Im Jahre 1746 aber fühlte sich Labourdonnaye, zu dem im Januar ein Linienschiff und mehrere Schiffe der Kompagnie gestoßen waren, stark genug zum Handeln. Im April verließ er Isle de France; in einem Zyklon wurden seine Schiffe zwar übel zugerichtet, das Linienschiff völlig entmastet, aber er besserte sie in der Bucht von Antougill auf Madagaskar aus und erschien Ende Juni an der Koromandelküste. Hier kreuzte seit einiger Zeit das englische Geschwader unter Kommodore Peyton, der nach Barnets Tode den Befehl übernommen hatte, zwischen dem Fort St. David[63] und Negapatam. Labourdonnaye beschloß, anzugreifen, obgleich seine Schiffe, wenn auch zahlreicher, an Gefechtskraft weit zurückstanden, und schlug den Gegner aus dem Felde.

Gefecht bei Negapatam, 7. Juli 1746. Das französische Geschwader zählte 1 Linienschiff zu 74 Kanonen und 8 Kompagnieschiffe: 1 zu 38, 1 zu 36, 6 zu 30 Kanonen. Es ist schon früher erklärt (Seite 57), weshalb man die Schiffe der Kompagnie trotz ihrer Größe nicht als vollwertige Schlachtschiffe ansehen kann; an Zahl und Kaliber der Geschütze waren sie weit unterlegen, dagegen hatte sie Labourdonnaye stark bemannt und besonders auf Entern eingeübt. Peyton verfügte über 1 Schiff zu 60 Kanonen, 3 zu 50, 1 zu 40 und 1 zu 20 Kanonen. Labourdonnaye lag am 7. Juli vor Negapatam, einer holländischen Ansiedlung, zu Anker, und ging sofort in See, als das englische Geschwader bei nördlichem Winde zu Luward in Sicht kam. Er hatte die Absicht, den Enterkampf herbeizuführen, konnte aber nicht herankommen, da sich Peyton mit seinen besser segelnden Schiffen dicht am Winde hielt. So entspann sich nur von 4 bis 7 Uhr nachmittags ein Feuergefecht auf mittlere Entfernungen, in dem die Engländer etwa 60 und die Franzosen gegen 70 Tote und Verwundete einbüßten; die Schiffe wurden wenig beschädigt. Peyton räumte während der Nacht das Feld; er wurde später durch seinen Nachfolger unter Arrest nach England gesandt, aber dort nicht weiter zur Verantwortung gezogen.

Das englische Geschwader gab dem französischen nicht nur den Weg nach Pondichery frei, es ließ sogar Madras ohne Schutz, indem es nach Ceylon segelte. Labourdonnaye, der auf seinen Schiffen bedeutende Gelder und Vorräte für Pondichery an Bord hatte, ging nach diesem Hafen und trat mit Dupleix über weitere Maßnahmen in Beratung.

Von jetzt an wurde das Verhältnis zwischen den beiden Führern gespannt. Labourdonnaye wollte vor allem die englischen Seestreitkräfte vernichten. Er bat zu diesem Zweck um Überlassung von 60 schweren Geschützen für seine Schiffe; Dupleix gab ihm nur leichte, weil er die Werke der Stadt nicht zu sehr schwächen wollte. Das Geschwader lief am 4. August aus, um die Engländer zu suchen. Die Gegner sichteten sich auch, wieder vor Negapatam, am 17.; es kam aber zu keinem Zusammenstoß, obgleich sie drei Tage in Sicht voneinander blieben, da Peyton beständig auswich. Dieser ging dann auf die Rhede von Pulicat (nördlich von Madras), lag dort längere Zeit untätig und segelte schließlich sogar Anfang September nach Bengalen (bei den vorherrschenden Winden nach Lee!), obgleich Madras inzwischen bedroht war.

Labourdonnaye hatte bei seiner Rückkehr nach Pondichery den Vorschlag gemacht, das Fort St. David anzugreifen; Dupleix hielt diesen Platz für zu unwichtig und verlangte die Vernichtung des englischen Geschwaders oder einen Angriff auf Madras; hiergegen wandte der Admiral wieder ein, die Engländer wichen ihm zur See stets aus, so lange sie jedoch gegenwärtig wären, sei ein Unternehmen gegen Madras zu gewagt — es scheint, als ob er doch die besseren Schiffe des Gegners gefürchtet habe. Durch den Gouverneur mit seinem Rat vor die Wahl gestellt, entweder eine der geforderten Aufgaben zu übernehmen oder sein Kommando niederzulegen, entschloß sich Labourdonnaye endlich Ende August zum Angriff auf Madras. Kurz vorher waren seine Schiffe — er selber lag krank — vor Madras gewesen und hatten die Stadt kurze Zeit beschossen; da nun Peyton selbst daraufhin nicht erschien, ja sogar nach Bengalen ging, von wo er des Windes halber so leicht nicht zurückkommen konnte, brauchte Labourdonnaye mit ihm nicht mehr zu rechnen.

