Der Bourbonische Familienvertrag. Im ersten Bande ist (Seite 598) fälschlich ein Defensivbündnis zwischen Spanien und Frankreich schon mit diesem Namen belegt, während erst das jetzige vom 15. Oktober 1761, dem auch die spanischen Sekundogenituren Neapel und Parma beitraten, gewöhnlich so bezeichnet wird. In ihm garantierten sich sämtliche Herrscherhäuser bourbonischen Stammes ihren gegenseitigen Besitz; der Vertrag schuf ihnen die Grundlage für eine gemeinsame Politik bis zur französischen Revolution.

Karl III., bis 1759 König beider Sizilien, war ein Feind Englands, dem er die Demütigung im Österreichischen Erbfolgekriege (s. Seite [73]) nicht vergessen konnte. Er gab die Neutralität auf, obgleich sie, wenn auch vielfach von England verletzt, Spaniens Finanzen und Handel zur Blüte gebracht hatte. Pitt erfuhr frühzeitig von den Verhandlungen und wollte sofort den Krieg erklären, aber sein Einfluß genügte nicht mehr, dies durchzusetzen. Als jedoch bald nach seinem Rücktritt die Silberflotte[120] des Jahres 1761 mit den für einen Krieg nötigen Mitteln unversehrt eingelaufen war, trat Spanien so anmaßend auf, daß England sich doch zur Kriegserklärung am 2. Januar 1762 genötigt sah.

Auch Portugal ward in den Krieg hineingezogen. Frankreich und Spanien forderten diesen Staat auf, ihrem Bunde gegen den „Tyrannen der See“ beizutreten und sich dadurch von England freizumachen, das ihm alles Geld aus dem Lande zöge (vgl. über den englisch-portugiesischen „Methuen-Vertrag“, Band I, Seite [490]). Portugal ging aber nicht darauf ein in der richtigen Ansicht, daß ein gutes Einvernehmen mit England ihm nützlicher sei. Frankreich und Spanien fielen nun 1762 in das Land ein, wurden aber mit englischer Hilfe zurückgeschlagen.

Bei der alten Abneigung zwischen den beiden Staaten der Pyrenäischen Halbinsel hatte Portugal einen Verbündeten nötig, der zu jeder Zeit imstande und gewillt zu seinem Schutze, vor allem auch zu dem des so wichtigen brasilianischen Handels, war. Auf England konnte es sich verlassen, da für dessen Seemacht die Verfügung über die portugiesischen Häfen eine große Bedeutung hatte. So blieb Portugal dem bisherigen Verbündeten treu, obgleich es auch unter Verletzungen der Neutralität durch England litt. Man gab an, das Bündnis mit England sei rein defensiver Natur; Frankreich und Spanien erklärten es jedoch für offensiv, da Englands Flotte nur durch die Benutzung der portugiesischen Häfen imstande sei, zu allen Jahreszeiten die See zu halten und dadurch ihren Handel sowie die Bewegungen ihrer Flotten zu bedrohen.

Nur Holland blieb neutral im See- wie im Landkriege. Es war sich seiner Schwäche zu Wasser und zu Lande bewußt, auch sah es sich nicht bedroht, da infolge des Bündnisses zwischen Frankreich und Österreich in diesem Kriege Belgien nicht wie früher Streitobjekt war. Auf Einwirkung Frankreichs hin band es sich aber auch nicht an den alten Schutzvertrag mit England, was seinem Seehandel teuer zu stehen kam.

Der Verlauf des Siebenjährigen (Land-)Krieges.

Dieser Landkrieg steht mit unserem Seekriege in keiner näheren militärischen Beziehung. Wir wollen über seinen Verlauf jedoch soviel sagen, als nötig erscheint, um bei der Betrachtung des Seekrieges zu jedem Zeitpunkt den Stand des Landkriegs in Vergleich ziehen, sowie beurteilen zu können, welche Leistungen er von den Gegnern im Seekriege verlangte; auch ist dies notwendig für die Beteiligung der schwedischen und russischen Marinen am Landkriege, die wir später (Kapitel VI, „Nebenkriege“) behandeln werden.

1756. Friedrich II. wollte durch einen überraschenden Stoß in das Herz Österreichs hinein die ihn bedrohende Koalition sprengen. Er brach am 29. August in Sachsen ein, um sich dieses Land als Basis zu sichern. Am 10. September schloß er das sächsische Heer bei Pirna ein und schlug ein heranrückendes österreichisches am 1. Oktober bei Lobositz; ein zweites, das Schlesien bedrohte, wurde durch Graf Schwerin festgehalten. Die Sachsen ergaben sich am 14. Oktober, das ganze Land kam nun bald in Besitz des Königs, aber infolge des unerwartet langen Widerstandes war die Jahreszeit zu weit vorgeschritten, um den Stoß gegen den Hauptgegner noch unternehmen zu können; eine verhängnisvolle Verzögerung, denn im Winter wurden seine Gegner einig und sammelten ihre Kräfte.

1757. Unter Zurücklassung genügender Truppen zum Grenzschutz brach König Friedrich mit der Hauptmacht im April in Böhmen ein. Am 6. Mai wurde ein österreichisches Heer (Karl von Lothringen) geschlagen, in die Festung Prag geworfen und dort berannt, dann ging Friedrich dem unter Daun erscheinenden Entsatzheer entgegen, in der Hoffnung, durch einen zweiten Sieg dem Kriege ein Ende zu machen. Da er aber die Belagerung Prags aufrechterhielt, wurde er mit seinen unzureichenden Kräften am 18. Juni bei Kolin geschlagen. Dies war seine erste und zugleich seine folgenschwerste Niederlage, denn sie machte seinem Vorwärtsdringen ein Ende; von jetzt an bedrohte man ihn von allen Seiten, er konnte nur noch um den Bestand seines Staates kämpfen.