Am 4. September landete man in der Bucht von St. Lunaire, westlich der Stadt, sah aber auch diesmal vom Angriff auf die Stadt ab und beschränkte sich auf Brandschatzen. Da die genannte Bucht sehr felsigen Grund hatte, und das Wetter bedrohlich aussah, erachtete der Kommodore die Wiedereinschiffung hier für gefährlich; man wählte deshalb die Bucht von St. Cas, aber der Marsch dahin brachte eine schwere Niederlage. Aus Wäldchen und Hecken wurden die Truppen beschossen und sahen sich plötzlich am 11. September durch eine stärkere feindliche Streitmacht bedroht. In Eile wurde der Weg nach St. Cas fortgesetzt, aber hier gelang es nur noch, etwa ein Drittel der Truppen in Ruhe und Ordnung an Bord zu bringen, wobei man zuerst die Reiter und die Artillerie einschiffte. Da griffen die Franzosen mit allen Waffen an, und der Rückzug artete in Flucht aus. Der Gesamtverlust dieses Unternehmens bezifferte sich auf 822 Tote, Verwundete und Gefangene; darunter 4 Schiffskommandanten, die bei der Einschiffung befehligt hatten.
Bemerkenswert ist, daß der „Sieg am 11. September“ in der Bretagne wie in ganz Frankreich großen Jubel erregte; er wurde gefeiert, in Liedern besungen, und der Herzog von Aiguillon, der die Truppen von Brest herangeführt hatte, war der Held des Tages.
Die englische Hauptflotte unter Anson blockierte die französischen Kriegshäfen bis Mitte September. Als dann die Angriffe auf die Kanalhäfen aufgegeben wurden, ging sie heim und ließ ein kleineres Geschwader zurück, das erst im Dezember eingezogen wurde. Im Oktober kam Du Chaffault mit seiner Division — 4 Linienschiffen, 2 davon als Flüten armiert, dem Kompagnieschiff und einer Fregatte — von Kanada; er wäre wohl abgefangen worden, wenn die Blockade noch in vollem Umfange bestanden hätte. So erlitt er nur durch Zufall Verluste. Er traf nämlich vor dem Eingang des Kanals mit Boscawen zusammen, der mit einem Teile seiner Flotte gleichfalls auf der Heimreise von Nordamerika war. Zum Glück der Franzosen war diese durch einen Sturm versprengt; Boscawen hatte nur 4 Linienschiffe und 3 Fregatten bei sich. Die Gegner sichteten sich am 27. Oktober und es kam gegen Abend zu einem Gefecht, das jedoch wegen stürmischen Windes und hoher See bald abgebrochen wurde. In der Nacht kam Du Chaffault von seinen Schiffen ab und erreichte Rochefort. Seine übrigen Schiffe wurden am 28. von Boscawen gejagt; das Kompagnieschiff wurde aufgebracht, ein Linienschiff lief in Seenot Bristol an und wurde dort mit Beschlag belegt, der Rest rettete sich nach Brest.
Im Mittelmeer kreuzte 1758 die englische Flotte unter Vizeadmiral Henry Osborne. De La Clue lag seit November 1757 in Cartagena, wo er Verstärkungen erwartete. Im Januar stießen 2 Linienschiffe nebst einer Fregatte zu ihm, weitere 3 und eine Fregatte mußten noch in Toulon das Eintreffen einer Division von der Levante, die Kauffahrer heimführte, abwarten, um ihre Besatzungen zu ergänzen. Sie erschienen am 27. Februar bei Cartagena und erhielten Befehl, vor dem Hafen zu bleiben, da de La Clue nunmehr die Reise nach Westindien sofort antreten wollte. In der Nacht aber wurden die Wartenden durch Sturm vertrieben und stießen am anderen Morgen beim Kap de Gata auf Osborne. Sie wurden einzeln gejagt: 2 Linienschiffe wurden genommen, das dritte auf den Strand getrieben, nur die Fregatte entkam. Da nun in Toulon keine Schiffe mehr bereit waren und de La Clue ohne Verstärkung die Ausfahrt aus dem Mittelmeer nicht wagen konnte, rief man ihn nach Toulon zurück, wo er am 26. April eintraf. Daß die geschilderten Bewegungen der Franzosen überhaupt möglich gewesen waren, spricht nicht zugunsten der Engländer; Osborne verfügte insgesamt über 14 Linienschiffe, je zwei zu 40 und 50 Kanonen, 6 Fregatten und 2 Sloops.
Der Versuch der Franzosen, 1759 in England einzufallen, macht dieses Jahr zu einem entscheidenden im See- und Kolonialkriege. Zwei große Niederlagen in den europäischen Gewässern brachten der französischen Marine derartige Verluste, daß ihre Tätigkeit auf allen Kriegsschauplätzen gelähmt war. Pläne zu einem Einfall in England beschäftigten Frankreich bereits seit 1756. Die verflossenen Jahre hatten nun erkennen lassen, daß man nicht imstande sei, in allen Meeren zu kämpfen, ja daß die Geldmittel den doppelten Krieg auf dem Festlande und auf der See überhaupt nicht erlaubten. Der eigene Handel lag hoffnungslos danieder, während der englische aufblühte und diesem Lande die Mittel zu reichlicher Unterstützung der Gegner Frankreichs lieferte.