Die Einnahme von Madras durch die Franzosen. 21. September 1746. Am 12. September ging die Expedition von Pondichery ab, am 14. wurden 2000 Mann (1000 Europäer und 1000 Indier) gelandet. Madras war in keiner Weise auf eine Belagerung vorbereitet. Als das französische Geschwader in Pondichery eintraf, bat der Gouverneur, General Morse, den Nabob von Carnatic um Beistand, wie es vor zwei Jahren die Franzosen getan hatten; der englische Agent verstieß aber derartig gegen die üblichen Formen, daß er nur eine ausweichende Antwort erhielt und vom Nabob kein Verbot an die Franzosen erging. Dennoch, obgleich auch das Fort St. Georg nur 300 Mann Besatzung hatte, und man von den Seestreitkräften im Stich gelassen war, lehnte der Gouverneur eine Übergabe zunächst ab und kapitulierte erst nach mehrtägiger Beschießung am 21. September. Die Garnison und sämtliche Engländer wurden kriegsgefangen, alle Waren und Güter wie Fort und Stadt Eigentum der Franzosen. Aber bei Abschluß des Übergabevertrages hatte Labourdonnaye durchblicken lassen, daß er geneigt sei, die Stadt gegen ein Lösegeld zurückzugeben; nach der Übergabe begann er darüber mit Morse zu verhandeln, trotzdem Dupleix und sein Rat in Pondichery dem Gedanken auf das schärfste entgegentraten. Diese Angelegenheit führte zum völligen Bruch zwischen Labourdonnaye und Dupleix.

Dupleix hatte gerade am 21. September vom Nabob von Carnatic die Weisung erhalten, die Belagerung sofort aufzuheben, widrigenfalls dieser eingreifen würde. Er antwortete, er wolle Madras, sobald es eingenommen sei, dem Nabob ausliefern; hiervon gab er dem Admiral Kenntnis. Dieser hatte inzwischen dem Gouverneur den Sieg gemeldet und hinzugefügt: „Wenn man die Stadt zerstöre, würden sich die Engländer an einem anderen Platze niederlassen; sie zur französischen Kolonie zu machen, verböte seine Instruktion von 1741, nach der er keine Eroberungen behufs dauernder Inbesitznahme machen dürfe. Er sei für ein Lösegeld; dieses wäre für die Kompagnie und auch für den siegreichen Führer sowie seine Offiziere und Soldaten(!) ein großer Vorteil, und der englische General sei bereit, es in Wechseln auf England zu erlegen.“ Dupleix wollte hiervon nichts hören. Er mußte fürchten, daß England die Wechsel nicht einlösen und daß die nächste englische Flotte die Stadt zurückerobern würde. Er wollte also diese zerstören und durch Zurückgabe ihrer Trümmer dem Nabob gefällig sein, sowie den Engländern schaden. Labourdonnaye setzte aber seine Verhandlungen fort, obgleich Dupleix immer schärfere Sprache brauchte und sogar eine neueingetroffene Verfügung der Kompagnie sandte, nach der der Admiral zwar eine Stimme im Rat haben solle, aber verpflichtet sei, die Beschlüsse dieser Körperschaft durchzuführen. Der Admiral erklärte hierauf, er nähme nur Befehle vom Minister an; die Beamten, die der Gouverneur zur Übernahme der Geschäfte in Madras gesandt hatte, setzte er gefangen[64].

Abgesehen von der Meinungsverschiedenheit über das Schicksal der Stadt und die Art der Kriegführung, haben sicher auch persönliche Beweggründe zum Bruch zwischen den Führern beigetragen. Der Admiral wollte sich nicht unter den Befehl des Rates stellen; der Gouverneur sah sich durch Labourdonnaye in seiner Würde sowie in seinen Rechten verletzt und seine ganze Politik dem Nabob gegenüber in Frage gestellt; auch ging das Gerücht, der Admiral sei von den Engländern bestochen.

Dupleix hatte nicht die Macht, seine Ansicht durchzusetzen, da die Offiziere der Expedition zum Admiral hielten und auch die dreier Linienschiffe, die am 8. Oktober von Frankreich ankamen, sowie die von verschiedenen Kompagnieschiffen, die bisher bei Sumatra gekreuzt hatten, auf dessen Seite traten. Labourdonnaye schloß am 27. September den Vertrag über ein Lösegeld von 421 666 Lstrl. ab, der am 18. Oktober bestätigt und dahin ergänzt wurde, daß Madras am 1. Januar 1747 zurückzugeben sei. Der Admiral hatte sich beeilen müssen, da er der Jahreszeit halber nicht länger an der Küste bleiben konnte; schon am 13. Oktober waren in einem Sturme drei Schiffe gesunken und mehrere schwer beschädigt. Nach notdürftiger Ausbesserung traf er dann am 27. Oktober vor Pondichery ein; er war durch die erwähnten Verstärkungen trotz der Verluste immer noch in der Lage, den Beschlüssen des Gouverneurs und des Rates zu trotzen. Die Uneinigkeit dauerte fort. Um im nächsten Jahre dem Feinde zur See wieder kräftig entgegentreten zu können, verlangte Dupleix, die Schiffe sollten in Atchin überwintern; Labourdonnayes Plan war, sie in Goa gründlich auszubessern und dort noch einige zum Kriegsdienst auszurüsten. Da ihm der Gouverneur Geldmittel, Geschütze und Leute zu diesem Zweck verweigerte, ging er mit den Schiffen seines ursprünglichen Geschwaders über Isle de France nach Frankreich zurück[65]. Die neu herausgekommenen Linienschiffe begaben sich zum überwintern nach Atchin.