Sicher ist wohl, daß Rodney den Durchbruch nicht vorher beabsichtigt hat, sondern nur die günstige Gelegenheit — den raumenden Wind und die sich bietende Lücke — wahrnahm. Der Admiral soll sogar dabei gar nicht eigenem Antriebe, sondern nur einem Drucke seines Stabschefs, Kapitän Sir Charles Douglas, gefolgt sein; gewichtige Beweisgründe, die dessen Sohn beibringt, scheinen dies zu bestätigen. Sie dürften indessen doch mit Vorsicht aufzunehmen sein, denn zweifellos hat Rodney die von Clerk aufgestellten taktischen Grundsätze (vgl. Seite [44]) gekannt und gebilligt, und dieser sieht den Durchbruch mit der eigenen Mitte vor. Wohl ist es möglich, daß Douglas die Anregung gegeben, aber unwahrscheinlich, daß es längerer Vorstellungen bedurft hätte, zu denen überdies nicht einmal die Zeit vorhanden war.
Rodneys eigene Ansicht über die Schlacht ist bemerkenswert. Er hielt nur wenig von seinem Siege am 12. April und würde es vorgezogen haben, seinen Ruf auf die Taktik zu gründen, die er in der Schlacht bei Martinique am 17. April 1780 hatte anwenden[372] wollen. Er war überzeugt, daß die damals gebotene Gelegenheit, mit einer schwächeren Flotte einen tüchtigen Führer (er hielt de Guichen für den Besten der Franzosen) zu schlagen, ihm ohne die Fehler seiner Kommandanten größeren Ruhm erworben haben würde. Das Schicksal fügte es sonderbar. Sein Ruhm gründet sich auf der allerdings glänzenden Schlacht am 12. April 1782, an der aber seine Fähigkeiten den geringsten Anteil hatten, und die Haupttat seines Lebens, in der Verdienst sowie Erfolg sich entsprachen, nämlich die Vernichtung der spanischen Flotte Langaras beim Kap St. Vincent am 16. Januar 1779, ist kaum noch bekannt. Übrigens schrieb auch im letzterwähnten Falle das Tagesgeschwätz dem Kommandanten des Flaggschiffes das Verdienst zu, doch ist dies zweifellos widerlegt. (Vorstehendes nach Mahan I, Seite 488.)
Das Unterlassen der Verfolgung am 12. April bezeichnete Hood als einen großen Fehler Rodneys. Er war der Ansicht, daß 20 Schiffe hätten genommen werden können, wenn nach dem Durchbruch „Allgemeine Jagd“ befohlen und man dem Gegner unter vollen Segeln auch während der Nacht auf den Fersen geblieben wäre; der obengenannte Chef des Stabes pflichtete ihm bei. Diese beiden erfahrenen Offiziere haben dann auch am nächsten Tage versucht, den Admiral zur Aufnahme der Verfolgung zu bewegen, aber er soll freundlich geantwortet haben: „Come, we have done handsomely as it is.“ Rodney rechtfertigte später die unterlassene Verfolgung mit dem Hinweis auf die vielfachen Schiffsschäden und sonstigen Folgen der heißen Schlacht, auch legte er nahe, daß der Erfolg in der Nacht zweifelhaft gewesen sein würde, weil der Feind „in einer geschlossenen Masse von 26 Schiffen“ abgezogen sei. Dies war nun allerdings nicht der Fall, wie sich zeigen wird, und Hood hatte wohl recht, wenn er eine tatkräftige Verfolgung unmittelbar nach der Schlacht oder doch am nächsten Tage für erfolgreich hielt. Dennoch erscheint es gewagt, Rodney unbedingt zu verurteilen; Hood war zwar ein hervorragender Führer und die Folgen gaben ihm recht, aber Rat sowie Kritik sind jederzeit leicht, und die volle Verantwortung fühlt nur der, auf dessen Schultern sie ruht.
De Grasse wurde in Frankreich sehr angegriffen. Man gab ihm zu, daß er mit 2246 Kanonen auf 30 Schiffen gegen 2674 Geschütze auf 36 sehr im Nachteil gewesen sei, aber die Hauptschuld an der Niederlage maß man doch seinem Verhalten bei.
Die Unterlegenheit geben die Engländer nicht voll zu. Douglas, der sich besonders mit Artillerie beschäftigte, meinte, die Franzosen hätten nicht nur die besseren Schiffe gehabt, sondern das Gewicht der Batterien auf ihren 30 Schiffen habe dem der 36 Engländer gegenüber zwei 74-Kanonenschiffe aufgewogen.
Am 9. April habe er trotz günstiger Umstände mit Rücksicht auf seine Aufgabe eine Schlacht vermieden und am 12. seine Flotte so geführt, daß es zu einer solchen unter nachteiligen Verhältnissen kommen mußte. Es wurden dann die schon besprochenen Fehler aufgeführt: Unnötige Besorgnis um „Zélée“ und das dadurch verursachte Aufgeben des bereits gewonnenen Luvraumes; Herangehen an den Feind, ehe die Linie gebildet war; Wahl des falschen Buges. Der Admiral versuchte, die Schuld auf einen Teil seiner Untergebenen abzuwälzen, die seine Befehle nicht befolgt und ihn später im Stich gelassen hätten. Erst zu Beginn des Jahres 1784 konnten alle Angeklagten und Zeugen vor dem Kriegsgerichte erscheinen. Das Ergebnis der Verhandlungen war, daß fast alle vom Admiral Angeklagten gänzlich gerechtfertigt hervorgingen und nur einige unter Zugeständnis mildernder Umstände gelinde bestraft wurden; dem Admiral jedoch legte das Gericht die genannten Mißgriffe zur Last. De Grasse schädigte durch sein Auftreten nach der Niederlage und nach dem Urteilsspruche selber den Ruhm, den er sich in Nordamerika zweifellos erworben hatte.
