Schlacht bei Dominica 12. April 1782.

Die französische Linie war somit an zwei Stellen von Kolonnen durchbrochen und nach Lee gedrängt. Die ganze englische Vorhut sowie 5 Schiffe der Mitte waren weiter gelaufen; die vordersten Schiffe der Vorhut müssen zur Zeit des Durchbruches bereits das Ende der französischen Linie passiert haben. Auffallend ist, daß diese 16 Schiffe keinen Befehl zum Wenden erhielten, um dem Feinde zu folgen; der Admiral der Vorhut hätte ihn auch selber geben können, da das Signal „Schlachtlinie“ nicht mehr wehte. Keine englische Quelle äußert sich hierüber, es wird nur erwähnt, daß das 11. Schiff „Russel“ und das 12. „America“ aus eigenem Antriebe gewendet hätten. Dieses wendete zurück, da kein Signal kam, „Russel“ blieb auf dem neuen Kurse und konnte infolgedessen später bei der Verfolgung der „Ville de Paris“ kräftig eingreifen. Auch die englische Flotte war in drei Gruppen geteilt, und beide Oberbefehlshaber strebten nun, ihre Kräfte wieder zu sammeln; das Feuer hatte im allgemeinen zwischen 10½ und 11 Uhr aufgehört, nur die letzten Schiffe der englischen Nachhut scheinen es bis gegen Mittag noch unterhalten zu haben.

Rodney wendete nach dem Durchbruch mit seiner Gruppe und gab gegen 11½ Uhr auch der Vorhut Befehl hierzu. Das Manöver erlitt jedoch erhebliche Verzögerung, da die Takelagen beschädigt waren und der Wind flau und unbeständig wehte; Hood war mit der Nachhut nach dem Durchbruch anstatt sogleich zur Mitte zu steuern, am Winde geblieben und bald in Stille geraten. Als gegen 1 Uhr nachmittags etwas frischere Brise von Osten aufkam und den Pulverrauch vertrieb, lagen die beiden Flotten, wie aus Plan IV ersichtlich: die französische Vorhut (V) stand etwa zwei Seemeilen zu Luward der Gruppe bei de Grasse (M), die Nachhut (N) etwa 4 Seemeilen in Lee von dieser; die englische Flotte bot ein ähnliches Bild (V1, M1, N1). Zwischen beiden Flotten lagen die französischen Schiffe „Glorieux“, „César“, „Hector“ fast bewegungslos.

De Grasse gab im Laufe des Nachmittags wiederholt Befehl, die Ordnung auf die am meisten in Lee befindlichen Schiffe wieder herzustellen, aber ohne Erfolg. Die drei Gruppen näherten sich wohl etwas, ein wirkliches Sammeln kam jedoch nicht mehr zustande; die Beschädigungen und der schwache Wind mögen es vereitelt haben, die Schiffe konnten wohl raum segeln, aber schlecht manövrieren, vielleicht hat auch der Eindruck der Niederlage das Seinige dabei getan. Rodney hat, als um 1 Uhr Wind aufkam und man die Lage übersehen konnte, keine Maßregeln zur Ausnützung des bisherigen Erfolges ergriffen; er heißte zwar das Signal „Nahgefecht“, holte es aber bald wieder nieder. Er scheint mit dem Flaggschiff längere Zeit dem Feinde nur unter kleinen Segeln gefolgt zu sein, und viele seiner Schiffe taten das gleiche. So näherten sich die englischen Gruppen wohl dem Gegner, aber eine scharfe Verfolgung trat nicht ein. Dennoch fielen fünf Franzosen vorausgeeilten Engländern in die Hände. Etwa um 4 Uhr wurden die obengenannten drei vereinzelten Schiffe und auch ein schlechter Segler der Vorhut, „Ardent“, genommen, und gegen 6 Uhr strich das Flaggschiff „Ville de Paris“ nach tapferster Gegenwehr die Flagge vor „Barfleur“ und „Russel“; es soll um diese Zeit von 9 englischen Schiffen umgeben gewesen sein.

Die Nacht brach nun herein. Der Chef d'Escadre de Vaudreuil übernahm auf französischer Seite den Oberbefehl. Er mehrte auf „Triomphant“ Segel, hielt ab und befahl, ihm zu folgen, doch konnte der aufzunehmende Kurs nur durch Zuruf von Schiff zu Schiff weitergegeben werden. Rodney ließ um 6¾ Uhr die Linie über Steuerbordbug bilden und beidrehen.

Der Verlust der Engländer betrug 243 Tote, darunter 2 Kommandanten, und 816 Verwundete; der der Franzosen ist nirgend verzeichnet, doch sagen ihre eigenen Quellen, er sei viel stärker gewesen. Acht Kommandanten waren gefallen und 5 Schiffe verloren; der Zufall wollte, daß sich auf dem Flaggschiffe reiche Geldmittel und auf den anderen der größere Teil der Artillerie für die Expedition gegen Jamaika befand. Diese 5 in der Schlacht genommenen Schiffe, sowie zwei weitere, die später Hood in die Hände fielen, sind aber nie nach England gekommen; „César“ flog noch in der Nacht auf und die anderen sind sämtlich in Westindien oder auf der Fahrt nach England, stark beschädigt wie sie waren, in stürmischem Wetter untergegangen.

