Montcalm hatte zwar die Bojen und Marken des Fahrwassers entfernen lassen, sonst aber nichts getan, um dem Gegner an geeigneten Stellen entgegenzutreten, obgleich Brander und Kanonenboote vorbereitet waren. Die Stadt, am linken Ufer gelegen, wurde nur durch die Zitadelle und vor allem durch ein verschanztes Lager auf ihrer Nordostseite verteidigt; das rechte Ufer war unbesetzt gelassen. Das Lager, in dem fast das ganze französische Heer, 14000 Mann, stand, konnte der steilen Ufer wegen vom Flusse her nicht angegriffen werden, auf der anderen Seite war es durch die Täler der Flüsse Montmorency sowie St. Charles gesichert; in dem letzteren lagen zwei armierte Hulks zur Verbindung mit der Stadt. Zwischen Montcalm und dem Gouverneur Vaudreuil, einem Seeoffizier, bestanden andauernd Zwistigkeiten. Montcalm wünschte Maßregeln für einen etwaigen Rückzug zu treffen, Vaudreuil hielt dies mit der Begründung für unnötig, daß der Gegner höchstens einige Häuser der Stadt zerstören könne, wenn die ganze französische Macht vereinigt sei. So waren außer dem Lager nur die Zitadelle und mehrere Punkte stromaufwärts der Stadt besetzt, die zu einer Landung geeignet schienen.

Nach der Landung legte Saunders einige Linienschiffe und Fregatten weiter stromauf der Stadt gegenüber an das rechte Ufer und Wolfe landete dort (bei Point Levis) Soldaten. In der Nacht zum 29. Juni schickten die Franzosen 7 Brander und Brandflöße gegen die Flotte, doch diese hatte Vorbereitungen getroffen, und die gefahrdrohenden Fahrzeuge wurden durch Boote unschädlich gemacht; ebenso mißlang den Franzosen am 1. Juli der Versuch, mit schwimmenden Batterien die bei Point Levis Gelandeten zu vertreiben. Der Angriff wurde durch das Feuer der dort liegenden Schiffe abgewiesen. Wolfe baute hier eine Batterie, und in wenigen Tagen lag der größte Teil der Stadt in Trümmern. Die hochgelegene Zitadelle war aber nicht unter wirksames Feuer zu nehmen und ein Sturm auf die Stadt der steilen Ufer wegen ausgeschlossen; Montcalm ließ sich nicht herauslocken und wartete, daß sich der Feind eine Blöße gäbe. Wolfe legte nun Batterien am Montmorency an und beschoß von dort das Lager, doch auch dies blieb ohne Erfolg und zum Sturm fand sich keine geeignete Stelle. Man sandte einige kleine Schiffe an der Stadt vorbei, aber ein Landungsversuch dieser ward abgeschlagen,[173] ebenso ein endlich am 31. Juli doch unternommener Sturm am Montmorency. Die Angreifer kamen nicht vorwärts, und die Zuversicht der Verteidiger wuchs so, daß man 3000 von ihnen unter dem fähigsten Offizier, de Levis, nach Montreal sandte, um Bourlamagne zu verstärken. Montcalm hoffte jetzt, seine Stellung halten zu können, bis die Herbststürme den Feind zum Abbruch der Belagerung nötigten; er wurde in seiner Hoffnung durch die Nachricht bestärkt, daß Wolfe fieberkrank daniederläge.

