Die Bedeutung der Schlacht bei Minorka für die Geschichte der Seetaktik ist noch größer als die der Schlachten vor Malaga (1704) und vor Toulon (1744). Sie gibt in geradezu vollkommener Weise ein Bild zu dem, was über die Taktik des Zeitabschnittes gesagt ist. Der englische Admiral führt seine Flotte genau nach den Gefechtsinstruktionen zum Angriff und verharrt, wie seine Kommandanten, in der buchstäblichen Befolgung dieser Vorschriften, obgleich der Verlauf des Kampfes, selbst nach seiner eigenen Erkenntnis, ein Abweichen erfordert hätte. Auch die unvermeidlichen Folgen der englischen Angriffsart, die bei dieser Gelegenheit wegen des großen Winkels der beiden Gefechtslinien besonders schwierig war, zeigen sich deutlich in allen Einzelheiten dieser Schlacht. Die vordere Hälfte der englischen Linie, die in ungünstiger Lage zunächst allein ins Gefecht eintritt, wird in ihrer Bewegungsfähigkeit gelähmt; eins ihrer Schiffe bringt die hintere Hälfte in Unordnung; infolge des Bestrebens, die Ordnung wiederherzustellen, kommt diese überhaupt nicht zu ernstlichem Kampfe.

Auch die Franzosen verfahren genau nach ihrer Taktik. Ihre vorderen Schiffe weichen aus, ehe die Gegner zum Nahkampf heran sind; die hinteren benutzen die Untätigkeit der gegenüberstehenden Feinde und ziehen in vollster Ordnung unter Ausnutzung ihres Feuers an den schon beschädigten Engländern vorüber; dann nimmt der französische Admiral außer Schußweite eine neue Stellung ein und erwartet das Weitere. Der englische Admiral fühlt sich aber zu schwach und bricht das Gefecht ab. — Endlich ist auch das Ergebnis der Schlacht so, wie es theoretisch beim Aufeinandertreffen der beiden Taktiken sein muß. Die Schlacht bleibt unentschieden; die Franzosen haben zwar mehrere feindliche Schiffe schwer beschädigt, aber keins vernichtet oder genommen; die Engländer müssen in Rücksicht auf den augenblicklichen Ausfall der Beschädigten von einem zweiten Angriff absehen. (Wenn in diesem Falle ihr Mannschaftsverlust fast ebenso groß war wie der der Franzosen, so ist dies wohl dem Umstande zuzuschreiben, daß ihre Schiffe durch die Soldaten für Port Mahon überfüllt gewesen sind.)

Neuere französische Marineschriftsteller tadeln den Admiral La Gallissonnière, daß er die Unordnung in der feindlichen Linie und die dadurch hervorgerufene Trennung der hinteren Hälfte von der vorderen nicht benutzt habe, mit den ihm folgenden Schiffen durch die Lücken auf die Luvseite der vorderen englischen Hälfte zu gehen, um sie von beiden Seiten anzugreifen; seine vorderen Schiffe hätten standhalten müssen und durften nicht ausweichen. Dafür, daß nicht so verfahren sei, wird von anderer Seite als Entschuldigung angeführt, die hinteren französischen Schiffe seien zu sehr beschädigt gewesen, um ein solches Manöver auszuführen, auch seien die Engländer durch die Soldaten an Bord so stark bemannt gewesen, daß man französischerseits besser tat, einen Nah- oder gar Enterkampf zu vermeiden. Der erste Grund muß hinfällig erscheinen, da die fraglichen Schiffe nur wenig Feuer erhalten haben können; der zweite hat vielleicht mitgewirkt. Die bestimmende Ursache aber für den Führer wie den Oberbefehlshaber war die Hinneigung zur Vorsicht und damit zur Defensive, die sich in allen Orders und Instruktionen von höchster Stelle jenes Zeitabschnitts ausspricht und die damalige französische Taktik wie Strategie kennzeichnet. Man strebte mehr danach, sich augenblickliche Vorteile zu erhalten oder gemachte Eroberungen zu sichern, als durch kräftiges Vorgehen Errungenes weiter auszunützen und vor allem die feindlichen Seestreitkräfte zu vernichten; „niemals wollte man viel aufs Spiel setzen“.

Dieser zuerst wohl auf strategischem Gebiet als Folge der schwächeren Marine in den früheren Kriegen erwachte Gedanke hat wahrscheinlich ebenso zur Ausbildung einer defensiven Taktik beigetragen, wie die Erkenntnis der Schwächen in der englischen Taktik, die auf eine solche hinwiesen. Auch bei Minorka hat La Gallissonnière wohl sicher von der Offensive abgesehen, um seine Flotte zu schonen; daß er nach der Schlacht dem geschwächten Gegner nicht folgte, um ihm weitere Verluste beizubringen, geschah nach seiner eigenen Äußerung tatsächlich, um „seiner Instruktion gemäß“ das Landunternehmen nicht aus dem Auge zu lassen und zu dessen Schutz seine Flotte möglichst stark und schlagfertig zu erhalten.

