Dem Admiral Conflans wirft man zunächst vor, daß er sich auf seinem Marsche nicht gesichert habe; überrascht, habe er dann den Kopf verloren. Er hätte — wie es auch de La Clue bei Lagos hätte tun müssen — beim Ansteuern der Quiberonbucht die Geschwindigkeit der Flotte nach der des langsamsten Schiffes regeln und vor allem die Nachhut herankommen lassen müssen. Als diese angegriffen wurde, hätte er sofort wenden sollen; vielleicht war dann noch Zeit, sie zu retten, ehe die Gesamtmacht des Feindes in Gefechtsordnung auftreten konnte. Oder er hätte sie opfern und seinen Plan, eine Verteidigungsstellung in der Bucht einzunehmen, mit Mitte und Vorhut zur Ausführung bringen müssen; durch den zu späten Versuch, dem Gegner entgegenzutreten, habe er die völlige Unordnung der Flotte und damit deren Ohnmacht hervorgerufen. Es wird dem Marschall endlich vorgeworfen, sein Schiff, das gar nicht sehr gelitten hatte und ein vorzüglicher Segler war, vorzeitig ohne Fluchtversuch auf den Strand gesetzt und später ohne jeden Kampf verlassen zu haben. — Den Chef der Vorhut, Bauffremont, traf der Vorwurf der Indisziplin, sogar auch, wie zu allen Zeiten in Frankreich bei Katastrophen üblich, der des „Verrates“, weil er „mit seiner Division“ den Marschall im Stich gelassen habe. Wörtlich trifft dies aber nicht zu; die nach Rochefort geflüchteten Schiffe kamen einzeln und teilweise vor Bauffremont dort an und zwar nicht nur Schiffe der Vorhut, sondern auch solche der Mitte und der Nachhut, ebenso wie sich die nach der Vilaine gesegelten aus allen drei Divisionen zusammensetzten. Aus diesem Umstande geht hervor, daß jeder französische Kommandant selbständig seine Rettung aus dem Gewirr gesucht hat. Wohl aber hätte Bauffremont als Zweiter im Kommando am 21. versuchen müssen, möglichst viel Schiffe zu sammeln und seinen Chef zu unterstützen. — Der gleiche Vorwurf der Indisziplin und des Mangels an Tatkraft wurde allen Kommandanten gemacht.
Diese Beschuldigungen sind gewiß nicht ganz unberechtigt, aber man muß sich auch die Lage der französischen Offiziere vergegenwärtigen. Der größere Teil der Schiffe ging zum ersten Male seit Jahren in See, die Besatzungen waren ungeübt, die Flotte hatte noch niemals im Verbande gesegelt, und nun sollten schwierige Manöver unter den ungünstigsten Umständen ausgeführt werden. Welch ein Zustand mag dabei auf den Schiffen geherrscht haben. Das niederdrückende Gefühl der Flucht vor einem überlegenen Feinde trat hinzu; da kann es nicht wundernehmen, wenn den Verantwortlichen die Nerven versagten und sie alles verloren glaubten. Hinterher entschuldigten sie sich mit der Pflicht, in solcher Lage wenigstens ihr Schiff dem Könige zu erhalten. Eine wirkliche Untersuchung fand nicht statt, wohl weil die beiden Admirale dem Kreise der Pompadour nahestanden; die öffentliche Meinung aber verhöhnte den Oberbefehlshaber dadurch, daß sie die Schlacht „den Tag des Marschalls de Conflans“ nannte. Es war ein eigenartiger Zufall, daß das Flaggschiff „Le Soleil Royal“ hieß, wie das des Admirals Tourville, das bei La Hogue verbrannt wurde, dessen Vernichtung jedoch der zwar unglückliche, aber höchst ehrenvolle Kampf bei Cap Barfleur[159] vorhergegangen war. De Conflans zog sich vom Dienste zurück; Bauffremont mußte, wohl unter dem Druck der öffentlichen Meinung, bis 1764 auf seine Beförderung zum Lieutenant-General warten.
