Der Seekrieg spielte sich auf verschiedenen Schauplätzen — in den europäischen, den nordamerikanischen, den west- und ostindischen Gewässern — ab. Um aber stets über die ganze Kriegslage im klaren zu sein, sowie auch weil England von Anfang an nach einem alle Schauplätze umfassenden Plane vorging, erscheint es angebracht, zunächst den allgemeinen Verlauf dieses Seekrieges etwas eingehender zu schildern, als dies bisher bei anderen geschehen ist.
Kennzeichnung der Kriegführung seitens der Gegner. Der vorherzusehende Zusammenstoß zwischen England und Frankreich erfolgte nur wegen Streitfragen auf oder über der See; dies wies deutlich genug auf den wahren Kriegsschauplatz hin, und man hätte einen reinen Seekrieg zwischen den beiden Mächten erwarten müssen. Aber nur England besaß eine starke Flotte und erkannte das Richtige, Frankreich hatte Vorbereitungen für einen Seekrieg versäumt und ließ sich außerdem durch den Landkrieg vom Seekriege ablenken. Zu Anfang zeigten sich zwar Unternehmungslust und Tatkraft auf seiten der Franzosen und sie hatten schon wichtige Erfolge errungen, als sie 1757 in den Landkrieg eintraten. Durch die überraschende Einnahme von Port Mahon, durch die Gewinnung Korsikas (wo ihnen Genua zum eigenen Schutz gegen einen Aufstand die befestigten Plätze übergeben hatte) besaßen sie im Verein mit Toulon eine starke Stellung im Mittelmeer; in Nordamerika stand ihre Sache sehr günstig und in Indien war ihre Lage mittelbar dadurch gestärkt, daß die Engländer um ihren bengalischen Besitz mit den Eingeborenen in schwerem Kampfe lagen. Frankreich hätte nun ernstlich dahin streben müssen, durch Bündnisse seine Kraft zur See zu verstärken, Holland und Spanien zu gewinnen; dies geschah oder gelang aber nicht.
Englands rücksichtsloses Auftreten gegen die neutralen Staaten, das aus dem Gefühl seiner Macht zur See entsprang, gab hierzu Gelegenheit. Daß Holland den alten Bund nicht erneuert hatte, vergalt England mit harten Maßregeln gegen dessen Handel[69]. Es erklärte alle Häfen Frankreichs in Blockadezustand und ordnete an, daß sämtliche nach dort bestimmten Schiffe als gesetzliche Prisen zu nehmen wären. Ferner faßte es den Begriff der Kriegskontrebande weit schärfer als bisher und hielt sich nicht mehr an die mit Holland getroffene Abmachung „Frei Schiff“ — „Frei Gut«, sondern legte Beschlag auf holländische Schiffe mit französischer Ladung. Der holländische Handel mit französischen Kolonien, ja sogar der nach den holländischen wurde arg belästigt; Holland war genötigt, seine Kauffahrer durch starke Bedeckungen geleiten zu lassen. Auch andere Staaten, so insbesondere Spanien, litten unter Englands Vorgehen; der Versuch, Spanien zu gewinnen, scheint aber erst von Choiseul ernstlich gemacht zu sein.
Dagegen ließ sich Frankreich in den Siebenjährigen Landkrieg verwickeln, der seine Mittel stark in Anspruch nahm, da es nicht nur die eigenen Rüstungen, sondern auch die der deutschen Fürsten zahlen, sowie Österreich mit Geld unterstützen mußte. Deshalb vernachlässigte es nun trotz der ersten Erfolge seine schon an und für sich schwächere Marine schmählich, anstatt die für diese durch die Einnahme von Port Mahon im Lande hervorgerufene Begeisterung zu ihrer Hebung zu benutzen. So zeigen sich denn auch Frankreichs Flotten nur einmal, 1759, im Kampfe um die Seeherrschaft, und mit dem Verzicht auf diese gab es auch seine Kolonien auf. Spaniens Hilfe kam zu spät, seine Kolonien teilten nur das Schicksal der französischen.
Es mag sein, daß bei der geringen Bevölkerung der französischen Kolonien in Nordamerika gegenüber den englischen die Seemacht dort nichts am Ausgang des Kampfes geändert haben würde; bei der Lage der beiden Völker in Indien hing aber alles von der Beherrschung der See ab.
Ebenso ist es nicht sicher, ob Frankreich ohne den Landkrieg England hätte erfolgreich gegenübertreten können. Die Marine war vor 1755 noch nicht genügend vorbereitet, obgleich ein tüchtiger Marineminister für sie gearbeitet hatte. Die etwaigen Bundesgenossen waren gleichfalls schwach; Hollands Marine war unbedeutend, die spanische besaß zwar eine stattliche Zahl von Linienschiffen, nach den früheren Leistungen darf man aber zweifeln, ob ihr Wert der Zahl entsprach.
England nutzte wohl anfangs seine überlegene Seemacht nicht mit der nötigen Tatkraft und Umsicht aus, aber bald nach Pitts Amtsantritt im November 1756 trat hierin eine Änderung ein; dieser erkannte, wo Englands wahre Vorteile lagen. Auf dem Festlande führte er den Kampf gegen Frankreich fast nur mit Geld, die Hauptkraft verwandte er auf den Seekrieg. England beherrschte bald alle Gewässer, schnitt den Gegner von den Kolonien ab und vernichtete dessen Handel; der eigene wuchs infolgedessen. So wurde Frankreich die finanzielle Kraft zur Kriegführung genommen, während England die Kosten leichter tragen konnte.
Ein Ausblick auf den Verlauf des Seekrieges veranschaulicht Vorstehendes. Als 1755 in Nordamerika zwischen den Kolonien der offene Krieg ausgebrochen war, von den Mutterländern unterstützt, rüsteten beide Gegner, wenn auch die Unterhandlungen noch fortliefen; England ließ bereits im Sommer an den Küsten Frankreichs Kriegs- und Handelsschiffe abfangen. Es geschah vielleicht, um den Gegner noch zum Nachgeben zu bewegen, aber vor allem, um ihn in seinen Rüstungen zu stören; wurden doch 500 Schiffe mit 6000 Seeleuten, also den Besatzungen von acht bis zehn Linienschiffen entsprechend, genommen. Dagegen gelang es den Franzosen 1756, durch Vorbereitung eines Einfalls in England die Aufmerksamkeit des Gegners vom Mittelmeer abzulenken und dessen Schwäche dort zur Eroberung von Port Mahon zu benutzen; der Versuch Englands, die belagerte Stadt zu entsetzen, wurde durch die Schlacht von Minorka vereitelt. Jetzt erst erklärte England den Krieg, entfaltete aber bald seine Seemacht in durchgreifender Weise.
Der Plan für das Vorgehen der englischen Flotte gipfelte in folgenden Maßnahmen:
1. Unterstützung des Kolonialkrieges in Nordamerika;