Die Reibungen in den Kolonien begannen schon unmittelbar nach dem Frieden von Aachen. In Westindien besetzte der Gouverneur von Martinique 1749 die neutrale Insel Tabago und räumte sie erst wieder, als England sehr ernstlich Einsprache erhob; ein ähnlicher Fall ereignete sich an der Westküste von Afrika. In Ostindien aber hatten die Kompagnien und in Nordamerika die Kolonisten der beiden Länder den Kampf trotz des Friedensschlusses eigentlich ununterbrochen fortgesetzt, wie sich später bei der Schilderung des Krieges in den Kolonien ergeben wird. Um 1755 war der Kampf, in Amerika schon beträchtlich von den Mutterländern unterstützt, zu einem derartigen Umfange gediehen, daß die Regierungen daheim Maßregeln ergriffen, die einen großen Krieg unabwendbar erscheinen ließen. Frankreich bereitete in Brest sowie Rochefort eine starke Expedition nach Kanada vor, und England rüstete daraufhin gegen 35 Linienschiffe aus, warb oder preßte Seeleute und ordnete die Aufstellung von 50 Kompagnien Seesoldaten an.

Am 3. Mai 1755 verließ Lieutenant-Général Comte de Macnemara Brest mit einer Flotte von 20 Linienschiffen und 6 Fregatten. Von den Linienschiffen waren jedoch nur 9 vollständig armiert, nämlich 6, die, zu einem Geschwader vereint, dem genannten Admiral unmittelbar unterstellt waren, und 3 zum Geschwader des Chef d'Escadre Dubois de la Motte gehörige. Dieser Flaggoffizier war der Führer der eigentlichen Expedition nach Kanada, und die ihm weiter unterstellten 11 Linienschiffe, die 12 Bataillone Infanterie (unter Baron Dieskau) sowie Kriegsmaterial in die Kolonie überführen sollten, waren nur als Flüten[76] armiert. Macnemara ging mit seinen Linienschiffen sowie 3 Fregatten nach Brest zurück, sobald er seine Aufgabe gelöst hatte und die Expedition sicher auf hoher See wußte. Nun sollte er an den Küsten Frankreichs kreuzen. Er legte aber krankheitshalber sein Kommando nieder und starb bald darauf, 65 Jahre alt; das Geschwader kreuzte dann unter dem Befehle des Comte Du Guay. Dubois segelte nach Nordamerika, zweigte bei Annäherung an die Küste 4 Linienschiffe nach Louisbourg ab und führte den Rest nach Quebec; 3 Schiffe waren im Nebel von ihm abgekommen, und nur diese stießen mit den Engländern zusammen.

In England war man nur oberflächlich von der französischen Expedition unterrichtet gewesen, hatte aber doch schon am 27. April den Vizeadmiral Edward Boscawen mit 11 Linienschiffen, einer Fregatte sowie einigen Transportern, die 2 Regimenter an Bord führten, nach Amerika gesandt. Als die Stärke der Franzosen bekannt wurde, folgte am 11. Mai ein Nachschub von 6 Linienschiffen unter Kontreadmiral Francis Holburne, die am 21. Juni auf den Neufundlandbänken zu Boscawen stießen. Dieser war zwar mit Dubois nicht zusammengetroffen, jedoch am 6. Juni den drei versprengten Franzosen begegnet, hatte sie mit dem ganzen Geschwader gejagt und am 8. zwei von ihnen, ein voll- und ein en flûte-armiertes Schiff, genommen; dem dritten, einem guten Segler, gelang es, im Nebel nach Louisbourg zu entkommen. Als Boscawen dann erfuhr, daß Dubois wohlbehalten Quebec erreicht habe, ging er nach Halifax, da seine Mannschaft sehr unter Krankheit litt; nur ein kleineres Geschwader unter Holburne blockierte Louisbourg. Nach Ausschiffung der Truppen begab sich Dubois auf die Rückreise und langte am 21. September in Brest an; auch den Schiffen in Louisbourg gelang es, während eines Sturmes zu entschlüpfen und sich ihm anzuschließen. Nun ging auch Boscawen, dessen Bleiben in den nordamerikanischen Gewässern nicht mehr nötig erschien und der gegen 2000 Mann an Krankheiten verloren hatte, mit Holburne nach England und traf am 4. November in Spithead ein; nur wenige Schiffe unter Kommodore Spry überwinterten in Halifax.

