem Admiral de Grasse wird vorgeworfen, daß er seine gewaltige Überlegenheit — vom 1. bis 13. Februar 32 Linienschiffe gegen 22 — nicht ausgenützt habe. Er habe gewußt, daß Rodney mit 12–15 Schiffen nahe, während die französische Flotte keine Verstärkungen mehr zu erwarten hatte, mithin hätte er Hood vorher vernichten müssen; der Besitz von St. Christopher habe erst in zweiter Linie gestanden. Der Vorwurf ist berechtigt. Gewiß war die englische Stellung sehr stark und wäre mit äußerster Hartnäckigkeit verteidigt worden. Aber sie wurde doch nicht wie die des Admiral Barrington bei Sta. Lucia 1778 durch Werke am Lande geschützt, und dort riet der tüchtige Suffren dem Oberbefehlshaber d'Estaing, unbedingt anzugreifen, ehe der Gegner Verstärkung erhielte; er erachtete den Erfolg für sicher. (Vgl. Seite 283.)
Die Verhältnisse lagen bei Sta. Lucia ganz ähnlich, und Suffren äußerte sich damals in einer für den jetzigen Fall geradezu prophetischen Weise. Er schrieb: »Trotz der geringen Ergebnisse der Beschießungen am 25. September (1781) können wir auf Erfolg rechnen. Der einzige Weg dafür ist aber ein kräftiger Angriff auf das feindliche Geschwader, das sich bei unserer Überlegenheit trotz der Batterien am Lande nicht halten kann, „wenn wir längsseit der feindlichen Schiffe gehen oder auf deren Bojen ankern«. Wenn wir zögern, können tausend Umstände den Feind retten. Er kann die Nacht benützen, um zu entwischen.“
De Grasses Verhalten entspricht wieder ganz der bekannten Auffassung in der französischen Marine jener Zeit, die, wie erwähnt, ein französischer Taktiker in dem Ausspruche kennzeichnete: „Unsere Marine hat stets den Ruhm, eine Eroberung zu sichern, dem vielleicht glänzenderen aber praktisch wertloseren vorgezogen, einige Schiffe zu nehmen.“ Die Erwägung, daß die Seestreitkräfte des Feindes der ausschlaggebende Faktor seien und deshalb sein eigentliches Angriffsobjekt bilden müßten, lag ihm bei dieser fast allgemeinen Auffassung fern. So hatten die Franzosen einige Inseln genommen, aber die feindliche Flotte blieb intakt, und infolgedessen fand die französische Überlegenheit in den westindischen Gewässern bald ein Ende.
Admiral Rodney hatte am 15. Januar England mit 12 Linienschiffen verlassen, war am 19. Februar in Barbados eingetroffen und vereinigte sich am 25. bei Antigua mit Hood, der im Begriff war, nach Barbados zu segeln. Die Gesamtflotte folgte nun den Franzosen, kam jedoch zu spät, um ihnen den Weg nach Martinique zu verlegen, und ging nach Sta. Lucia. Hier stießen noch 3 Linienschiffe von England zu ihr, so daß Rodney jetzt über 37 Linienschiffe und 11 Fregatten verfügte. Als er dann erfuhr, daß de Grasse einen großen Konvoi erwarte, ließ er eine Hälfte seiner Flotte östlich vor der Durchfahrt zwischen Dominica und Martinique, die andere vor der zwischen Martinique und Sta. Lucia kreuzen. Der erwartete Konvoi hatte mit de Guichen im Februar Frankreich verlassen. Sein Führer navigierte mit Umsicht, er passierte die Desiraden nördlich, steuerte dann zwischen Guadeloupe und Dominica durch und erreichte so unbelästigt Fort Royal am 20. März. De Grasse sah durch die Begleitschiffe seine Flotte auf 35 Linienschiffe, einschließlich 2 50-Kanonenschiffe, und 5 Fregatten verstärkt. Rodney nahm Stellung bei Sta. Lucia in der Gros-Islet-Bucht an der Nordspitze der Insel.