Der Erfolg der Engländer — mit einem Verluste von nur zwei gestrandeten Schiffen, 50 Toten und etwa 250 Verwundeten erkauft — war entscheidend. Drei französische Schiffe waren gesunken, eins genommen und zwei verbrannt, acht Schiffe nach Rochefort und sieben nebst den Fregatten in die Vilaine geflüchtet. Diese konnten ebenfalls als verloren gelten, da es erst nach langer Zeit gelang, sie paarweise wieder aus dem Flusse zu bringen. Zwei Linienschiffe und zwei Fregatten passierten die Barre im Januar 1761, zwei weitere am 28. November und die letzten erst im April 1762. Alle erreichten Brest, obgleich die Engländer die Mündung der Vilaine bewachten, doch waren sie kaum mehr kriegsbrauchbar[90]. Die Schlacht bei Quiberon legte die französische Marine im Atlantik lahm, wie es die bei Lagos für das Mittelmeer getan hatte; infolgedessen sah Frankreich von der Expedition gegen England ab und löste das Heer bei Morbihan auf. England war diese Sorge los und konnte sich mit größerer Kraft dem Kriege in den Kolonien zuwenden. Mahan nennt Quiberon „das Trafalgar des Siebenjährigen Krieges“, der französische Autor Guérin „das La Hogue, aber ohne wie dort Ruhm und Ehre Frankreichs gewahrt zu haben“.
Die englische Flotte wurde wenige Tage nach der Schlacht noch durch 6 Linienschiffe verstärkt, die auf die Nachricht vom Inseegehen des Marschalls de Conflans von England abgesandt waren. Hawke zweigte Ende November eine Division nach der Quiberonbucht ab, um die Vilaine zu blockieren, eine zweite nach Rochefort, um die Schiffe dort zu vernichten. Diese hatten sich jedoch so weit in die Charente zurückgezogen, daß man ihnen ebensowenig wie denen in der Vilaine beikommen konnte. Die Blockierung der atlantischen Küste wurde aber den Winter über aufrechterhalten, an Hawkes Stelle bald durch Admiral Boscawen.
Die Ereignisse der Jahre 1760–1762 in den europäischen Gewässern können wir kurz zusammenfassen. Im Mittelmeer ging Admiral Boscawen, nachdem er in Gibraltar ausgebessert hatte, mit 8 Linienschiffen nebst den bei Lagos gemachten Prisen nach England zurück; er äußerte sich über seinen Sieg: „Es war gut, aber es hätte besser sein können“. Vizeadmiral Broderick blockierte mit dem Rest der Mittelmeerflotte die nach Cadiz geflüchteten Franzosen; als er jedoch zu Ende des Jahres durch einen Sturm gezwungen war, von der Küste abzustehen, brachen diese am 2. Januar 1760 aus und erreichten unbelästigt am 17. Toulon. Bald darauf übernahm Vizeadmiral Charles Saunders die Mittelmeerflotte, beschränkte sich aber auf die Sicherung des eigenen und die Störung des feindlichen Handels. Wie schon angedeutet, scheint England nicht einmal Wert darauf gelegt zu haben, die Verbindung Frankreichs mit Minorka zu verhindern.
Im Jahre 1762, als Spanien in den Krieg eintrat, verstärkte England die Mittelmeerflotte noch einmal erheblich. Sie kam aber auch jetzt kaum zur Geltung, da sich weder die spanische noch die französische Flotte zeigte, und brachte nur viele Kauffahrer auf. In diesem Jahre faßte Frankreich unter Choiseuls Einfluß noch einmal den Plan zu größeren Kreuzfahrten von Toulon aus, ja sogar zu einem Angriff auf Gibraltar. Vielleicht glaubte man wirklich, einen solchen mit Spaniens Unterstützung unternehmen zu können, vielleicht hoffte man auch nur, durch derartige Gerüchte einen schnelleren und günstigeren Friedensschluß herbeizuführen; ähnliches war auch in den nördlichen Gewässern im Gange. Nach dem Friedensschluß ging der größere Teil der englischen Flotte heim; Kontreadmiral Sir Piercy Brett nahm mit dem Rest Minorka wieder in Besitz.
In den atlantischen Gewässern waren 1760 die englischen Streitkräfte zur Blockade sowie zum Handelsschutz ähnlich verteilt wie im Vorjahre: Kommodore Brett befehligte in den Downs und in der Nordsee; Rodney kreuzte im Kanal; Hawke und Boscawen[91] bewachten wechselweise die Quiberonbucht, die jetzt an Stelle Brests als Mittelpunkt des Blockadebereichs Rochefort, Lorient und Brest angesehen wurde. Außerdem verstärkte man die ostindische sowie die nordamerikanische Station und nahm auf der westindischen die nötigen Ablösungen vor. Die Franzosen hatten alle größeren Unternehmungen aufgegeben, nicht einmal Verstärkungen nach den Kolonien gingen ab; nur vereinzelt liefen Kriegsschiffe aus, um gegen den Handel des Gegners zu kreuzen. Die englische Blockade zeitigte keine großen unmittelbaren Erfolge; sie hinderte zwar Frankreichs Verbindung mit den Kolonien, brachte aber wenig Beute, da der französische Handel schon völlig daniederlag; den kleinen Freibeutern konnte sie das Handwerk nicht völlig legen. Aufzeichnungen über Zusammenstöße zwischen den Kreuzern beider Parteien bringen die Spezialwerke (z. B. Troude I und Laird Clowes III, Kap. „Minor Actions“).
