Schlacht bei Dominica 12. April 1782.

Aus Besorgnis um „Zélée“ hatte de Grasse entgegen seiner sonstigen Vorsicht die Bewegungen hastig und unüberlegt ausgeführt. Es lag in seiner Hand, den Zusammenstoß zu verzögern, bis er besser geordnet war, wenn er länger unter kleinen Segeln blieb und nicht so weit abhielt. Dies soll nach Augenzeugen überhaupt nicht nötig gewesen sein; „Zélée“ lief im Schlepp 5–6 Knoten Fahrt, und Rodney würde sich gehütet haben, seine Schiffe länger hinter ihr herlaufen zu lassen, sobald die französische Flotte nur Anstalt zum Kampf machte. Ferner war es falsch, daß die Flotte über Steuerbordbug nach Süden ging, da man erfahrungsmäßig unter Dominica flaue umspringende Winde antraf, während in der Mitte des Kanals frischer Passat wehte. All diese Umstände sind dem Admiral später zum Vorwurf gemacht.

Die führenden französischen Schiffe erreichten und passierten zuerst den Punkt, in dem sich die schnell zusammenführenden Kurse der Flotten schnitten. Das englische Spitzenschiff „Marlborough“ traf auf das achte Schiff der feindlichen Linie „Scipion“, dessen Hintermann „Brave“ um 7¾ Uhr vormittags das Feuer eröffnete. Da ein Durchbrechen nicht beabsichtigt war, hielt „Marlborough“ auf Signal Rodneys ab und lief in Lee der feindlichen Linie entlang; ihm folgten die übrigen Schiffe im Kielwasser (Plan II). Die Schlacht wurde damit zu einem Passiergefecht, das gewöhnlich keine Entscheidung bringt, und dies entsprach auch wohl der Absicht des französischen Admirals. Da aber die Schiffe bei flauem Winde nur 3–4 Knoten liefen, wurde der Kampf heftiger als sonst bei dieser Gefechtsart[171], ferner gab de Grasse seiner Spitze Befehl, bis SSW abzuhalten und brachte so seine bisher ganz unbeschäftigte Vorhut ins Gefecht. Er wurde sich aber doch jetzt bewußt, daß dieser Kurs die Flotte in die Region des flauen, umspringenden Windes führen und ihr voraussichtlich die Luvstellung kosten würde; diese war jedoch unbedingt nötig, wenn er sich ohne entscheidende Schlacht der Verfolgung entziehen wollte. De Grasse gab deshalb um 8½ Uhr Befehl, gleichzeitig zu halsen, und bald darauf, als dies nicht ausgeführt wurde, im Kontremarsch zu halsen, jedoch auch dieses Kommando wurde nicht befolgt.

Ein gleichzeitiges Halsen hätte die französischen Schiffe in eine geradezu verhängnisvolle Lage gebracht; da die Flotten so nahe beieinander lagen, würden sie bei dem flauen Winde alle zugleich lange Zeit einem vernichtenden Enfilierfeuer von hinten ausgesetzt gewesen sein. Der Kommandant des Schlußschiffes „Pluton“, Kapitän d'Albert de Rions, der das Manöver hätte beginnen müssen, sah das Signal, hielt es aber aus genanntem Grunde für einen Irrtum und befolgte es nicht; auch sein Geschwaderchef Vaudreuil, der nun auf Ausführung hätte dringen müssen, sowie noch andere Kommandanten scheinen gleicher Ansicht gewesen zu sein. Das zweite Signal ward für einen Augenblick vom Spitzenschiff gesehen, das hier beginnen mußte, aber bald durch Pulverdampf verhüllt. Der Kommandant dieses Schiffes wollte die Verantwortung nicht übernehmen, da er seiner Sache nicht ganz sicher war; auch bei diesem Manöver wären die französischen Schiffe, eins nach dem anderen, dem Enfilierfeuer aus nächster Nähe ausgesetzt gewesen.

Einige Minuten nach 9 Uhr trat nun das Gefürchtete ein. Der Wind sprang plötzlich auf SSO und kam allen französischen Schiffen, die noch nicht abgehalten hatten, fast von vorn, so daß sie etwa SW steuern mußten, um volle Segel zu behalten. Sie lagen nun nicht mehr in Kiellinie, sondern mit dem Bug auf die feindliche Linie zu (Plan III), während den Engländern frei stand, ihren Kurs beizubehalten oder anzuluven; auch ging die Fühlung zwischen den französischen Schiffen verloren und es entstanden Lücken. Rodney war um diese Zeit querab vom vierten Schiff hinter de Grasse, und hier war eine besonders große Lücke, da das fünfte Schiff hinter dem französischen Flaggschiffe, „Diadème“, alle Segel back bekommen hatte. In diesen Zwischenraum, also hinter „Glorieux“, brach Rodney mit dem „Formidable“ ein, gefolgt von den nächsten fünf Schiffen, und kurze Zeit darauf drang das letzte Schiff der englischen Mitte, „Bedford“, hinter dem „César“ durch eine Lücke, hinter ihm die ganze Nachhut unter Hood. Der Vordermann Rodneys, der „Duke“, ging nach dem Beispiel seines Admirals hinter dem „Réfléchi“ durch. Rodney hatte beim Durchbruch das Signal „Schlachtlinie“ niedergeholt.

Die französischen Schiffe an den Durchbruchsstellen litten natürlich sehr. Infolge von Rodneys Manöver stauten sich die vier Schiffe „Diadème“, „Destin“, „Magnanime“, „Réfléchi“ zu einem Haufen, in den die durchbrechende Kolonne das Feuer ihrer Backbordbatterien und „Duke“ das seiner Steuerbordbatterie schmetterten; also 7 Schiffe, worunter 3 Dreidecker. Die Steuerbordbatterien der Kolonne entluden sich auf „Glorieux“, der alle Masten verlor. Unter dem Feuer der Kolonne Hoods hatten besonders „César“ sowie dessen Vordermann „Hector“ zu leiden.[172]