Admiral Vernon scheint noch keine bestimmten Pläne gehabt zu haben, als Ogle zu ihm stieß; er hat wahrscheinlich solche mit dem Lord Cathart[ beraten wollen. Gegen Wentworth faßte er von vornherein ein ungerechtes Vorurteil, denn dieser war zwar nicht so fähig wie Cathart, aber doch von bestem Willen beseelt. In einem Kriegsrate wurde beschlossen, zunächst nach Haiti aufzukreuzen, um die Franzosen zu beobachten. Viele englische Kritiker sehen hierin einen großen Fehler: „In drei Tagen hätte man von Jamaika das unter dem Winde liegende Havanna erreichen können!“ Hiergegen erhebt Colomb mit Recht Einwendungen. In Cartagena befanden sich 6, in Havanna 12 spanische Linienschiffe, bei Haiti 22 französische. Vernon verfügte über 29 Linienschiffe, war also nicht imstande, die feindlichen Seestreitkräfte zu beobachten oder gar in Schach zu halten und gleichzeitig Havanna anzugreifen; von dem schlechten Zustande der französischen Schiffe sowie von der Absicht d'Antins, abzusegeln, wußte er nichts. So ging denn die englische Expedition Ende Januar von Jamaika in See. Am 8. Februar wurde dem Admiral beim Kap Tiburon durch einen Kreuzer gemeldet, die französische Flotte läge noch bei Aux Cayes — dies war ein infolge Nebels entstandener Irrtum —, aber am 12. überzeugte man sich von der Abfahrt d'Antins.

Nun ward auf Vernons Vorschlag im Kriegsrat ein Angriff auf Cartagena beschlossen. (Warum jetzt nicht auf Havanna? Sämtliche englische Quellen schweigen hierüber, obgleich sie sich bis dahin mit diesem Plane beschäftigen.) Mit Erlaubnis der französischen Behörden wurde auf Haiti Wasser und Brennholz genommen und ein Linienschiff nebst kleineren Fahrzeugen nach Cartagena gesandt, um einen Ankerplatz für die Flotte zu suchen; diese folgte am 25. Februar, ankerte am 4. März in einer Bucht westlich von der bedrohten Stadt und begann am 9. die Berennung. Das Schicksal Cartagenas mußte nach den Erfolgen gegen Puerto Belo im Vorjahre bei der großen Macht, die jetzt zur Verfügung stand, von vornherein als besiegelt angesehen werden, aber trotz eines anfänglich guten Verlaufes wurde das Unternehmen durch Mißhelligkeiten zwischen den Führern der Land- und Seestreitkräfte, sowie auch infolge von Mißgriffen beider zu einem verlustreichen Fehlschlag.

Der Angriff auf Cartagena, März–April 1741[45]. Die Stadt war stark befestigt und nur zu nehmen, ja nur wirksam zu beschießen, wenn die Befestigungen niedergekämpft waren (siehe Plan). Flaches Wasser bis auf etwa drei Seemeilen, sowie der Mangel an jeglichem Schutz gegen nördliche und westliche Winde hinderten eine genügende Annäherung unmittelbar von See aus; da die Boca grande für größere Schiffe zu flach ist, mußte man durch die Boca chica einlaufen, die aber nur je einem Schiffe den Durchgang gestattete. Diese Einfahrt wurde beherrscht durch das Fort Luis (82 Kanonen und drei Mörser) nebst den Außenwerken Felipe (acht Kanonen), Jago (15 Kanonen) und de Chamba (vier Kanonen), ferner durch die Faschinenbatterie La Baradera (15 Kanonen) mit einer kleineren (4 Kanonen) und durch das Fort José (21 Kanonen) auf einer kleinen Insel. Von Luis nach José war eine Balkensperre gelegt und hinter dieser vier Linienschiffe (Geschwader Don Blas de Leso) mit den[65] Breitseiten nach See zu verankert. — Bei dem Eingang in den inneren Hafen lagen die starke Befestigung Castillo Grande (vier Bastionen mit 59 Kanonen) und die Batterie Mancinilla (12 Kanonen); in dieser Einfahrt befindet sich eine flache Stelle, an deren beiden Seiten große Schiffe versenkt waren. — Die Stadt selber, auf zwei Inseln gelegen und mit Wällen (300 Kanonen) umgeben, wurde gedeckt durch das etwa 20 m hoch gelegene Fort Lazare, das allerdings von einem unbefestigten Hügel eingesehen werden konnte. — Die Garnison zählte 4000 spanische Soldaten nebst einer größeren Zahl von Negern und Indianern.