Bei der allgemeinen Betrachtung des französischen Personals (Seite 43) wurde betont, daß die Orders unter Louis XV. nicht dazu geeignet waren, die Offiziere zu schneidigem Handeln zu erziehen. Schon während der Landung hatte sich der Admiral die Gelegenheit entgehen lassen, die englischen Schiffe im Hafen abzufangen, und jetzt nach der Schlacht verfolgte er nicht. Ein französischer Autor (Lacour I, Seite 264) sagt gerade bei Beschreibung der Minorka-Expedition: „Mais des instructions trop timides ont souvent paralysé dans notre histoire maritime l'ésprit d'initiative des chefs les plus capables.“

La Gallissonnière fand volle Anerkennung und Billigung seines Verfahrens; der Erfolg über das seemächtige England erregte in Frankreich großen Jubel und Begeisterung für die Marine. Er erhielt das Großkreuz des Ludwigsordens sowie eine hohe Pension; auch seine Ernennung zum Marschall war in Aussicht genommen, doch starb er schon am 26. Oktober 1756. — Der Admiral Byng dagegen wurde ein Opfer für die Fehler seiner Regierung, die ihm zu schwache Streitmittel gegeben hatte, und des Volksunwillens. Er wurde kriegsgerichtlich zum Tode verurteilt und erschossen.

Das Kriegsgericht über Byng. Nach dem Eintreffen in Gibraltar wurde der Admiral abberufen und in Untersuchung gezogen. Die Hauptanklagepunkte waren, daß er[141] nicht mit der ganzen Linie angegriffen, sondern mit den der „Intrepid“ folgenden Schiffen Segel gemindert habe, um die Ordnung herzustellen. Gewiß wäre dies richtig gewesen und hätte auch im allgemeinen wohl den Vorschriften entsprochen, aber man hatte doch nach Toulon den Admiral Mathews angeklagt, weil er aus der Linie gebrochen war, und ähnlich würde Byng auch haben handeln müssen. Ferner wurde ihm vorgeworfen, daß er nach notdürftiger Ausbesserung seiner Schiffe nicht bei Minorka geblieben sei und alles versucht habe, Port Mahon zu unterstützen. Dies hatte ja aber der Kriegsrat der Land- und Seeoffiziere für unmöglich erklärt.

Er wurde verurteilt nach dem Kriegsartikel, der mit dem Tode diejenigen bedrohte, die aus Feigheit, bösem Willen oder Nachlässigkeit es unterließen, alles daran zu setzen, feindliche Schiffe zu nehmen oder zu vernichten. Die Verurteilung zeigt, daß die englischen Gefechtsvorschriften mangelhaft und hemmend waren, sowie daß die meisten englischen Seeoffiziere dieser Zeit sie nur dem Buchstaben, nicht dem Sinne nach auffaßten. Das Kriegsgericht empfahl nun zwar den Angeklagten der Gnade des Königs, da er nicht aus Feigheit, noch mit Kopflosigkeit gehandelt, sondern, wenn auch irrig, kühl und mit Überlegung. Das Urteil wurde aber dennoch bestätigt, denn die Regierung hatte das Mittelmeer vernachlässigt, jetzt war der Schaden da und der Volksunwille groß; man brauchte einen Sündenbock. Nun hatte gar Byng, als er auf der Ausreise in Gibraltar die Landung der Franzosen erfuhr, in einem Bericht an die Admiralität die bisherige Vernachlässigung des Mittelmeeres sowie die Schwäche seiner Flotte kritisiert. Der mehrfach angezogene französische Autor (Lacour I, Seite 266) sagt treffend: „Einen solchen Brief verzeiht man wohl einem siegreichen, aber nie einem geschlagenen Admiral.“

Byng war ein tapferer, see- und diensterfahrener, ehrenwerter Mann, aber doch wohl kein bedeutender höherer Führer; sein Bericht über die Schlacht enthielt zu viele Entschuldigungen und zeigte zu wenig Selbstbewußtsein. Während der Untersuchung und bei seinem Tode trat er jedoch würdig auf. Am 17. März 1757 wurde er in Spithead auf dem Achterdeck des Linienschiffes „Monarch“ erschossen.[80]

Der Krieg In den europäischen Gewässern.