Die Waffen[13].

Die Kanonen, die im vorigen Abschnitt geschildert sind (Band I, Seite 168ff.), erfuhren keine wesentlichen Änderungen. Man gab den Rohren mehr Hintergewicht, um das starke Bucken beim Schuß zu vermeiden, und brachte einige Verbesserungen an den Lafetten (Bruststück sowie Schwanzstück) und an den Pforten an, um die Geschütze weiter nach vorn oder hinten richten zu können. Sonst blieben die Lafetten so primitiv wie bisher, und die Geschütze bedurften daher einer zahlreichen Bedienung.

Einblick in eine Batterie eines Segellinienschiffs.

Bedienung der Geschütze. Die Lafetten, aus schweren hölzernen Seitenwänden, liefen auf Blockrädern. Der Rückstoß beim Schuß wurde von dem schweren Brooktau und den Seitentaljen aufgenommen, deren Länge so bemessen war, daß sich nach dem Rücklauf des Geschützes die Mündung des Rohres etwa 2 Fuß innerhalb der Bordwand befand; in dieser Stellung wurde ausgewischt, geladen und dann das Geschütz mit den Seitentaljen wieder ausgerannt, d. h. wieder dicht an die Bordwand gezogen. Zum ersten Laden mußte die Lafette mittels der Einholtalje eingerannt, d. h. in die Ladestellung gezogen, zum Nehmen der Seitenrichtung mußte sie mit Handspaken herumgeworfen werden, die unter den hintern Teil der Lafettenwände gestemmt wurden. Zum Nehmen der Höhenrichtung wurde das Bodenstück des Rohres mit denselben Spaken gehoben oder gesenkt und dann durch einen Keil festgelegt. In einer Batterie war auf jeder Seite nur ein Geschütz um das andere mit Mannschaft besetzt, da man gewöhnlich nur nach einer Seite feuerte; die Mannschaft der anderen Seite bediente auf das Kommando „an die Steuerbord- (Backbord-) Kanonen“ die freien Geschütze der feuernden Seite. Sollten beide Seiten in Tätigkeit treten, so sprang auf das Kommando „dubliert“ die Hälfte der Bedienung eines jeden Geschützes an das nebenstehende unbesetzte. — Ein 32-Pfünder brauchte 15 Mann zur Bedienung; in einer Batterie mit 30 Kanonen waren also 210 Mann beschäftigt. Da ist es nicht erstaunlich, daß zuweilen ungeheure Verluste eintraten, wenn ein Schiff im Nahkampfe eine wohlgezielte Breitseite des Feindes in die Batterien erhielt. Bei Trafalgar z. B. wurden auf dem spanischen Dreidecker „Santa Ana“ durch eine solche 400 Mann außer Gefecht gesetzt.

Um 1780 wurde an Stelle der Zündung mittels Lunte ein Flintensteinschloß eingeführt, das der zielende Mann selber abfeuern konnte. Die gebräuchlichsten Kaliber blieben die gleichen: 42-Pfünder, 32-, 24-, 18-, 12-, 9-, 4-, 3-und ½-Pfünder; vom 24-Pfünder abwärts bis zum 6-Pfünder waren Rohre verschiedener Schwere und Länge vorhanden. Die Ladungen sind früher angegeben (Band I, Seite [168]). Der ½-Pfünder — Swiffel oder auch Patereroe genannt — war ein Geschütz, das auf der Oberdecksbrustwehr (der Reeling) stand. Zuweilen, jedoch sehr selten, verwendete man eine Art kleiner Mörser für Brandgeschosse, nach ihrem Erfinder, einem holländischen Ingenieuroffizier, Coehoorn benannt.

In Frankreich führte man 36-Pfünder, 24-, 18-, 12-, 8-, 6- und 4-Pfünder; der 48-Pfünder war hier schon fortgefallen, auch in England wurde der 42-Pfünder später nur noch wenig verwendet. Wie bereits früher (Band I, Seite [169]) erklärt ist, war der englische 32-Pfünder etwa dem französischen 36-Pfünder gleich und die sonstigen englischen Kaliber den gleichlautenden französischen etwas überlegen. Das Flintensteinschloß ist in Frankreich erst 1802 allgemein geworden und auch die Verbesserungen der Lafetten fanden hier erst später Eingang.

Die Handwaffen blieben die im ersten Bande (Seite 169) angeführten. Es traten Handgranaten hinzu, die nach den Etats der englischen Schiffe eine gewisse Rolle spielten; 1745 waren für das Linienschiff 200 Stück vorgesehen und auch in Frankreich hatte dieses etwa 30 Grenadiere, die beim „Klar Schiff zum Gefecht“ je 3 Granaten erhielten.

Die Verteilung der Geschütze nach Anzahl und Kaliber an Bord der verschiedenen Klassen von Schiffen zeigt einige wichtige Veränderungen gegen früher. Im ersten Bande (Seite 170) sind die Angaben hierüber für 1719 gebracht; in umstehender Tabelle folgen solche für 1765. Nach den für 1743, 1757 sowie 1792 vorhandenen Aufzeichnungen[14] muß man annehmen, daß die Armierungsart von 1719 noch im Kriege 1739–1748 zutraf und daß die jetzt gegebene für die beiden nächsten Kriege Gültigkeit hat. Früher galten der 42-Pfünder (48-Pfünder), sowie der 32-Pfünder (36-Pfünder) als schwere, der 24-Pfünder bis 9-Pfünder als mittlere und die kleineren Geschütze als leichte Artillerie. Ein Vergleich der Angaben für 1765 mit denen für 1719 zeigt nun, daß auf den Schiffen die Kaliber der Mittelartillerie gewachsen sind. An Stelle des 6-Pfünders ist häufig der 9-Pfünder oder gar der 12-Pfünder getreten. Ganz besonders aber ist dies bei den mittleren Linienschiffen — nunmehr Hauptschlachtschiffen — der Fall; hier tritt z. B. beim 74-Kanonenschiff der 24-Pfünder oder der 18-Pfünder an Stelle des 9-Pfünders, beim 64-Kanonenschiff der 18-Pfünder an Stelle des 9-Pfünders. Die Schiffe zu 74 Geschützen sind so groß geworden, daß sie in ihren untersten Batterien sogar schwere Artillerie führen können, während sie früher nur 24-Pfünder hatten. Auch die Mittelartillerie der 50- und 44-Kanonenschiffe ist zu höheren Kalibern übergegangen.