Dubois wäre ohne Zweifel zu schwach gewesen, um gegen Boscawen aufzutreten, aber auch seine Instruktion verbot es ihm. Bemerkenswert ist hier die Verschiedenheit der Befehle für die Führer. Die französischen schrieben vor, jeden Zusammenstoß zu vermeiden, solange es die Ehre der Flagge zuließe; Boscawen hatte Order, die Kolonie zu schützen und das feindliche Geschwader anzugreifen, wo er es fände. Der Erlaß dieses Befehls war sogar dem französischen Gesandten bekannt gegeben.

Die Wegnahme der beiden französischen Schiffe erregte in Frankreich große Entrüstung, blieb aber nicht die einzige Gewalttat Englands vor der Kriegserklärung. Im Sommer 1755 erhielt der Kontreadmiral Sir Edward Hawke den Auftrag, mit einem starken Geschwader in der Biscaya zu kreuzen und jedes französische Linienschiff zu nehmen; im August wurde der Befehl auf alle feindlichen Kriegsschiffe, Kaper und Handelsschiffe ausgedehnt. Der gleiche Befehl erging an das Mittelmeergeschwader. Bis Ende des Jahres nahmen Hawke, später die Admirale Byng und Temple-West 500 Handelsschiffe im Wert von über einer Million Lstrl., sowie einige Kriegsschiffe; auf ihnen befanden sich 6000 französische Seeleute und 1500 Soldaten, einschließlich der Besatzungen der in Nordamerika genommenen Schiffe, in englischer Gefangenschaft. Diese entsprachen den Besatzungen von wohl 10 Linienschiffen, bedingten also einen schweren Verlust für Frankreich vor Eintritt in den Krieg.

Frankreich nimmt Minorka 1756. Trotz aller dieser Vorgänge und obgleich sich die Stimmung des englischen Parlaments im November 1755 sehr kriegerisch äußerte, setzte die französische Regierung die Verhandlungen über die amerikanischen Streitfragen fort; sie zeigte sich sogar so friedfertig, daß sie einen vor Brest genommenen englischen Kreuzer zurückgab und dem englischen Mittelmeergeschwader das Anlaufen von Toulon behufs Auffüllung von Vorräten gestattete. Hoffte man noch, den Frieden zu erhalten, oder wollte man die Zeit zu einem plötzlichen Schlage abwarten? Wie in den früheren Kriegen war in Frankreich große Stimmung für einen überraschenden Einfall in Großbritannien; See- und Landoffiziere sowie auch Private legten dem Marineminister Pläne zu einem solchen vor[77]. Mit Beginn des Jahres 1756 wurden Truppen an der Kanalküste zusammengezogen, und in Brest rüstete man eifrig. Es ist fraglich, ob dies Ernst war, aber man rief damit in England wieder die Furcht wach, die seit Ruyters Einfall hier so leicht die Gemüter erregte. Sogar die Regierung erließ eine Proklamation, die selbst englische Quellen (vgl. Laird Clowes, Band III, Seite 142) „foolish“ nennen, an die Bevölkerung über Maßregeln bei einer Landung der Franzosen. Besonders aber wurde die Aufmerksamkeit Englands von den anderen wahrscheinlichen Kriegsschauplätzen abgelenkt, so besonders vom Mittelmeer. Der von allen früheren Strategen seit Drakes Zeiten längst als einzig richtig anerkannte Grundsatz, das Land vor einem Einfall durch entschieden angriffsweise Tätigkeit der Flotte zu schützen, geriet wieder einmal in Vergessenheit.

Marquis de La Gallissonnière.

Und nun wählte Frankreich das Mittelmeer zu einem plötzlichen Vorstoß. Während man die Vorbereitungen im Norden möglichst geräuschvoll betrieb und dabei kleine Geschwader oder Divisionen von dort nach den Kolonien sandte, rüstete man in Toulon und Marseille ganz insgeheim eine mächtige Expedition gegen Port Mahon aus, um diesen wichtigen Stützpunkt vor der eigenen Küste den Engländern zu entreißen. Am 12. April 1756 ging der Lieutenant-Général Marquis de La Gallissonnière[78] mit 12 Linienschiffen und 5 Fregatten in See, er deckte eine Transportflotte von 176 Segeln mit 12000 Mann unter dem Herzog von Richelieu. Eine Woche später wurde das Heer auf Minorka gelandet, Port Mahon berannt und von der Flotte blockiert. Die erst spät zum Entsatz erscheinende englische Flotte unter Vizeadmiral John Byng wurde abgewiesen; die Festung ergab sich am 29. Juni.