Englische Flaggoffiziere: Vizeadmiral Sir Charles Hardy; Admiral Hawke; Kommodore James Young.
Quiberonbucht.
Der Verlauf des Kampfes wird in allen Quellen nur skizzenhaft gegeben, ergänzt durch Schilderung der Schicksale einzelner Schiffe; dies ist dadurch erklärlich, daß auf beiden Seiten bald jede Ordnung aufhörte. Die englische Flotte stand beim Sichten des Feindes gegen 10 Uhr vormittags WzS von Belle-Ile, die französische in SW dieser Insel und näher bei ihr. Hawke bildete Dwarslinie, um seine hinteren Schiffe aufkommen zu lassen, gab aber bald den 7 Schiffen, die dem Feinde am nächsten waren, Befehl zur Jagd. Auf französischer Seite dauerte das Bilden der Linie sowie das Aufnehmen der abgezweigten Vorhut längere Zeit, in der die Engländer vor dem stürmischen Westwinde schnell aufkamen. Conflans setzte dann schon frühzeitig so viel Segel als möglich, und während der nun folgenden Jagd gingen infolge der ungleichen Segelfähigkeit der Schiffe bald Fühlung und Ordnung in der französischen Linie verloren; die Nachhut war überhaupt noch nicht ganz herangekommen.
Gegen 2½ Uhr nachmittags passierte Conflans mit dem Flaggschiff die Felsen Les Cardinaux und ging näher an den Wind, um in die Quiberonbucht zu steuern; zu gleicher Zeit griff das vorderste englische Schiff südlich von Belle-Ile das letzte französische an und nach kurzer Frist waren 9 Engländer mit 4 oder 5 Franzosen der Nachhut in einem laufenden Gefecht. Bald darauf drehte der zum Sturm mit schweren Böen gewordene Wind nach NNW, wodurch die Ordnung der französischen Linie noch mehr gestört und dem Rest der Engländer das Herankommen erleichtert wurde; auch[157] die letzten Schiffe der französischen Mitte wurden nun angegriffen. Gegen 3½ Uhr wendete Conflans mit dem Flaggschiff, um sich nach der Mitte zu begeben, auch heißte er für die anderen Schiffe das Signal, im Kontremarsch zu wenden; er hoffte so eine geordnete Linie wieder herzustellen, scheint also die Absicht gehabt zu haben, den Kampf aufzunehmen, um seine Nachhut zu retten. Von diesem Augenblicke an ist es nicht mehr möglich, den Verlauf des Gefechtes zu übersehen. Bei dem Versuche, dem Befehle nachzukommen, trieben die französischen Schiffe in Haufen zusammen, und immer mehr Engländer kamen heran; dabei ging der kurze Novembertag zu Ende.
In dem Dreieck zwischen den Bänken Les Cardinaux und Le Four sowie der Insel Dumet fochten gegen 50 Schiffe in der Melée. Manche, namentlich französische, sind wohl kaum zum Feuern gekommen, weil sie sich gegenseitig behinderten, wie denn auch verschiedene Zusammenstöße erfolgten; dazu kamen der schwere Sturm sowie die hohe See, die die Manöver erschwerten und viele Schiffe zwangen, die Pforten der untersten Batterie geschlossen zu halten. Die 7 Schiffe der französischen Nachhut, die den Kampf wacker aufnahmen, hatten schon zu Anfang schwer gelitten. St. Andrée fiel und ebenso sein Flaggkapitän (sein Bruder), aber das Schiff strich erst um 4½ Uhr die Flagge, als es 200 Tote verloren hatte und fast wrack war; ein zweites war genötigt, die Flagge zu streichen und zu ankern, da es jedoch des schweren Wetters wegen vom Gegner nicht besetzt wurde, heißte es die Flagge wieder und zog sich aus der Melée; ein drittes endlich floh schwer beschädigt und sank vor der Loiremündung. Von der französischen Vorhut kenterte ein von beiden Seiten hart bedrängtes Schiff, da in einer schweren Bö das Wasser durch die Leepforten der untersten Batterie hineinströmte; ein anderes wurde durch das Feuer des englischen Flaggschiffes zum Sinken gebracht.