Der Plan der Verbündeten, Jamaika zu erobern, hatte schon lange bestanden; in diesem Jahre sollte er ausgeführt werden. Man wollte bei Cap Français (Haiti) 50 Linienschiffe und 20000 Mann vereinigen. Aus Spanien war bereits im Januar eine Division Linienschiffe nebst Transportern mit 4000 Soldaten dahin abgegangen, zu ihr sollte die Flotte in Havanna unter Admiral Solano stoßen. De Grasse war beauftragt, seine Gesamtflotte nebst allen auf den Kleinen Antillen entbehrlichen Truppen dorthin zu führen und den Oberbefehl zu übernehmen; er mußte aber erst den erwähnten Konvoi erwarten, da seine Schiffe von Vorräten entblößt und die Magazine in Martinique leer waren. Die Aufgabe war schwierig, denn der von ihm zu deckende Transport von Truppen und Kriegsmaterial, dem sich noch nach Europa bestimmte Handelsschiffe anschlossen, zählte 150 Segel. De Grasse beabsichtigte nicht direkten Kurs nach Haiti zu nehmen, sondern wollte nahe den Kleinen Antillen entlang steuern, um die eigenen und die neutralen Inseln stets als Zufluchtsort für den Konvoi benutzen zu können.
Rodney mußte also jetzt die Vereinigung der feindlichen Kräfte bei Haiti hindern; er zog deshalb zwischen den nur 30 Seemeilen voneinander entfernten Ankerplätzen der beiden Flotten eine Kette von Fregatten, um sofort Nachricht vom Inseegehen des Gegners zu erhalten. Jetzt zeigte sich die strategische Bedeutung Sta. Lucias für die Engländer. Bei ihrem eigentlichen Stützpunkte, Barbados, wären sie zu weit ab gewesen, um mit Aussicht auf Nutzen die Verfolgung aufzunehmen, und bei einem Kreuzen vor Fort Royal würde es nicht möglich gewesen sein, stets die Wasser- und Proviantbestände aufgefüllt zu halten; in der Gros-Islet-Bucht dagegen konnte die Flotte in unmittelbarer Nähe des Feindes immer seeklar liegen. De Grasse mußte die Fehler seiner Vorgänger büßen; Rodney zog den Nutzen von Barringtons Scharfblick und Schneid.
Die erste Schlacht bei Dominica, 9. April 1782[168]. Am 5. April erhielt Rodney die Nachricht, daß die französischen Soldaten eingeschifft würden, und am 8., bald nach Tagesanbruch, erfuhr er, daß der Feind den Hafen verlasse. Da dies bei der großen Zahl der Schiffe Zeit in Anspruch nahm und Rodney auch schon mittags frei vom Hafen die Verfolgung aufnehmen konnte, sichteten die Engländer bereits bei Sonnenuntergang von den Toppen aus die Franzosen und kamen dann während der Nacht beträchtlich auf. Am 9. bei Tagesanbruch lag der größere Teil der französischen Flotte nebst dem Konvoi bekalmt unter der Nordwestspitze von Dominica; nur etwa 15 Linienschiffe waren frei von der Insel und kreuzten gegen frischen Passat vor dem Eingange des Kanals zwischen Les Saintes und Dominica. Auch die englische Flotte lag in Stille etwa 12 Seemeilen westlich der feindlichen, bald aber erhielten etwa 8 Schiffe ihrer Vorhut, Admiral Hood, einen leichten Windhauch aus SO, der sie von der Hauptflotte fort und auf 2 französische Schiffe zu führte, die während der Nacht stark nach Lee geraten waren und jetzt in Stille nördlich der englischen Flotte lagen. Hood hätte sie abgeschnitten, wenn sie nicht auch einen Windstoß aus NW erhalten hätten, mit dessen Hilfe sie östlich segelten; sie erreichten später ihre Hauptflotte. Zur selben Zeit wie Hood bekamen auch die französischen Schiffe unter der Insel eins nach dem andern leichten Luftzug vom Lande her und setzten sich in Bewegung (s. Plan I a); die englische Hauptflotte blieb vorläufig noch in Stille liegen (I b).
De Grasse sah ein, daß er in Verbindung mit dem Konvoi eine Schlacht nicht vermeiden könne. Er gab deshalb diesem den Befehl, unter dem Schutze der beiden 50-Kanonenschiffe nach Basseterre hinüberzulaufen.