Um 1 Uhr nachmittags sprang der Wind plötzlich auf SSO; die meisten Schiffe beider Flotten fielen nach der dem Feinde abgewendeten Seite ab, die Engländer nach Steuerbord, die Franzosen nach Backbord; von ersteren blieben jedoch das 4. und 5. („Burford“, 70 und „Sultan“, 74), sowie das 8. und 10. („Worcester“, 64 und „Eagle“, 64) über Backbordbug liegen, und von letzteren drehten das 3. („Sévère“, 64) und der beschädigt zurückgebliebene „Brillant“ nach Steuerbord. Diese 6 Schiffe lagen also zwischen den beiden Flotten (Stellung II), und es kam zu Teilgefechten. „Sultan“ griff „Sévère“ an, woran sich „Burford“ auf weitere Entfernung beteiligte, und das französische Schiff strich auf Befehl des Kommandanten dem überlegenen Feinde gegenüber bald die Flagge. Als dann aber „Sultan“ und auch „Burford“ das Feuer einstellten und abhielten, heißte der Franzose die Flagge wieder und enfilierte den „Sultan“ von hinten.[392] Offiziere und Mannschaften hatten die feige Ergebung nicht anerkannt, der erste Offizier übernahm das Kommando; das Schiff vereinigte sich dann mit seiner Flotte (Stellung III, a). „Brillant“ kam ins Gefecht mit den beiden anderen Engländern, wurde aber von Suffren selber („Héros“, 74) und „Annibal“ (50) befreit (b). Der französische Admiral hatte bald nach dem Abfallen seine Schiffe durch Halsen über Steuerbordbug legen lassen, um die Bedrängten zu unterstützen; wenn die dem „Brillant“ am nächsten stehenden „Artésien“ und „Vengeur“ (c) rechtzeitig Segel gemehrt hätten, so hätten sie voraussichtlich den „Eagle“ nehmen können. Hughes hatte nach dem Abfallen den Befehl zum Halsen und den zur „Allgemeinen Jagd“ gegeben, da sich aber zwei Schiffe manövrierunfähig meldeten, widerrief er ihn, sammelte seine Schiffe über Steuerbordbug und führte sie nach Westen. Suffren tat ein gleiches, erreichte aber den Feind nicht mehr; die letzten Schüsse fielen gegen 3 Uhr. Abends ankerten die Engländer vor Negapatam, die Franzosen etwa 10 Seemeilen nördlicher.

Schlacht bei Negapatam, 6. Juli 1782.

Die Verluste betrugen auf französischer Seite 178 Tote und 601 Verwundete, auf englischer 77 und 223; die englischen Schiffe hatten wie gewöhnlich mehr in der Takelage gelitten. Der auffallend größere Verlust der Franzosen ist wohl der Überfüllung ihrer Schiffe mit Soldaten zuzuschreiben.

Die Schlacht bei Negapatam war ein Mißerfolg Suffrens. Er hatte die größeren Verluste, ohne den Gegner vernichtet oder wenigstens von Negapatam vertrieben zu haben. Wieder traf zum Teil einige seiner Kommandanten die Schuld, und seine Geduld war jetzt erschöpft; er entfernte drei von ihrem Kommando. Am 7. Juli verlangte Hughes durch einen Parlamentär die Übergabe des „Sévère“, weil er die Flagge gestrichen habe. Suffren hatte sie wohl eine Zeitlang vermißt, dies aber mit Abschießen der Flaggleine erklärt. Erst jetzt erfuhr er die Feigheit des Kommandanten und den dadurch verursachten Bruch des Kriegsrechts. Er gab indessen dem Verlangen des englischen Admirals nicht Folge, schickte aber den Kommandanten sofort nach Frankreich, wo ihn der König kassierte. Er entsetzte aber auch die Kommandanten des „Artésien“ und des „Vengeur“, der beiden Spitzenschiffe, am 12. von ihrem Kommando; der eine hatte schon bei Porto Praya, der andere am 16. Februar versagt. Der Kommandant des „Ajax“, der vor der letzten Schlacht sein Schiff nicht schnell genug instandgesetzt, legte sein Kommando freiwillig (?) aus Gesundheitsrücksichten nieder.

Suffren entschuldigte sich in seinem Berichte, daß er nicht schon früher habe Strenge walten lassen, aber selbst als Admiral sei er nicht berechtigt, Kommandanten abzusetzen, und er sei nicht Flaggoffizier (wenigstens wußte er es noch nicht). Der König billigte seine Maßnahmen und ging durch Dienstentlassung von drei anderen Kapitänen sogar noch weiter.

Suffren hat aber doch wohl zuweilen unter dem augenblicklichen Eindruck eines Mißerfolges seine Untergebenen zu schroff beurteilt. Mehrere der Angegriffenen hatten sich während ihrer früheren Dienstzeit als tüchtig bewiesen, und er selber lobt bei einer Gelegenheit solche, die er bei einer anderen scharf verurteilt hat und umgekehrt. Wenn sie seine Absichten nicht durchführten, so lag dies zum Teil wohl daran, daß sie als Anhänger des alten Brauches kein Verständnis dafür hatten.

Suffren erobert Trincomali. Suffren segelte am 8. Juli nach Cuddalore und stellte hier seine Schiffe mit bewundernswertem Geschick wieder her. Es fehlten allein 19 Marsstängen, außerdem Untermasten, Raaen, Tauwerk sowie Segel, und in Cuddalore war kein Material vorhanden. Aber mit den Rundhölzern der Fregatten und kleineren Schiffen setzte man die Linienschiffe, mit solchen englischer Prisen die Fregatten instand; andere Spieren wurden von der Straße von Malakka geholt. Ferner riß man Häuser nieder, um das Holz zum Ausbessern der Schiffsrümpfe zu verwenden. Die Arbeiten mußten auf offener Rhede mit häufig schwerer See ausgeführt werden, aber sie wurden gefördert unter dem Auge des Oberbefehlshabers, der „trotz seiner Körperfülle“ ohne Rast zu angestrengter Tätigkeit ermunterte. Schon am 18. Juli war die Flotte wieder see- und gefechtsklar.

Der Admiral hatte erfahren, daß von Isle de France 2 Linienschiffe, 1 Fregatte, sowie Transporter mit Lebensmitteln, Munition und 600 Soldaten unterwegs seien und daß zwei große Konvois mit 5000 Mann unter General de Bussy, dem Mitstreiter des Gouverneurs Dupleix im Siebenjährigen Kriege, von Frankreich erwartet würden[183]. Vom Angriff auf Negapatam sah er wegen der Nähe der englischen Flotte vorläufig ab, beschloß den Verstärkungen entgegenzugehen und sich Trincomalis zu bemächtigen. Vorher jedoch fand die beabsichtigte Besprechung mit Haidar Ali statt, der mit einem großen Teile seines Heeres bis in die Nähe von Cuddalore herangerückt war.