Die französischen Verluste müssen sehr viel höher gewesen sein. Während der stärkste Verlust auf einem englischen Schiffe („Duke“) 73 Mann betrug, sind mit „César“ allein 400 Franzosen umgekommen, und Troude schreibt, „Ville de Paris“ habe 400 Tote und 600 Verwundete gehabt; die Engländer seien beim Anbordkommen vor Entsetzen starr gewesen. Dieses Mißverhältnis ist nicht allein dadurch bedingt, daß die Franzosen wieder besonders auf die Takelage gefeuert hatten, sondern auch durch die zweifellos bessere Artillerie der Engländer. Ihre Schiffe führten Karronaden, deren große Vorteile im Nahgefecht wir kennen; ihre Geschütze waren teilweise mit Hammerschlössern versehen, die Zielen und Abfeuern durch denselben Mann erlaubten; neue Vorrichtungen an den Lafetten gestatteten schnelleres Richten. Daß die französische Marine die englischen Verbesserungen noch nicht eingeführt hatte, war eine um so gröbere Nachlässigkeit des Ministeriums, als Offiziere wie Suffren auf Vervollkommnungen der Artillerie gedrungen hatten, so auf Einführung von Haubitzen auf Oberdeck für Kartätschfeuer, also etwas Ähnliches wie die Karronaden, die Sache war aber verschleppt worden. Ferner häufte auch der Umstand die Verluste der Franzosen, daß auf ihren Schiffen sich 5400 Soldaten befanden, die nun als Kanonenfutter dienten.

Kritik der Schlacht am 12. April[173]. Gerade diese Schlacht ist bis zur Jetztzeit Gegenstand eingehender Besprechung gewesen. Sie war nach langer Zeit die größte rangierte Schlacht und gewann besondere Bedeutung für die Seetaktik, da in ihr durch Brechen mit dem langjährigen Schema eine große Entscheidung herbeigeführt wurde; wir wissen, daß mit ihr das Wiederaufleben der Taktik beginnt. Wir wollen die hauptsächlichsten Auslassungen bedeutender Autoren der neueren Zeit kurz zusammenfassen.

Rodneys Durchbruch. Es ist gestritten worden, ob es richtig war, die feindliche Linie zu durchbrechen, oder ob Rodney nicht besser seinen Kurs fortgesetzt, die feindliche Nachhut mit seiner ganzen Linie beschossen, dann mit seiner Spitze hinter ihr gewendet und die letzten Schiffe zwischen zwei Feuer genommen hätte. Die feindliche Linie von hinten von beiden Seiten anzugreifen, ist allerdings unter anderen Umständen von Vorteil, aber ob es hier möglich war, bleibt fraglich. Die englische Linie hatte schon längere Zeit im Gefechte gelegen und nicht alle Schiffe hätten schnell wenden und dann den Gegner einholen können; es wäre wahrscheinlich bei einem Passiergefechte geblieben, ähnlich wie bei Ouessant (1778), nach dem die Engländer höchstens die Luvstellung gewonnen hätten. Zuzugeben ist nun allerdings, daß der Durchbruch der Kolonne Rodneys den letzten elf Franzosen den Rückzug nach Lee freigab, nachdem sie nur von der englischen Vorhut beschossen waren, während diese das Feuer der ganzen französischen Linie erhielt, dafür aber waren sie durch das Ausweichen nach Lee für einen längeren und wichtigen Zeitraum außer Gefecht gesetzt und wären nicht imstande gewesen, dem Reste ihrer Flotte Hilfe zu bringen; die Engländer konnten diesen mit erdrückender Überzahl angreifen, da sie die Luvstellung gewonnen hatten, während die elf französischen Schiffe hoffnungslos in Lee lagen.

Dadurch, daß auch Hood durchbrach, wurde die Sache nur wenig anders. Die Gruppe der sechs Schiffe bei de Grasse war von dem vorderen und dem hinteren Teile der Flotte abgeschnitten und gleichfalls nach Lee getrieben; die französische Linie war in drei Teile getrennt, die sich nur schwer wieder vereinigen konnten, und man darf auch den moralischen Eindruck nicht unterschätzen, der hierdurch entstand. Dazu kommt nun die größere Ausnutzung des Feuers seitens der durchbrechenden Schiffe. Beim Passiergefecht würden unter gleichen Umständen Breitseiten abgegeben und empfangen sein, hier erhielten die französischen Schiffe an den Durchbruchsstellen nacheinander das Feuer aller Schiffe der durchbrechenden Kolonne, und diese hätten sogar die Kanonen beider Seiten zur Verwendung bringen können; tatsächlich tat es nur „Formidable“, da die Backbordbatterien der anderen nicht bereit waren. Rodneys Manöver hatte also zur Folge: die Gewinnung der Luvstellung und damit die Möglichkeit zum angriffsweisen Vorgehen; die Vereinigung des Feuers auf einen Teil der feindlichen Schlachtordnung; das Auseinandersprengen und Verwirren dieser. Es ist kein stichhaltiger Einwurf, daß sich die Franzosen bei geschickterem Manövrieren früher wieder hätten vereinigen können; ein Unternehmen, das beim Gelingen Vorteil verspricht, verliert dadurch nicht an Wert, daß es vom Gegner pariert werden kann.