Bei der großen Zahl der Kauffahrer erforderte dies Manöver längere Zeit; die Linienschiffe mußten ihre Entfernungen voneinander erweitern, um die Kauffahrer durchzulassen, und dann wieder schließen. So fanden die Engländer Zeit, heranzukommen. Hawke hatte zuerst allgemeine Jagd befohlen, bildete dann aber vorsichtshalber die Schlachtlinie, da man viele große Schiffe sah; als er näher herankam und die geringe Zahl der Kriegsschiffe erkannte, gab er wieder den Befehl zur allgemeinen Jagd. Die Franzosen nahmen den Angriff unter Marssegeln auf, ihre vordersten Schiffe braßten sogar back, um den hintern das Aufschließen zu erleichtern. Die englische Flotte kam von hinten auf, ihre Schiffe verteilten sich nach eigenem Gutdünken auf beide Seiten der wohlgeordneten französischen Linie, bis diese in ihrer ganzen Länge zwischen zwei Feuer genommen war. In der Linie lagen 1 Schiff zu 80 Kanonen (das Flaggschiff), 4 zu 74, 2 zu 64 und 1 zu 50, während die englische Flotte 1 Schiff zu 74, 1 zu 70, 10 zu 60–66 und 2 zu 50 Kanonen zählte. Gegen diese Übermacht fochten die Franzosen mit einer Ausdauer, die auch beim Gegner höchste Anerkennung fand. — Gegen Mittag hatten die vordersten englischen Schiffe das Feuer auf die feindlichen Schlußschiffe eröffnet, erst um 4 Uhr nachmittags strich das erste französische Schiff die Flagge, und es war 7 Uhr abends, als 6 Schiffe, zerschossen und entmastet, genommen waren; dem Flaggschiff und dem Vierundsiebziger gelang es sogar, sich aus dem Gefecht zu ziehen und unbelästigt Brest zu erreichen, wobei das Flaggschiff zeitweise von seinem Kameraden in Schlepp genommen wurde.
Der Verlust an Mannschaften betrug auf französischer Seite 800, auf englischer 712 Mann. Nach französischen Angaben haben die Franzosen 1842 Schuß, die Engländer gegen 4000 abgegeben. Diese sollen viel Kartätschen und Kettenkugeln (besonders wirksam gegen die Takelage), verfeuert haben, Geschoßarten, von denen die Franzosen nur wenig an Bord hatten. Die englischen Schiffe hatten gleichfalls so gelitten, daß sie nicht daran denken konnten, den Konvoi zu verfolgen. Admiral Hawke sandte jedoch sofort einen Schnellsegler nach Westindien, um dort den Stationschef von der bevorstehenden Ankunft des Konvois zu benachrichtigen, und so wurden immerhin durch Kriegsschiffe noch 20 Kauffahrer (im Wert von 100 000 Lstrl.) und von Freibeutern weitere zehn aufgebracht.
In den eben geschilderten Schlachten Ansons und Hawkes siegten die Engländer durch ihre Überlegenheit an Zahl, und die Führer handelten richtig, wenn sie allgemeine Jagd anordneten. Mahan sagt hierzu: „Wenn sich der Feind infolge einer Schlacht oder erheblicher Unterlegenheit zur Flucht genötigt sieht, so soll man die Rücksicht auf eigene Ordnung bis zu einem gewissen Grade außer acht lassen; der hierin vom Admiral Tourville nach der Schlacht bei Beachy Head 1690 gemachte Fehler ist dort erwähnt“ (auch von uns, vgl. Band I, Seite [439]). „Es kommt dann darauf an, den Gegner zu überholen oder festzuhalten, und dies kann mit Sicherheit nur erreicht werden, wenn man die schnellsten oder die zur Verfolgung in günstigster Lage befindlichen eigenen Schiffe ihren Vorteil ausnutzen läßt; diese werden die langsamsten Schiffe des Gegners einholen, die dann verloren sind oder die Gesamtstreitmacht nötigen, sich zu stellen.“
Auch die französischen Admirale verfuhren in beiden Schlachten richtig, wenn sie sich mit den Kampfschiffen zwischen ihre Schutzbefohlenen und den Feind legten. Jonquière erreichte seinen Zweck nicht ganz, weil er von verschiedenen Schiffen im Stich gelassen wurde; der glänzenden Verteidigung l'Etanduères aber war die Rettung des wertvollen Konvois zu danken. — Daß die deckenden Geschwader so klein bemessen waren, spricht nicht für die Leitung der französischen Marine oder bezeugt ihre Schwäche. Im ersten Falle handelte es sich allerdings nur um kleine Unterstützungen für die fernen Kriegsschauplätze, und solche waren in den letztverflossenen Jahren häufig dem Gegner entgangen; im zweiten Falle aber hätte man, durch den ersten Verlust gewitzigt, dem ungeheuer großen Konvoi, der viel schwerer unbemerkt durchschlüpfen konnte, doch einen stärkeren Schutz zuteil werden lassen müssen.
Das Jahr 1747 brachte zwischen beiden Schlachten noch weitere bemerkenswerte Verluste der Franzosen. Am 1. Juli 1747 stieß Kapitän Fox mit 4 Linienschiffen und 2 schweren Fregatten in der Bucht von Biscaya auf einen großen Konvoi heimkehrender französischer Westindienfahrer, dem er schon seit Mai auflauerte. Der Führer der Bedeckung (3 Linienschiffe und 1 Fregatte), Kapitän Dubois de Lamotte, machte zwar zunächst Miene, durch Aufnahme des Kampfes den Feind festzuhalten, führte diese Absicht aber nicht durch, sondern gab den Kauffahrern den Befehl, sich auf eigene Faust zu bergen. Er räumte mit seinen Kriegsschiffen das Feld und führte diese wohlbehalten nach Brest, aber 47 seiner Schutzbefohlenen fielen den Engländern in die Hände. — Wenige Tage später jagte Admiral Warren, zweiter Admiral auf Ansons Flotte, ein französisches Kriegsschiff nebst 5 Handelsschiffen bei Kap Finisterre auf den Strand und nahm oder verbrannte sie.