De Grasse ging als Gefangener mit Rodney nach Jamaika und ward im Mai nach England gesandt. Dort wurde er sowohl von den Seeoffizieren wie von der Bevölkerung mit der wohlwollenden Aufmerksamkeit behandelt, die der Sieger einem immerhin tapferen Besiegten gern erweist. Diese Behandlung scheint er ziemlich würdelos aufgenommen und auch zu den Gegnern gehässig über seine Untergebenen geurteilt zu haben. Er tat dies ferner nicht nur in dienstlichen Berichten, sondern auch in Flugschriften, die er von England aus durch ganz Europa versandte. So war es kein Wunder, daß er bei der Rückkehr nach Frankreich nach seinem eigenen Ausspruch „keine Hand fand, die sich ihm entgegenstreckte“. Gegen die Urteile des Kriegsgerichts legte er in einem Briefe an den Marineminister Berufung ein und forderte eine neue Untersuchung. Der Minister antwortete im Namen des Königs ziemlich schroff. Nachdem er die Widersprüche in den Flugschriften mit den Ergebnissen der Untersuchung besprochen sowie dem Admiral den Vorwurf gemacht hatte, leichtfertig den Ruf seiner Offiziere gefährdet zu haben, schloß er: „Seine Majestät ist mit Ihnen sehr unzufrieden und verbietet Ihnen, vor ihm zu erscheinen; ich füge den Rat hinzu, daß Sie sich in Ihre Provinz zurückziehen.“ De Grasse starb 1788.
Die Folgen der Schlacht bei Dominica. De Vaudreuil hatte am Morgen des 13. April nur 11 Linienschiffe um sich, von denen er eins sogleich nach Cap Français voraussandte. Mit den übrigen kreuzte er einige Tage bei Haiti, um Versprengte aufzunehmen, und es stießen auch noch 6 Schiffe zu ihm. Auf der Fahrt sind also niemals mehr als 16 Schiffe vereint gewesen. Bei seiner Ankunft in Cap Français waren schon 3 Linienschiffe dort eingetroffen, auch fand der Admiral den Konvoi nebst den zwei 50-Kanonenschiffen, sowie Solano mit 15 spanischen Linienschiffen vor; 15–20 000 Mann Landtruppen waren versammelt. In den ersten Tagen des Mai langte Chef d'Escadre de Bougainville mit 5 Linienschiffen an, die er nach der Schlacht zur Wiederinstandsetzung nach Curaçao geführt hatte.
Rodney kreuzte nach der Schlacht mehrere Tage bei Guadeloupe in der Hoffnung, noch versprengte Franzosen zu fangen. Er war oft durch Windstille behindert, aber Hood behauptet, man würde 50 Seemeilen westlicher genügend Wind zur Verfolgung gefunden haben. Erst am 17. April zweigte Rodney den Admiral Hood mit 10 Linienschiffen nach Norden ab, während er mit der Hauptflotte nach Jamaika segelte. Hood eilte zur Mona-Passage, zwischen Portoriko und Haiti, und fing hier am 19. die beiden Linienschiffe ab, die vor der Schlacht die französische Flotte verlassen hatten; auch zwei diese begleitenden Fregatten fielen in seine Hände. Vaudreuil selber hatte erst am 18. den Kanal passiert; es ist also anzunehmen, daß die französische Flotte schwer gelitten haben würde, wenn Rodney die Verfolgung mit voller Kraft rechtzeitig aufgenommen hätte. Hood verfehlte nicht, dies in dem Berichte über seinen Fang dem Oberbefehlshaber nahezulegen. Hier scheint also Rodney seine Aufgabe, Jamaika zu schützen, höher gestellt zu haben, als die Ausnutzung der Gelegenheit, die feindlichen Seestreitkräfte zu vernichten.
Jamaika war allerdings gerettet. Die Führer der Verbündeten sahen von der Expedition ab, obgleich sie über 40 Linienschiffe in Cap Français verfügten. Sie unternahmen auch sonst nichts von größerer Bedeutung, nur ließ der Gouverneur von Kuba am 6. Mai durch 3 Fregatten und 60 Transporter mit Soldaten die Bahamainseln besetzen. Auch der moralische Eindruck des Sieges war groß; in England erregte er maßlose Freude, in Frankreich große Niedergeschlagenheit und hat wohl hier die Neigung zum Friedensschluß gefördert. Die namentlich früher in Geschichtswerken viel verbreitete Ansicht, der Sieg habe den für England günstigen Frieden herbeigeführt, da durch ihn die französische Marine zum Kampf um die Seeherrschaft unfähig geworden sei, trifft nicht zu; die Verbündeten blieben im Gegenteil unmittelbar nach der Schlacht in Westindien noch überlegen. Die Engländer hätten wohl Jamaika behaupten, aber schwerlich die anderen Inseln mit Waffengewalt wiedergewinnen können, die ihnen der Friedensschluß zurückgab. Anders wäre es gewesen, wenn Rodney die französische Flotte vernichtet hätte.