Die Schilderung der Schlacht bei Minorka ist in den verschiedenen Quellen nicht ganz gleich; diese weichen in den Angaben über Windrichtung und Bug der Flotten[137] während des Kampfes voneinander ab. Das stellt aber nur den Kurs in Frage, denn über die Lage zueinander und zum Winde stimmen die Quellen überein; einen Einfluß auf die Beurteilung des Verlaufes der Schlacht haben die Abweichungen also nicht. Die nachfolgende Darstellung versucht, alle sonstigen Widersprüche möglichst in Einklang zu bringen; sie fällt nahezu mit der Mahans (I, Seite 274) zusammen.
Als es am 20. Mai morgens aufklarte, lagen die Franzosen bei östlichem Winde mit SSO.-Kurs über Steuerbordbug zwischen den Engländern und der Insel. Byng führte nun seine Flotte über Backbordbug an der feindlichen vorüber, bis sie genau querab von ihr stand, und wendete dann mit allen Schiffen zugleich; er verfuhr also genau nach der englischen Instruktion für den Fall, daß man dem Feinde mit entgegengesetztem Kurse begegnet (vgl. Seite [39]). Beide Flotten lagen jetzt querab voneinander über gleichen Bug, aber nicht parallel, sondern in einem Winkel von 30 bis 40 Grad. Ihre Spitzenschiffe waren etwa 2, die Schlußschiffe etwa 4 Seemeilen voneinander entfernt; die französische Linie lag unter kleinen Segeln dicht beim Winde und erwartete den Angriff, die englische steuerte raum auf sie zu. Als Byng gegen 2 Uhr nachmittags das Signal zum „Angriff“ gab, wie in der Schlacht bei Toulon 1744, blieb das vorher gegebene Signal „Gefechtslinie einnehmen“ stehen (Lage I des Planes). Nun traten die Nachteile der englischen Angriffsart im vollsten Maße ein, denn die Schiffe konnten nicht annähernd gleichzeitig an den Feind kommen.
Auf das Angriffssignal hielten die Schiffe der Vorhut beinahe senkrecht auf ihre entsprechenden Gegner in der französischen Linie ab; sie mußten auf eigenes Feuer fast ganz verzichten, erhielten dagegen drei furchtbare Breitseiten und wurden in der Takelage sehr beschädigt. Das sechste Schiff von vorn, „Intrepid“, verlor die Vormarsstenge und drehte in den Wind; damit brachte es die folgenden Schiffe in Unordnung, die rechts und links vorbeisegeln mußten, um Linie zu halten, und behinderte deren Feuer (Lage 2). Jetzt hätte Byng den Hinterschiffen ein Beispiel geben und hart auf den Feind abhalten müssen, aber eingedenk der Vorschrift und der Verurteilung Mathews nach der Schlacht bei Toulon wagte er es nicht. Er sagte zu seinem Flaggkapitän: »Sie sehen, daß ich vor „Louisa“ und „Trident« (Schiffe, die vor ihm sein sollten) bin. Ich kann doch als Admiral nicht abhalten, als wenn ich ein einzelnes Schiff angreifen wollte? Es war Mathews Unglück, daß er seine Streitmacht nicht zusammen heranführte; das will ich vermeiden.“
So staute sich der ganze Angriff und stockte. Inzwischen wichen die französischen Spitzenschiffe aus, um den Nahkampf zu vermeiden; der Rest der französischen Linie mehrte Segel, zog an der beschädigten englischen Vorhut vorüber und überschüttete sie mit Feuer. Sie konnte dies ohne Belästigung durch die übrigen englischen Schiffe ausführen, da diese Segel geborgen hatten, um die Linie wieder herzustellen (Lage 3). Die Franzosen halsten dann im Kontremarsch und nahmen über Backbordbug ihre[138] abwartende Stellung unter kleinen Segeln wieder ein. Ein zweiter Angriff erfolgte aber nicht, da die englische Flotte durch die Beschädigung der vordersten Schiffe zu sehr geschwächt war. Byng zog sich auf die Südseite der Insel zurück; Gallissonnière verfolgte ihn nicht.
Der Verlust der Franzosen in dem etwa dreistündigen Kampfe betrug 38 Tote und 184 Verwundete; nur ein Schiff war schwerer beschädigt. Die Engländer büßten 45 Tote und 162 Verwundete ein, die auf die vordersten sieben Schiffe entfielen; diese waren auch sehr zerschossen.
Schlacht bei Minorka, 20. Mai 1756.
Die Schlacht muß wohl taktisch unentschieden genannt werden, aber der Erfolg war doch auf französischer Seite. Im englischen Kriegsrate kam man zu der Ansicht, man sei nicht imstande, die französische Flotte nochmals anzugreifen, ja man würde durch eine neue Schlacht, wenn sie ungünstig verliefe, sogar die Sicherheit Gibraltars sowie des Handels im Mittelmeer aufs Spiel setzen. So ging Byng nach Gibraltar zurück; der Entsatz Port Mahons war vereitelt. Die Franzosen fühlten sich jedoch keineswegs vor dem Wiedererscheinen der dann wohl verstärkten englischen Flotte sicher. La Gallissonnière blieb deshalb in der Nähe der Insel, bis Port Mahon gefallen war, und drang danach auf schleunige Einschiffung der Truppen. Diese erfolgte vom 4. bis 7. Juli; am 18. trafen das Gros der Expedition, am 21. die letzten Nachzügler wieder in Toulon ein. Tatsächlich erschien auch noch im Juli der englische Admiral Hawke bei Minorka.
Das weitere Schicksal Port Mahons in diesem Kriege sei gleich hier kurz berührt. Wenn Frankreich im Besitz einer leistungsfähigen Marine gewesen wäre, so würde dieser[139] Stützpunkt im Verein mit Toulon und Korsika eine Stellung von Bedeutung gewesen sein. Da man aber den Seekrieg bald nur schwächlich führte und seine Vorzüge nicht ausnutzen konnte, so wurde für Port Mahon nichts getan. Man überließ es seinem Schicksal; der Hafen war meistens blockiert und der Garnison mangelte oft das Notwendigste; die Engländer hielten eine Wiedereroberung nicht der Mühe wert. Beide Gegner waren überzeugt, daß Minorka beim Friedensschluß doch an England zurückfallen würde. Nach Ausspruch eines französischen Autors (Lacour I, Seite 277), plante man in Frankreich schon vor Ausführung der Expedition, nach der Einnahme die enge Einfahrt Port Mahons durch Verschüttung zu sperren, um den Hafen überhaupt als Stützpunkt unbrauchbar zu machen; es lag wohl stets die Absicht vor, bei vorteilhafter Gelegenheit Minorka an Spanien zurückzugeben.