Nach Eintritt der Dunkelheit löste sich das Gewühl. Conflans wollte seine Flotte wieder ins offene Meer hinausführen, konnte sich jedoch zuerst nicht aus dem Knäuel lösen, fürchtete dann, unklar von Le Four zu kommen und ankerte in der Nähe dieser Bank. 7 Schiffe, unter ihnen der Führer der Vorhut, Bauffremont, entwichen nach Süden und fanden sich später vor Rochefort zusammen; 7 andere sowie die Fregatten ankerten vor der Mündung der Vilaine. Admiral Hawke, der in der Dunkelheit an keine Verfolgung denken konnte, ging ungefähr in der Mitte des Kampfplatzes vor Anker, seinem Beispiele folgten aber nur die Schiffe in seiner Nähe, die dies bemerkten. Das Nachtsignal zum Ankern, zwei Kanonenschüsse, wurde nicht verstanden, da auch sonst noch gefeuert wurde; so suchten die anderen Schiffe sich Ankerplätze nach Belieben, einige gingen auch in See hinaus.
Am 21. November bei Tagesanbruch hatte Hawke nicht viele Schiffe beisammen und englische Quellen sagen, hier sei für die Franzosen Gelegenheit gewesen, mit Übermacht aufzutreten. Dabei wird angenommen, daß die sieben nach Süden entwichenen französischen Schiffe während der Nacht in der Nähe, vielleicht südlich Le Four, vor Anker gelegen hätten; nach Andeutung einer französischen Quelle (Lacour) scheint dies der Fall gewesen zu sein, doch schweigen die anderen hierüber. Conflans sah sich am Morgen fast allein nicht weit von Hawke liegen, nur das Schiff der Nachhut, das die Flagge wieder geheißt hatte, war in seiner Nähe; er glaubte nicht mehr entkommen zu können und setzte sein Schiff in der Bucht von Croizic auf den Strand, wie es kurz vor ihm das eben genannte Schiff getan. Hawke hatte tatsächlich ein Schiff gegen diese beiden beordert, doch strandete dies auf Le Four, wo schon ein anderes englisches seit dem Tage vorher festsaß. Weitere Versuche, den Sieg auszunutzen, konnte Hawke des Wetters wegen am 21. noch nicht machen und infolgedessen gelang es den französischen Schiffen vor der Vilaine an diesem und dem folgenden Tage, nachdem sie sich durch Überbordwerfen von Geschützen sowie Material möglichst erleichtert hatten, die Barre vor dem Flusse zu überschreiten, diesen eine Strecke hinaufzulaufen und sich so vor Angriffen von See her zu sichern. Als am 22. das Wetter besser geworden war, wollte Hawke die Schiffe bei Croizic verbrennen, die Franzosen zündeten[158] sie aber selber an; es wurde ihnen dadurch unmöglich, die wertvolle Artillerie des Flaggschiffes zu bergen.
Beurteilung der Franzosen. Der 20. November 1759 war kein Ruhmestag für diese, weder für den Admiral noch für die meisten Kommandanten. Daß die französischen Seeoffiziere im allgemeinen tapfere Männer waren, wie es bei dem Charakter ihres Volkes und bei ihrer Abstammung von dem alten kriegerischen Adel von vornherein anzunehmen ist, beweist die ehrenvolle Verteidigung der Nachhutschiffe, die noch unter einigermaßen normalen Verhältnissen in den Kampf eintraten; aber fast allgemein fehlte es ihnen an Umsicht und an Selbstvertrauen. In Frankreich wurden dann auch Klagen erhoben, die von französischen Schriftstellern zum Teil noch jetzt als begründet angesehen werden[89].