Dies geschah nicht. Obgleich die Verbündeten von 1779 an in den europäischen Gewässern den Engländern stets überlegen und in den westindischen mindestens gewachsen waren, hatte man von Ende 1779 bis zum Oktober 1781 nur 6 Linienschiffe in Isle de France, die noch dazu an allem Mangel litten. Der Oberbefehlshaber, Graf d'Orves, war nicht der Mann, unter solchen Umständen den etwa gleich starken Engländern tatkräftig entgegenzutreten; er machte zwar Anfang 1781 einen schwachen Versuch dazu, blieb aber dann untätig. Erst nach der Ankunft Suffrens verfügte Frankreich von 1782 an über Kräfte, die der Wichtigkeit des Kriegsschauplatzes einigermaßen entsprachen, und dieser Admiral verstand es, sie zu verwenden. In dem Bewußtsein, daß alles auf die Beherrschung der See ankomme, brach er mit der bisherigen französischen Strategie zur See und schlug mit der Bekämpfung der feindlichen Seestreitkräfte den einzig richtigen Weg zur Lösung seiner anderen Aufgaben ein. Überzeugt von der Notwendigkeit, das Geschwader ununterbrochen auf der Station zu halten, ließ er nicht nur den schlechten Zustand seiner Schiffe, die Unzufriedenheit seiner Offiziere, sondern sogar den ausdrücklichen Befehl der Regierung unberücksichtigt, nach Isle de France zu gehen. Trotz Mangel an Personal und Material hielt er durch außergewöhnliche Maßregeln die Flotte schlagfertig, schuf sich in Trincomali einen Stützpunkt und verstand es, die anderen Gegner Englands stets wieder zu ermutigen. Er hätte es verdient, mehr zu erreichen. Aber er wurde von der Heimat zu wenig unterstützt, obgleich er nicht einmal um Schlachtschiffe, sondern nur um Mannschafts- und Materialersatz, sowie um leichte, schnelle Schiffe bat, mit denen er den Kreuzerkrieg zur Versorgung seines Geschwaders unterhalten wollte. Ferner führten die französischen Generale den Landkrieg nicht mit gleicher Tatkraft; Bussy machte den Ruhm zuschanden, den er sich im vorangegangenen Kriege erworben hatte. Endlich fand der Admiral keine Unterstützung durch seine Kommandanten. Wären diese Männer gewesen, wie sie später Nelson oder auch nur wie sie jetzt Hughes besaß, so würde er voraussichtlich das englische Geschwader vernichtet haben, solange es noch schwächer war. Ob die allgemeinen Verhältnisse des ganzen Krieges es zugelassen hätten, die englische Macht in Ostindien zu überwältigen, dürfte zweifelhaft sein; Suffrens Hoffnung aber war, durch Herstellung eines Übergewichtes auf diesem Kriegsschauplatze einen günstigen Frieden herbeizuführen.

Der englische Admiral Hughes hat in dem langen Ringen stets die Geschicklichkeit, Überlegung und Voraussicht eines tüchtigen Seemannes gezeigt, gepaart mit hohem Mute sowie der Entschlossenheit, nicht zu weichen; er war ein vorzüglicher Vertreter des englischen Durchschnittsseeoffiziers im 18. Jahrhundert. Als höherer selbständiger Führer war er aber dem Gegner nicht gewachsen; dessen Genie und richtige Beurteilung der militärischen Lage fehlten ihm. So ist ihm schon von der zeitgenössischen Kritik vorgeworfen, auf seiner Fahrt nach Trincomali in den Tagen vor der Schlacht bei Providien, die französische Flotte nicht angegriffen zu haben, trotzdem sie stets in Lee gestanden hätte und in so lockerer Ordnung gesegelt sei, daß er die Schiffe einzeln hätte überwältigen können. Tatsache ist, daß durch sein Zaudern nach der Schlacht bei Negapatam Trincomali verloren ging, und daß er nach der Schlacht vor Cuddalore die Deckung der Stadt aufgab, obgleich sich die französische Flotte in nicht besserer Verfassung befand als die seine. Diese Kurzsichtigkeit würde verhängnisvoll geworden sein, wenn der Krieg fortgeführt wäre. Suffren sah das Vertreiben des stärkeren Gegners von diesem Platze als seine höchste Leistung in Indien an.

Der Kleine Krieg.