Diese Erwägung im Verein mit der Verstimmung über die Mißerfolge des Jahres 1758 auf dem Lande brachten den feurigen Choiseul, der seit November dieses Jahres Frankreich leitete, zu dem Entschlusse, die ganze Kraft der Marine auf ein Ziel zu richten, auf den Einfall in England. Mit dem Kriegsminister, Marschall von Belle-Isle, entwarf er folgenden Plan[82]: Von Ostende aus sollten auf eigens dazu erbauten flachen Fahrzeugen 20 000 Mann unter General de Chevert nach der Mündung des Blackwater, nordöstlich von London, übergeführt werden; ein gleichstarkes Heer unter dem Herzog d'Aiguillon sollte bei Vannes gesammelt, in der Morbihanbucht[83] eingeschifft und in Schottland gelandet werden; ein kleineres Korps endlich wollte man von Dünkirchen aus nach Irland werfen, da man hier auf einen allgemeinen Aufstand rechnete. Die vereinigten Seestreitkräfte von Brest und Toulon — 35 bis 40 Linienschiffe — waren bestimmt, unter Marschall de Conflans zuerst die Expedition nach Schottland zu führen und dann den Übergang nach England zu decken; für die Überführung nach Irland waren nur einige Kriegsschiffe vorgesehen. — Schon im Winter 1758/59 wurde mit den Vorbereitungen zu diesem großen Unternehmen begonnen, aber Beratungen über den Plan, Mangel an Geldmitteln, sowie der schlechte Zustand der Werften und Arsenale verzögerten die Ausführung; erst spät im Sommer glaubte man sich bereit. Inzwischen aber war eine Hauptsache, die Vereinigung der Toulonflotte mit den Streitkräften des Atlantik, durch die Schlacht bei Lagos verhindert, und England hatte Zeit zu nachdrücklichsten Abwehrmaßregeln gefunden.
Obgleich man sämtliche Schlachtschiffe in Brest zusammenziehen wollte, hatte man zu Anfang 1759 den Chef d'Escadre de Bompart mit 8 Linienschiffen und 3 Fregatten von Brest nach Westindien gesandt. Er sollte Truppen nach den bedrohten Inseln bringen und dann sofort zurückkehren. Durch die Ereignisse in Westindien wurde er zwar länger aufgehalten, als vorauszusehen war; da sich die Expedition aber verzögerte, so traf er noch vor deren Abgang in Brest wieder ein.
In England erfuhr man bald von der Absicht Frankreichs, und die Furcht vor der Invasion erregte wie gewöhnlich die Gemüter. Aber die leitenden Kreise hatten doch in strategischer Hinsicht gelernt und der einsichtsvolle Pitt stand an der Spitze. Man hielt nicht mehr, wie bisher so oft, die Streitkräfte ängstlich an der eigenen Küste zusammen, sondern verwendete sie jetzt ganz in der Art, wie sie in der Einleitung zu diesem Kriege (vgl. Seite [125]) geschildert ist. Ein Geschwader (Kommodore Boys) kreuzte vor Dünkirchen und Ostende, eins (Kontreadmiral Rodney) vor der Küste der Normandie; hinter diesen lag ein Geschwader (Admiral Thomas Smith und Kommodore Sir Piercy Brett) in den Downs. Sir Edward Hawke blockierte Brest, und das Mittelmeergeschwader (Admiral Edward Boscawen) war verstärkt. Diese Streitkräfte zur Beobachtung und Abwehr des Gegners in den europäischen Gewässern gewannen im Laufe des Jahres mehr und mehr an Stärke. Genaue Zahlen stehen uns leider nicht zu Gebote, doch mag als Anhalt dienen, daß Hawke im Juni über 25 Linienschiffe (dazu 4 50-Kanonenschiffe) und Boscawen über 13 (dazu 2 50-Kanonenschiffe) verfügte; die kleineren Beobachtungsgeschwader waren aus nur wenigen Linienschiffen zu 60 Kanonen, sonst aus 50-Kanonenschiffen und Fregatten zusammengesetzt.
Aber auch die anderen Kriegsschauplätze wurden nicht vergessen. Nach Nordamerika ging im Februar eine Flotte unter Vizeadmiral Charles Saunders ab und brachte die dortigen Streitkräfte auf 20 Linienschiffe (dazu 2 50-Kanonenschiffe); zur Verstärkung der sonstigen Stationen waren schon im November 1758 8 Linienschiffe nach Westindien, 5 nach Ostindien ausgelaufen. Ferner sandte man Truppen nach diesen drei Kriegsschauplätzen sowie zum Festlandskriege; in England selber wurden die Milizen aufgeboten. Da die Franzosen nur an den Einfall in England dachten, blieben ihre Kolonien außer Westindien ohne Unterstützung und die Engländer errangen überall große Erfolge.
Die Schlacht bei Lagos, 18. August 1759. In Toulon rüsteten die Franzosen ein Geschwader von 12 Linienschiffen, darunter 2 50-Kanonenschiffe, und 3 Fregatten aus, das der Chef d'Escadre de La Clue[84] nach Brest führen sollte. Dies war bei der Überlegenheit der Engländer eine schwierige Aufgabe, zumal diesen Gibraltar als Beobachtungsplatz zur Verfügung stand, wenn die Blockade von Toulon nicht durchführbar war. Gerade jetzt erwies sich die Wichtigkeit dieses Wachtturmes am Ausgange des Mittelmeeres, und es ist sehr befremdend, daß selbst der einsichtige Pitt noch 1757 die Rückgabe Gibraltars Spanien als Preis für ein Bündnis angeboten hat. Die englische Mittelmeerflotte war während des Winters und des Frühjahrs auf 13 Linienschiffe, 2 50-Kanonenschiffe, 10 Fregatten, 2 Sloops und 2 Brander gebracht.