Der Verlauf des Landkrieges. Österreich war durch Verträge zu Rußlands Beistand verpflichtet; der Kaiser versuchte zunächst vergeblich zu vermitteln und trat dann Februar 1788 in den Krieg ein. Die österreichischen Truppen fochten an den türkischen Grenzen von Kroatien bis Galizien, das Hauptheer an der Donau, rechts und links davon selbständig das kroatische, slawonische, banater, siebenbürger und galizische Korps, die Russen schlossen sich vom linken Flügel bis zum Schwarzen Meere an. Wenn auch mit wechselndem Waffenglück gekämpft wurde, so blieb doch der Enderfolg den Verbündeten. Die wichtigen Festungen Jassy (September), Otschakow (Dezember 1788), Belgrad (September), Bender (November 1789) und Orsova (April 1790) nebst anderen wurden genommen; Bessarabien, die Walachei sowie ein Teil von Serbien fielen in ihre Hände. Auf Vermittlung Preußens und Englands schloß Österreich am 23. September 1790 Waffenstillstand und am 4. April den Frieden zu Sistowa, in dem es seine Eroberungen zurückgab. Rußland setzte den Krieg fort, eroberte Ismail an der unteren Donau (Dezember 1790) und drang im April 1791 über diesen Fluß vor. Nach einer empfindlichen Niederlage bei Tultscha (9. Juni) schloß die Türkei am 9. Januar 1792 den Frieden zu Jassy.

Die russische Ostseeflotte sollte auch in diesem Kriege kräftig im Mittelmeere eingreifen, wurde aber durch den Ausbruch des Kampfes mit Schweden im Norden zurückgehalten. Die Schwarze Meer-Flotte war aber schon kampfkräftig. Am Dnjepr war 1778 die Stadt Cherson als Kriegshafen gegründet[200] und 1788 standen hier 19 Schiffe von 36 bis 66 Kanonen in Dienst, während noch 11 an der Werft lagen; hierzu trat eine starke Flottille von kleinen Segelfahrzeugen und Ruderkanonenbooten für den Küstenkrieg. Rußland war jetzt der Türkei an Seestreitkräften gewachsen.

Als die Belagerung von Otschakow im Mai 1788 aufgenommen wurde, erhielten die Hochseeflotte unter Kontreadmiral Paul Jones — dem bekannten amerikanischen Freibeuterführer (vgl. Seite [406]) — und die Küstenflottille unter dem Prinzen von Nassau-Siegen Befehl, die Stadt von der See abzuschließen. Sie lieferten der türkischen Flotte unter dem Kapudan-Pascha Gazi-Hassan verschiedene Gefechte und vernichteten am 28. und 29. Juni einen großen Teil von ihr. Vom 12. Juli an war die Festung von der See abgeschnitten und blieb es, obgleich die türkische Flotte später noch einmal erschien, bis zum erfolgreichen Sturm im Dezember, den die Ruderflotte durch ihr Feuer von See her mit vorbereitet hatte.

1791 sandten die Türken eine Flotte von 18 Linienschiffen und 12 Fregatten ins Schwarze Meer, um die russische Seemacht dort anzugreifen. Es kam zuerst am 19. Juli unweit Jenikale zu einer unentschiedenen Schlacht, später vertrieb dann Admiral Uschakow durch siegreiche Gefechte am 8. und 9. September die Türken.

Bei der Belagerung von Ismail zu Ende des Krieges schloß die Küstenflottille die Stadt von der See ab.

Im Frieden von Jassy, 9. Januar 1792, gab Rußland zwar seine sonstigen Eroberungen zurück, behielt aber die Krim und die Küste bis zum Dnjestr mit der Festung Otschakow; Rußlands Stellung am Schwarzen Meere war damit fest begründet.

Der Schwedisch-Russische Krieg 1788–1790[201].

Gustav III. von Schweden (1771–1792) hatte seit langem geplant, unter günstigen Umständen Dänemark und Rußland anzugreifen, um durch kriegerischen Ruhm wie Gustav Adolf Macht und Ansehen zu erringen, insbesondere die auf dem Festlande verlorenen Provinzen wieder zu erobern. Die Verwicklungen Rußlands mit der Türkei erschienen ihm geeignet, zunächst gegen diesen Staat vorzugehen. Er knüpfte mit England und der Türkei Verhandlungen wegen Lieferungen von Subsidien an, aber ehe diese noch zu einem Abschluß gekommen waren, beschloß er, loszuschlagen, durch Umtriebe der Kaiserin Katharina II. hierzu gereizt. Diese betrachtete die seit längerer Zeit mit französischem Gelde betriebene Rüstung der schwedischen Marine mit Recht als gegen sich gerichtet und schürte deshalb den Streit der Parteien in Schweden; da sie ferner die Eroberung Finnlands stets im Auge hatte, wirkte sie auch hier zuungunsten Schwedens auf den Adel des Landes ein, der sich mit dem Gedanken eines Abfalls von Schweden trug. Bei einer Reise Gustavs in Finnland 1787 zeigte sich klar, daß die aufrührerische Bewegung unter dem Adel und den Offizieren des schwedisch-finnländischen Heeres große Fortschritte gemacht hatte; ein Umstand, der den König gleichfalls bewog, den Krieg sobald als möglich zu beginnen.

Da der Norden Rußlands infolge des Türkenkrieges fast ganz von Truppen entblößt war, hoffte Gustav mit einem plötzlichen Schlage Großes zu erreichen; sein Plan war, Petersburg zu überrumpeln. Bei Oranienbaum in Ingermanland wollte er 20000 Mann landen und gleichzeitig von Finnland aus vordringen. Der Krieg ward aber ohne genügende Vorbereitung und ohne Rückhalt begonnen. Die Streitmittel waren nicht rechtzeitig fertig und die fremde Unterstützung entsprach nicht der Erwartung. Die Türkei hatte die ersten Ausgaben erstatten und später jährlich eine Million Piaster zuschießen wollen, machte dies aber davon abhängig, daß Schweden die Abfahrt russischer Schiffe nach dem Mittelmeer hindere; erst 1789 ward ein Subsidienvertrag in sehr abgeschwächter Form geschlossen. England zahlte überhaupt nichts.

Die Seestreitkräfte Rußlands. Die Hochseeflotte in den nördlichen Gewässern hatte unter Katharina einen großen Aufschwung genommen; sie zählte 1788 nahezu 50 Linienschiffe nebst einem Dutzend Fregatten. Die in Kronstadt, Reval und Archangel stationierten Schiffe befanden sich in gutem Ausrüstungszustande. Als Offiziere und Unteroffiziere dienten viele Ausländer, besonders Briten; der englische Admiral Knowles hatte die Ausbildung der Seeoffiziere mit gutem Erfolge geleitet. Die Besatzungen ließen jedoch noch immer zu wünschen übrig, da bei den Nationalrussen nur wenig Neigung und Anlage zum Seedienste vorhanden war; die Flotte, die 1788 auftrat, war zum großen Teile mit eben ausgehobenen Leuten ohne jede Seeerfahrung bemannt.