England zu gewinnen, erschien für Friedrich aussichtslos. Georg II. blieb als Kurfürst von Hannover infolge der Machtentwicklung Preußens, sowie des Streites um Ostfriesland sein Gegner, aber auch mit der englischen Regierung bestanden Zwistigkeiten, da diese sich weigerte, Schadenersatz für im letzten Kriege unrechtmäßig aufgebrachte Handelsschiffe zu leisten. Das Verhältnis zwischen beiden Staaten spitzte sich so zu, daß sie 1750 ihre Gesandten abberiefen, auch verpflichtete sich England 1751, Sachsen auf vier Jahre Subsidien zu zahlen, wobei es hauptsächlich den Schutz Hannovers gegen Preußen im Auge hatte. Während nun aber der Bund zwischen Österreich, Rußland und Sachsen mit der ausgesprochenen Absicht, Preußen zu vernichten, immer festere Gestalt annahm, trat 1755 ein völliger Umschwung in der Politik Englands und Frankreichs und damit in ihrer Stellung zu Preußen ein.
Die Nebenbuhlerschaft dieser beiden Staaten um Seehandel und Kolonialbesitz war der Anlaß. Nach dem Frieden von Aachen hatten die Schiffahrt sowie die Kolonien Frankreichs wieder einen bedeutenden Aufschwung genommen. Der Einfluß der Franzosen in Indien wuchs in einer für England bedenklichen Weise; in Westindien versuchte Frankreich sich in den alleinigen Besitz der sogenannten neutralen Inseln (Seite 9) zu setzen; in Nordamerika wurden die gegenseitigen Beziehungen unhaltbar. Hier nahmen auf beiden Seiten die Kolonisten ihre Sache selber in die Hand; schon 1754 kam es zwischen ihnen zu Blutvergießen. Die englische Regierung hatte nun zwar keine Neigung, wegen der nordamerikanischen Fragen einen Krieg mit Frankreich zu beginnen[68], als aber dieses in den Verhandlungen unannehmbare Bedingungen stellte, kam es überraschend schnell zum Zusammenstoß. Im Frühjahr 1755 entbrannte zwischen den Kolonien der offene Krieg, beide Staaten sandten starke, schon länger vorbereitete, See- und Landstreitkräfte hinüber und England griff bereits im Sommer den französischen Handel in den europäischen Gewässern an. Wenn auch die Kriegserklärung erst im Frühjahr 1756 erfolgte, nachdem die Franzosen Port Mahon angegriffen hatten (April), so war doch der See- und Kolonialkrieg schon im Gange, ehe der Siebenjährige Krieg auf dem Festlande ausbrach.
England sah sich angesichts dieser Verhältnisse nach Bundesgenossen zum Schutze Hannovers um. Im September 1755 wurde ein Vertrag mit Rußland geschlossen, der England gegen Subsidien ein russisches Heer zur Verfügung stellte. Dagegen ging das alte Bündnis mit Österreich in die Brüche. Sein Hauptwert hatte für England stets darin gelegen, daß Belgien (insbesondere Antwerpen) in österreichischem Besitze bliebe; Österreich zeigte sich jetzt aber geneigt, diese Provinz an Frankreich abzutreten, um dessen Hilfe gegen Preußen zu gewinnen. Gleichzeitig lockerte sich auch das gute Verhältnis zwischen Preußen und Frankreich. Dieses fühlte, es könne in dem Kriege mit England nicht auf Preußens Unterstützung rechnen. Friedrich II. durfte sich nicht an einem Kampfe um Hannover beteiligen, da er dann den sofortigen Angriff Österreichs zu gewärtigen hatte, zudem erfuhr er von den Verhandlungen Österreichs mit Frankreich.
Unter diesen Verhältnissen machte nun England den Versuch, Preußen wenigstens bedingungsweise für sich zu gewinnen, und Friedrich ging darauf ein, als er von dem Abkommen zwischen England und Rußland Kenntnis erhielt. So schlossen England und Preußen den Neutralitätsvertrag von Westminster (Januar 1756), in dem beide Mächte sich Frieden und Freundschaft gelobten und sich verpflichteten, ihre bisherigen Verbündeten von Angriffen auf Gebiete des anderen — also Rußland von Preußen, Frankreich von Hannover — abzuhalten. Dieses Abkommen sollte mithin die letztgenannten Mächte einschränken, beförderte aber tatsächlich eine neue Gruppierung der Staaten, auf die Österreich unter Fürst Kaunitz schon lange hinarbeitete. Es gelang ihm, Rußland, Sachsen, Schweden, sowie die meisten deutschen Fürsten zu einem Angriffskriege gegen Preußen, auf dessen völlige Zerstücklung es abgesehen war, an sich zu ziehen und diesem Bunde die Unterstützung Frankreichs zu sichern. Es dauerte jedoch geraume Zeit, bis dies erreicht war; erst im Frühjahr 1757 kam die Koalition zustande und erst im Sommer waren die Rüstungen überall vollendet.