A. Fort Luis nebst Aussenforts. B. Baradera.
C. José. D. Castillo Grande. E. Mancinilla.
F. Lazare.
Cartagena.

Die englische Streitmacht bestand aus 29 Linienschiffen — 8 zu 80, 5 zu 70, 14 zu 60, 2 zu 50 Kanonen —, 11 Schiffen zu 20 Kanonen und kleineren Fahrzeugen, 9 Brandern und Mörserbooten sowie vielen Transportern; insgesamt 124 Segel mit einer Besatzung von 15000 Mann und 12000 Soldaten. Auf dem Ankerplatz in der benachbarten Bucht angelangt, ordnete Vernon für die leichteren Fahrzeuge Bewegungen an, die auf eine Landung schließen ließen, so daß die Spanier Truppen aus der Stadt dorthin zogen und Schanzen aufwarfen. Bis zum 9. März unternahmen die Engländer nichts; die Gegner konnten ungestört ihre Verteidigungsmaßregeln ausführen: die Sperre ziehen, die Linienschiffe postieren, Schiffe versenken, die Batterien fertig armieren u. dgl. Frühmorgens am genannten Tage setzte sich die englische Flotte in Bewegung. Eine Division — zehn Linienschiffe und sechs kleinere Fahrzeuge unter Sir Chaloner Ogle — war für den Angriff auf die Außenforts von Luis bestimmt; durch Erkundungen war festgestellt, daß man vor diesen auf Pistolenschußweite ankern konnte, ohne dem Feuer des Hauptforts und der Befestigungen der Boca chica ausgesetzt zu sein. Dieser Division folgte die zweite — Vernon mit zehn Linienschiffen, zehn kleineren Fahrzeugen und den Transportern voll Soldaten. Der Rest der Flotte blieb unter Kommodore Lestock vorläufig vor Anker, um den Anschein einer beabsichtigten Landung hier aufrecht zu erhalten.

Vier der schwersten Schiffe Ogles ankerten vor den Werken und brachten diese bald zum Schweigen; Landungsabteilungen besetzten sie. Der Verlust der Engländer war sehr gering; nur ein Schiff, dem das Ankertau durchschossen war und das nicht schnell genug einen zweiten Anker fallen ließ, trieb vor die Einfahrt und litt beträchtlich durch das Feuer der dortigen Befestigungen. Im Laufe des 9. und 10. März landete General Wentworth mit dem größten Teil der Soldaten, Geschützen und Belagerungsmaterial auf der Insel Tierra Bomba, dann wurde ein Lager aufgeschlagen und zwei Batterien — eine Mörser- und eine Batterie 24-Pfünder Schiffsgeschütze — gegen Luis gebaut. Schon am 9. abends begannen die Mörserboote das Fort zu beschießen, am 13. griff auch die Mörserbatterie ein. Jetzt aber traten die ersten Mißhelligkeiten zwischen den beiden Führern auf; Vernon beklagte sich über zu langsames Fortschreiten der Unternehmung am Lande, der General über mangelhafte Unterstützung durch die Flotte. Am Lande brachen bald nach der Ausschiffung infolge ungünstiger Bodenverhältnisse und schlechter Verpflegung Krankheiten aus, wodurch die Tätigkeit der Gelandeten gelähmt wurde. Die Flotte war reichlich mit Wasser und frischem Fleisch versehen, auch versorgte sie sich mit Schildkröten, vernachlässigte aber die Truppen. Vernon ließ am 19. durch eine Landungsabteilung die Batterie Baradera im Rücken angreifen und erstürmen, weil sie das Lager unter Feuer nehmen konnte, die Kanonenbatterie gegen Luis wurde aber trotzdem und obgleich der Admiral 500 Seeleute zur Mitarbeit stellte, erst am 21. fertig. Vernons Ungeduld war[66] berechtigt, denn die stürmische Jahreszeit rückte heran, der Ankerplatz war völlig ungeschützt, der Grund felsig, so daß die Ankertaue häufig durchgescheuert wurden; auch war die Nachricht eingelaufen, de Torres beabsichtige mit dem Havannageschwader, verstärkt durch das französische (Comte de Roquefeuil), zum Entsatz heranzukommen. Er ließ daher, nachdem die Landbatterien am 21. und 22. einen heftigen Kampf mit Luis geführt hatten, am 23. sechs Linienschiffe — mehr konnten nicht zur Verwendung kommen — das Feuer gegen Luis, José und gegen die Schiffe hinter der Sperre aufnehmen. Drei von diesen litten schwer und auch die übrigen wurden am 24. zurückgezogen.

Aber am Lande war Bresche gelegt und Luis wurde am 25. leicht gestürmt. Vernon hatte zur Ablenkung des Feindes eine Abteilung bei Baradera landen lassen; als ihr Führer sah, daß die Spanier nach dem Fall des Forts den Eindruck von Ratlosigkeit machten und sich anschickten, die Schiffe hinter der Sperre zu versenken oder zu verbrennen, ging er auf eigene Faust mit den Booten weiter, stürmte ohne Schwierigkeit José, sprengte die Sperre und nahm eins der Schiffe; den Spaniern gelang es, die andern zu vernichten. Vom 26. bis 30. März lief dann die ganze englische Flotte in den sichern äußern Hafen ein. Der Feind versenkte seine beiden letzten Linienschiffe im Eingang zum inneren Hafen, sprengte Fort Mancinilla auf und räumte auch Castillo Grande, das am 31. von den Engländern besetzt wurde.

So lagen zwischen dem Angreifer und der Stadt nur noch die versenkten Schiffe und das Fort Lazare; völliger Erfolg schien gesichert, wenn man sofort kräftig weiter nachstieß. Aber es kam anders. Die gelandeten Truppen hatten durch Krankheit sehr gelitten; schon am 25. März zählte man 500 Tote und 1500 Kranke. Wentworth stand von jetzt an, gereizt durch die Vernachlässigung und durch das abstoßende und herrische Wesen Vernons, dem Admiral mürrisch und ablehnend gegenüber; dieser aber ließ im weiteren Verlauf der Unternehmung gleichfalls seinen bisherigen, oft wagehalsigen Schneid vermissen.