Der Einfall der Franzosen in Irland 1760 ist das einzige bemerkenswerte Ereignis dieses Jahres; er war als Diversion geplant, die gleichzeitig mit der großen Expedition gegen Schottland ins Werk gesetzt werden sollte. Man hatte dazu in Dünkirchen 1300 Soldaten unter General Flobert gesammelt und eine Flottille von 4 Fregatten (zu 24–44 Kanonen), sowie 2 Korvetten (18 Kanonen) unter Kapitän Thurot ausgerüstet. Dieser war ein Freibeuter von Ruf, 1726 als Sohn eines kleinen Gastwirtes geboren, im Jesuitenseminar erzogen, dann als Apotheker tätig und 1744 als Arzt auf einem Freibeuter in englische Gefangenschaft geraten. Aus dieser entfloh er, widmete sich ganz der Freibeuterei und erhielt wegen seiner Verdienste im Österreichischen Erbfolgekriege ein Offizierspatent (als Transporterkapitän) in der königlichen Marine. Beim Ausbruch des Siebenjährigen Krieges rüstete er 2 Fregatten und 2 Korvetten[161] aus, mit denen er vom 16. Juli 1756 bis Februar 1759 ununterbrochen in der Nordsee sowie dem Kanal kreuzte, mehrere Gefechte bestand und zahlreiche Prisen machte. Ihm war schon eine Rolle bei dem geplanten Angriff auf die Kanalinseln (s. Seite [142]) zugedacht gewesen, jetzt wurde er mit der seemännischen Führung der Expedition gegen Irland betraut, wo man mit einer Erhebung der Bevölkerung rechnete. Er erhielt seine Instruktion am 17. Juni 1759, es gelang ihm, am 15. Oktober auszulaufen, während das englische Blockadegeschwader durch Sturm vertrieben war; also gerade zu der Zeit, als man mit dem Inseegehen der großen Expedition rechnete. Um den Feind zu täuschen, lief Thurot zuerst Gothenburg, dann Bergen an; auf der stürmischen Reise wurde eine Korvette versprengt und eine Fregatte genötigt, wegen Beschädigungen nach Frankreich zurückzukehren.
Am 1. Januar 1760 ankerte er bei den Färöerinseln und erschien dann am 25. bei Londonderry an der irischen Küste. Die Wetterverhältnisse machten eine Landung unmöglich und auch die zweite Korvette wurde von der Flottille getrennt, so daß die anderen Kapitäne Thurot beschworen, das Unternehmen aufzugeben. Aber dieser blieb fest und ankerte nach einer kurzen Erholung auf der Insel Islay am 19. Februar in Belfast-Lough. Am 21. zwang General Flobert mit 600 Mann die nur schwach besetzte Stadt Carrickfergus zur Übergabe. Thurot konnte ihn aber nicht bewegen, gegen Belfast vorzugehen; dies wäre auch wohl ein hoffnungsloses Wagnis gewesen, man hatte schon 30 Tote und 60 Verwundete eingebüßt. Nachdem man Proviant beigetrieben und einige kleine Fahrzeuge verbrannt hatte, wurde am 27. die Rückfahrt nach Frankreich angetreten. Natürlich waren alle benachbarten irischen sowie schottischen Häfen alarmiert und von Kingsale liefen 3 englische Fregatten (zu 36 Kanonen) unter Kapitän John Elliot aus. Diese stießen am 28. Februar in der Nähe der Insel Man auf die Franzosen; zwei dieser strichen fast sogleich die Flagge, nur Thurot kämpfte mit seinem Flaggschiff (44 Kanonen) tapfer, bis er fiel und seine Fregatte dem Sinken nahe war. Er hat selbst bei den Engländern als ein Freibeuter von ehrenhaftem Charakter gegolten, der stets Edelmut und Menschlichkeit zeigte.
Die Blockade wurde den Winter über aufrechterhalten, doch scheint man 1761 die Geschwader nach und nach verkleinert zu haben, so wurde z. B. Admiral Rodney nach Westindien befehligt und durch einen Kommodore ersetzt. Auch Hawke verließ im März mit dem größeren Teile seiner Flotte die Biskaya, doch traf dafür eine neue Flotte mit einer besonderen Aufgabe ein.