Frankreichs bisheriger Politik widersprach dieses Bündnis völlig, bezweckte es doch einen Krieg, der das österreichische Kaiserreich stärken sollte, für dessen Demütigung und Schwächung Frankreich bisher gekämpft hatte; es wurde auch nur durch die Hofpartei begünstigt. Als Preis versprach Österreich Belgien; ein Teil dieser Provinz sollte an Frankreich abgetreten werden, den Rest der in Parma regierende spanische Infant Philipp gegen Überlassung seines bisherigen Besitzes an Österreich erhalten. Noch mehr aber förderten persönliche Einflüsse das Zustandekommen dieses Vertrages. Man benutzte den religiösen Aberglauben Ludwigs XV., um ihn zu einem Kriege der beiden katholischen Großmächte gegen die neuentstehende protestantische zu begeistern, auch wurde die Pompadour, die durch den Spott Friedrichs II. gereizt war, für den Plan gewonnen. Im Mai 1756 schlossen Österreich und Frankreich zu Versailles ein Schutzbündnis als Antwort auf den englisch-preußischen Neutralitätsvertrag, und im Mai 1757 verpflichtete sich Frankreich, ein Heer nach Deutschland zu schicken, auch erklärte es gleichzeitig den Krieg an Preußen. — Bei der Teilung Preußens sollte Rußland Ostpreußen erhalten, an Schweden sollte Pommern, an Sachsen der Saalekreis sowie Magdeburg fallen, Österreich wollte natürlich Schlesien behalten. — Auch Rußland und Schweden erklärten erst im Sommer 1757 den Krieg, nur das Deutsche Reich hatte dies auf einen Notruf Sachsens schon im Januar getan und zwar an den „Kurfürsten von Brandenburg“.
Friedrich der Große hatte aber schon 1756 den als der Siebenjährige Krieg bekannten Kampf begonnen. Er war im Juli 1756 durch Holland von der ihm drohenden Gefahr unterrichtet und hoffte mittels eines schnellen Stoßes die Koalition zu sprengen, Österreich zu entmutigen, sowie dessen Bundesgenossen abzuschrecken; 1756 nahm er Sachsen in Besitz und drang im April 1757 in Böhmen ein. Ehe seine übrigen Gegner im Felde erschienen, hatte er auch mit England einen festeren Bund geschlossen (Januar 1757). Im Mai und Juni 1756 hatten England und Frankreich formelle Kriegserklärungen gewechselt; in dem neuen Vertrage mit Preußen verpflichtete sich England-Hannover, in Westfalen ein Heer aufzustellen, eine starke Flotte in die Ostsee zu senden und jährlich eine Million Lstrl. Subsidien zu zahlen; auch lieferte es Hilfsgelder an die wenigen deutschen Fürsten, die zu Preußen standen.
Dieser Vertrag war ein Verdienst des älteren Pitt, des späteren Grafen von Chatham, Staatssekretärs des Auswärtigen, des Leiters der englischen Politik vom November 1756 bis April 1757 und sodann vom Juni 1757 bis Oktober 1761. Er war trotz mancher Gegensätze ein begeisterter Verehrer Friedrichs II. und rechnete überdies ganz richtig, daß die im deutschen Kriege angelegten Gelder in Nordamerika, sowie in Ostindien Zinsen tragen würden. Mit dem Tode Georgs II. (Oktober 1760) schwand[119] sein Einfluß; Georg III. sah in ihm einen Feind der königlichen Rechte, bald wurde die Strömung gegen ihn so stark, daß er (5. Oktober 1761) sein Amt niederlegte, und damit hörten auch die Unterstützungen Englands an Preußen auf.
Durch dieses preußisch-englische Bündnis tritt der Seekrieg zwischen England und Frankreich in Verbindung mit dem Siebenjährigen Kriege. Der große König ward in seine gewaltigen Ringen durch englisches Geld sowie auch durch Truppen wesentlich unterstützt, und Frankreich war genötigt, neben dem Kampfe gegen Preußen einen See- und Kolonialkrieg zu führen und seine Küsten gegen englische Angriffe zu schützen. Englands Nutzen aus dieser Verbindung war jedoch noch größer, denn Frankreich verbrauchte im Landkriege so viel von seiner Kraft, daß es dem Gegner auf und über See nicht standhalten konnte. Die Truppen, die es zum Schutz seiner Küsten zurückbehalten mußte, sowie die Geldmittel, die es notgedrungen und nur widerwillig für den Seekrieg aufwandte, hätten in dem Kriege mit Preußen keine ausschlaggebende Rolle gespielt; dagegen muß man allerdings auch wohl anrechnen, daß Frankreich durch die Vernichtung seines Seehandels und durch den Verlust seiner Kolonien infolge des Seekrieges stark geschwächt und dadurch Preußen noch zur rechten Zeit von diesem gefährlichen Gegner befreit wurde, als es nach Pitts Rücktritt 1761 von England verlassen war.
In den See- und Kolonialkrieg trat auch Spanien ein, allerdings erst 1762. England sowohl wie Frankreich hatten lange versucht, diesen Staat zu einer engeren Verbindung zu bewegen; letzteres hatte ihm Minorka und Hilfe zur Rückeroberung Gibraltars angeboten, Pitt sogar die freiwillige Rückgabe dieses wichtigen Platzes, allerdings zu einer Zeit, 1757, als die Sache Englands in Nordamerika schlecht stand. Solange Ferdinand VI. regierte, war jedoch alles vergeblich, anfangs, weil der schwer gemütskranke König ganz unter dem Einfluß der einsichtigen Königin stand, dann, weil nach deren Tode alle Geschäfte ruhten. Erst als Karl III. den Thron bestiegen hatte (1759), gelang es Choiseul, ihn für Frankreich zu gewinnen und ihn zur Kriegserklärung an England am 1. Mai 1762 zu bestimmen; England kam dem jedoch durch die eigene Kriegserklärung schon im Januar zuvor.