Schon im Herbst 1787 war mit den Vorbereitungen zu einer Expedition ins Mittelmeer begonnen, die wie im Türkenkriege 1768 Truppen und Kriegsmaterial für einen Aufstand in Griechenland mit sich führen sollte; infolgedessen war die Indienststellung der Flotte bei Ausbruch des Krieges mit Schweden erleichtert.
Rußland verfügte ferner über bedeutende Reste der früher großen Galeren- und Schärenflottille, doch waren die Fahrzeuge so verwahrlost, daß sie im ersten Kriegsjahre kaum verwendet werden konnten.
Die Seestreitkräfte Schwedens. Die Hochseeflotte war nach dem letzten Kriege wegen Geldmangels so heruntergekommen, daß man 1765 nur noch 10 brauchbare Linienschiffe besaß, und erst von 1767 an, besonders aber seit der Thronbesteigung Gustavs III. ward ihr wieder die nötige Fürsorge zuteil. 1788 zählte sie 26 Linienschiffe von 64–74 Kanonen und 13 Fregatten, die sich in gutem Zustande befanden; sie war in Karlskrona stationiert, ein kleineres Geschwader ständig nach Gothenburg abgezweigt. Zu einer beabsichtigten jährlichen Indienststellung von Übungsgeschwadern hatten meist die Mittel nicht gereicht, aber für die wissenschaftliche Ausbildung der[427] Offiziere hatte man viel getan und einige von ihnen in fremde Marinen abkommandiert, um Erfahrungen zu sammeln.
Der Küstenflottille hatte man schon seit 1756 besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Man hatte sie unter der Bezeichnung „Armeeflotte“ ganz von der Hochseeflotte abgezweigt und im Laufe der Jahre neben den alten Galeren — nach Mittelmeermuster mit Masten zum Niederlegen und mit 1 oder 2 Geschützen — durch verschiedene neue Typen ergänzt[202]. Besonders traten verschiedene Klassen größerer Segelfahrzeuge hinzu, die eine feste Takelage (die größeren Vollschiffstakelung) besaßen, 4–24 schwere Geschütze führten und deren Batterien sowie Ruderreihen eingedeckt waren. An Ruderfahrzeugen mit Hilfstakelage zum Niederlegen waren Kanonenschaluppen mit 2 und Kanonenbarkassen mit einem schweren Geschütz eingeführt.
1788 zählte die Armeeflotte in ihrem schwedischen Geschwader zu Stockholm: 28 Galeren nebst je einem großen Beiboot und 30 Schaluppen; in dem finnländischen Geschwader zu Sweaborg: 15 Fahrzeuge des neuen Segeltyps, 8 Mörserbarkassen; 40 Schaluppen und 15 Kanonenbarkassen. Zu jedem Geschwader gehörten 2 Fregatten sowie ein großer Troß von anderen Fahrzeugen, die bei dem mangelnden Raum an Bord der stark bemannten Ruderschiffe zum Unterbringen von Munition, Proviant, Wasser und Kranken stets folgen mußten.
Der Aufmarsch der Schweden 1788. Im März ließ Katharina in Stockholm bekanntgeben, daß sie eine Flotte ins Mittelmeer zu senden beabsichtige, und Gustav befahl daraufhin die Indienststellung der Flotte; 12 Linienschiffe nebst 5 Fregatten sollten Ende Mai seeklar sein. Als der russische Gesandte am 18. Mai nach dem Zwecke dieser Maßnahme fragte, erhielt er am 23. die gereizte Antwort, er habe innerhalb 8 Tagen Stockholm zu verlassen, und schon am 22. bekam die finnländische Hauptmacht Marschbefehl an die russische Grenze; 15000 Mann sammelten sich am Kymeneflusse.
Die Hochseeflotte lief in voller Stärke mit 3500 Soldaten am 9. Juni unter Herzog Karl von Södermanland, dem Bruder des Königs, von Karlskrona aus, unter ihm befehligte als Flottenchef Admiral Graf Wrangel. Gegen Ostwind aufkreuzend, gelangte sie erst am 21. bis zur Insel Dagö am Eingang zum Finnischen Meere und stieß hier auf ein russisches Geschwader von 3 Dreideckern und 4 Fregatten unter Admiral van Dessen. Diese Schiffe waren bestimmt, der noch in Kronstadt ausrüstenden Mittelmeerflotte Vorräte vorauszuführen; man hatte sie so zeitig abgesandt, weil die Dreidecker während des Passierens der Drogden bei Kopenhagen die Materialien auf Fregatten abgeben mußten. Herzog Karl hatte noch keinen Befehl zur Eröffnung der Feindseligkeiten und ließ Dessen ungehindert vorbei — eine grobe Nachlässigkeit der Oberleitung, da ein überraschender Bruch mit Rußland beabsichtigt war. Am 28. Juni traf die Flotte bei Hangö ein.
Die Schärenflottille von Stockholm war schon Ende Mai in See gegangen. Sie führte auf Transportern 9000 Soldaten mit sich, und der König Gustav begleitete sie. Gleichfalls durch Gegenwinde aufgehalten, erreichte sie erst am 2. Juli Helsingfors, wo die Truppen gelandet wurden. Die gesamte schwedische Landmacht in Finnland betrug Anfang Juli gegen 44000 Mann, in Schweden standen noch 14000 und in Pommern 4000.
Inzwischen hatte König Gustav an Katharina ein Ultimatum mit kaum glaublichen Forderungen gesandt: Strenge Bestrafung des russischen Gesandten wegen seiner Umtriebe, Herausgabe der in den Friedensschlüssen von Nystad und Abo abgetretenen Landesteile, Überlassung der Krim an die Türkei. Die Kaiserin wies es schroff zurück, obgleich Petersburg in großer Gefahr schwebte, denn die russische Landmacht war sehr gering; in der Umgebung der Hauptstadt standen nur 8000 Mann, die während des ganzen ersten Kriegsjahres kaum auf das Doppelte verstärkt werden konnten. In Finnland vermochte man dem Feinde nicht mehr als 10000 Mann entgegenzustellen; die Festungen waren ungenügend besetzt und in schlechtem Zustande. Die Hochseeflotte war noch nicht kriegsbereit und die Küstenflottille wurde es in diesem Jahre überhaupt nicht.
Ein schnelles und tatkräftiges Vorgehen der Schweden würde verhängnisvoll geworden sein, aber sie hatten schon viel Zeit verloren und waren auch weiterhin nicht vom Glück begünstigt.