In den früheren englisch-französischen Kriegen errang England schließlich stets die Seeherrschaft und konnte dann seine ganze Kraft zur Vernichtung des feindlichen Handels einsetzen; selbst wenn Frankreich den Kampf mit der Flotte freiwillig aufgegeben und seine Seestreitkräfte ganz in den Dienst des Kreuzerkrieges gestellt hatte, endete dieser doch immer mit dem völligen Brachliegen des Seehandels für die schwächere Macht. Im Kriege 1775–1783 behaupteten aber beide Parteien bis zum Ende die See, und der Handelskrieg spielte infolgedessen keine so hervortretende und einflußreiche Rolle. Vernachlässigt wurde er aber keineswegs. Die Schläge gegen größere Konvois traten als militärische Unternehmungen von Bedeutung hervor, daneben aber bedrohten Kreuzer sowie Freibeuter beider Parteien die Schiffahrt der Gegner in allen Meeren, und es kam zu zahlreichen Gefechten zwischen diesen[186]. Leider bringen unsere Quellen nicht wie bei den früheren Kriegen genauere Angaben über die Zahl der Schiffe, die sich die Gegner fortnahmen, aber Andeutungen in französischen wie englischen Werken lassen schließen, daß die Verluste beider Nationen sehr bedeutend gewesen sind und sich etwa die Wage gehalten haben; von seiten Hollands wird ausdrücklich zugegeben[187], daß sein Schaden ungeheuer gewesen sei, und sich die schon im Verfall begriffene ostindische Kompagnie von ihm nicht wieder erholt habe. Es wird zwar nirgend ausgesprochen, ist aber wohl sicher anzunehmen, daß die Störung des Handels mit ihren mittelbaren und unmittelbaren Verlusten zur Beendigung auch dieses Krieges beigetragen habe.

Nur Laird Clowes bringt (Band III, Seite 396) eine für sein Werk von der berühmten Seeversicherungsgesellschaft „Lloyd“ — schon zu jener Zeit eine Art Börse der englischen Kaufleute, Rheder, Seeversicherer usw. — aufgestellte Tabelle über die Verluste Englands und seiner Gegner in den einzelnen Kriegsjahren. Nach dieser haben die Engländer in den Jahren 1776–1783 2200 Handelsschiffe sowie 75 Freibeuter eingebüßt und 1100 bzw. 215 der Feinde genommen. — Wie in den früheren Kriegen erklärt die Übermacht des englischen Seehandels den größeren Verlust, dieser war aber eben deshalb auch leichter zu tragen.

Der Kreuzerkrieg der Amerikaner[188] verdient noch eine kurze Betrachtung, weil sie trotz ihrer geringen Seemacht darin Hervorragendes geleistet haben. Bekanntlich ließen die einzelnen Kolonien schon von 1775 an kleinere Fahrzeuge an ihren Küsten kreuzen, um dem englischen Heere die Zufuhren an Kriegsmaterial wegzufangen und diese eigenen Truppen zuzuführen; aus diesen Anfängen entstand die kleine Marine. Diese ward dann auch weiter fast ausschließlich im Kleinen Kriege verwendet, zu ihr traten zahlreiche Freibeuter. Einzeln und in kleinen Verbänden taten die Schiffe den Engländern an der amerikanischen Küste, aber besonders auch in den westindischen Gewässern großen Abbruch, wobei sie sich auf französische, spanische und holländische Häfen stützten.

Nach amerikanischen Angaben (Spears, Band I, Seite 217) sind in den westindischen Gewässern sowie an der westafrikanischen Küste bis Ende 1777 173 amerikanische Freibeuter mit 2550 Kanonen und 13 800 Seeleuten tätig gewesen und haben 559 englische Handelsschiffe im Werte von 2½ Millionen Lstrl. aufgebracht; 34 derselben wurden weggefangen.

Schon im Herbst 1776 trat auch der erste amerikanische Kreuzer in den europäischen Gewässern auf. Eine Brigg mit 16 Kanonen brachte Franklin nach Frankreich und kreuzte dann in der Biskaya. In den folgenden Jahren waren mehrere Kriegsschiffe tätig, teils von Amerika herübergekommen, teils in französischen Häfen beschafft; auch Freibeuter traten auf. Es ist bemerkenswert, wie sich diese Fahrzeuge auszurüsten und ihre Prisen zu verwerten wußten, trotzdem Frankreich noch mit England im Frieden war, wie sie ihre Ausrüstung auf See an Bord nahmen und ihre Prisen vor den französischen Häfen verkauften. Es waren nur kleine Schiffe, und der Schaden blieb gering, den sie dem englischen Handel zufügten, aber sie beunruhigten ihn und bedrohten sogar offene Küstenplätze Schottlands und Irlands, eine ungeheure Keckheit der großen Seemacht Englands gegenüber. Am berühmtesten sind die Taten des Kapitäns Paul Jones, der durch sie ein Nationalheld Amerikas geworden ist.