Nach dem Verlust von 11 Linienschiffen in den beiden Schlachten scheint Frankreichs Marine auch im Atlantik erschöpft gewesen zu sein, und es zeigen sich dort keine Seestreitkräfte von Bedeutung mehr. Man hört nur — es klingt fast wie ein Scherz — von der Indienststellung eines zwei Fregatten starken „fliegenden Geschwaders“ zum Schutz der atlantischen Küste. Diese kleine Macht fing zwar einige Freibeuter und bestand sogar ein Gefecht mit stärkeren Kriegsschiffen, konnte aber selbstverständlich nicht hindern, daß die eigenen Kaper genommen und der Handel schwer geschädigt wurde. Nach der zweiten Schlacht bei Finisterre kreuzten nämlich in den Jahren 1747 und auch 1748 bis zum Friedensschluß stets mehrere englische Geschwader, von Flandern bis Gibraltar verteilt, vor der französischen und spanischen Küste.
Die Beteiligung der holländischen Marine am Kriege beschränkte sich auf die europäischen Gewässer und bot tatsächlich kaum eine Unterstützung für England[59]. Beim Ausbruch des Krieges mit Frankreich 1744 war dies berechtigt — insbesondere infolge des französischen Versuches, in Großbritannien zu landen —, auf Grund des alten Vertrages von 1678 von Holland 23 Kriegsschiffe zur Unterstützung zu fordern. Die Generalstaaten wollten dem Verlangen zwar entsprechen, aber der traurige Zustand der Marine und der Geldmangel bei den Admiralitäten erlaubten dies zunächst nicht. Erst Anfang August gingen 8 Linienschiffe — 1 zu 72, 1 zu 64, 6 zu 54 Kanonen — unter dem Leutnant-Admiral Grave, 2 Vize- und einem Kontreadmiral nach Spithead; 4 Fregatten, die noch bereit waren, mußten in die Nordsee gesandt werden, um die zurückerwarteten Ostindienfahrer aufzunehmen.
Kennzeichnend für die jetzige Bedeutungslosigkeit der holländischen Marine ist, daß die Schiffe die englische Gösch auf dem Bugspriet führten; allerdings sagte man, es geschehe nur, um Frankreich gegenüber ausdrücklich hervorzuheben, die Schiffe seien ein vertragsmäßiges Hilfsgeschwader, nicht aber Streitkräfte einer selbständig kriegführenden Macht. (Also ein ähnliches Verhältnis wie das der französischen Schiffe vor 1744 zu Spanien.) Die Linienschiffe machten 1744 die Reise des Admirals Balchen in die spanischen Gewässer mit, doch fielen drei bald aus, da sie wegen ihres schlechten Zustandes und Krankheit an Bord Lissabon als Nothafen anlaufen mußten. Im Laufe des nachfolgenden Winters wurde das holländische Kontingent nach und nach wirklich auf 15 Linienschiffe und 5 schwere Fregatten gebracht, der Zustand der Schiffe war jedoch derart, daß sie sich nur einige Male und noch nicht vollzählig an den Kreuzfahrten der englischen Geschwader beteiligen konnten; meist lagen sie untätig in den Häfen, und schon im April 1746 wurden mit Bewilligung Englands 8 Schiffe wieder zurückgezogen.
Das Verhältnis zwischen England und Holland in maritimen Angelegenheiten war schlecht. Holland erhob Klage, daß die Engländer in den auswärtigen Gewässern bei ihrer Jagd auf französische und spanische Kauffahrer auch holländische belästigten; die holländischen Seeoffiziere waren empört, daß ihre älteren Flaggoffiziere unter jüngere englische gestellt wurden und warfen ihrem Chef zu großes Entgegenkommen vor. Im Winter 1745/46 kehrte der Rest der Schiffe nach Holland zurück und damit unterblieb die Gestellung eines Hilfsgeschwaders vorläufig ganz, weil man die schwachen Kräfte notwendig selber gebrauchte. — Schon von 1745 an waren ältere Linienschiffe (sogenannte „Ausleger“, d. i. wohl „Wachtschiffe“) nebst kleineren Fahrzeugen in der Schelde stationiert, hier unter österreichischer Flagge, wiederum nur als Hilfskräfte; als 1746 die Franzosen näher an Holland herankamen, wurden diese vermehrt, nur unter holländischer Flagge. Die anderen Küsteneinfahrten besetzte man ähnlich; man zog dazu auch noch Schiffe der ostindischen Kompagnie und sonst geeignete Kauffahrer heran.
An eigentlichen Kriegsschiffen sind in den Jahren 1746 und 1747 einige zwanzig im Dienst gewesen, von denen aber der größere Teil zum Schutze des Handels in auswärtigen Gewässern Verwendung fand. An der eigenen Küste kreuzten nur wenige (3 oder 5), so daß man sich genötigt sah, 1747 England um Unterstützung durch ein Geschwader zu bitten, als man einen französischen Angriff von Sas van Gent aus gegen Walcheren befürchtete. De Jonge klagt: [93]„Fremde Schiffe mußten herbeigerufen werden, um Vlissingen, den Geburtsort unserer großen Admirale Ruyter, Evertsen, Bankers, zu schützen!“ Im Juli 1747 und im Januar 1748 wurden nochmals kleine Geschwader von 6 Schiffen nach England gesandt, die sich an Kreuzfahrten beteiligten.