Aber dieser dachte nicht an Rückzug. Weitere Erkundungen oberhalb der Stadt wurden vorgenommen und eine derselben, von ihm in Person geleitet, ließ einen zum Landen geeigneten Punkt im Westen der Stadt finden. Die Flottille stromaufwärts wurde nun verstärkt und in der Nacht des 4. September sandte man soviel Soldaten dorthin, als die vorhandenen flachen Fahrzeuge sowie alle entbehrlichen Schiffsboote der Flotte fassen konnten; um den Feind zu täuschen, setzte man in den nächsten Tagen die Erkundungsfahrten fort. In der Nacht vom 12./13. drangen dann die Boote weiter den Fluß hinauf vor und lockten dadurch die zur Verteidigung des Ufers bestimmten Franzosen unter Bougainville[96] mit sich. Eine Stunde vor Tagesanbruch aber wendeten sie plötzlich und ruderten mit aller Kraft, jetzt unterstützt durch die Strömung und die Ebbe, so schnell stromab zu dem beabsichtigten Landungspunkte, daß die Franzosen am Ufer nicht folgen konnten. Mit Tagesanbruch wurde unter Wolfes Führung gelandet, die Wache überrumpelt, das steile Ufer erstiegen und oben eine kleine Batterie genommen; bald standen die Engländer auf der Höhe vor den Toren der Stadt. Jetzt erst erfuhr Montcalm, was geschehen war. Er eilte mit einigen Truppen über den Charlesfluß herbei und sandte Befehl an Bougainville, den Gegner im Rücken anzugreifen. Aber dieser konnte seine Leute nicht schnell genug sammeln und Vaudreuil hielt den größeren Teil des Heeres im Lager zurück, da die englische Flotte mit den Seesoldaten in den noch vorhandenen Schiffsbooten eine Scheinlandung am Montmorency unternahm.

So hatte Montcalm um 10 Uhr vormittags nur 4500 Mann zur Verfügung; er griff dennoch Wolfe an, um ihm keine Zeit zur Verschanzung sowie zur Verstärkung zu lassen. Aber trotz der Tapferkeit des Generals und seiner Offiziere schlugen die Engländer den Angriff ab; Montcalm selber ward tödlich verwundet, der nächstälteste Offizier fiel und die an den Kampf im offenen Gelände nicht gewöhnten Kanadier wichen in Stadt und Lager zurück. Bei der herrschenden Verwirrung hätten die Engländer mit kräftigem Nachdringen wohl das Lager nehmen können, aber jetzt erschien Bougainville, und auch bei ihnen ging die Oberleitung verloren, da Wolfe sowie dessen Nachfolger gefallen waren. Bougainville war aber allein zu schwach zum Angriff, so daß sich die Engländer in ihrer Stellung verschanzen und die Verbindung zwischen Lager und Stadt durch den Bau einer Batterie unterbrechen konnten.

Vaudreuil gab nach einem Kriegsrate Lager und Stadt auf und zog sich auf Montreal hin zurück. In Quebec blieben nur 1700 Mann mit dem Befehl, sich nach Erschöpfung ihrer Vorräte zu ergeben. Dies geschah schon am 17. September, als die Engländer Miene machten, die Beschießung vom Lande und von der Flotte aufzunehmen. Den Einwohnern der Stadt sowie den Milizen war Erhaltung ihres Besitzes und Religionsfreiheit zugesichert; nur die Soldaten wurden kriegsgefangen. Vaudreuil traf auf seinem Marsche bald de Levis, der nach der Kunde von dem Geschehenen stehen geblieben war. Dieser übernahm nun den Oberbefehl und führte das Heer zum[174] Entsatze Quebecs heran, ging aber nach Montreal zurück, als er die Übergabe der Stadt erfuhr.

Nach dem Falle Quebecs ging Saunders mit der Flotte nach England heim; nur 5 Linienschiffe nebst einigen Fregatten und Sloops verblieben unter Kommodore Lord Colville in den amerikanischen Gewässern. Als die Flotte den Lorenzstrom verlassen hatte, entschlüpften einige französische Freibeuter, die sich vor der Belagerung stromaufwärts der Stadt verborgen hatten. Diese brachten die Nachricht von den Ereignissen mit neuen Bitten um schleunigste Hilfe nach Frankreich.

Letzter Kampf um Kanada. Montreal fällt 1760. General de Levis, der nach Montcalms Tode den Oberbefehl übernahm, gab trotz der verzweifelten Lage den Kampf nicht auf. Er zog alle verfügbaren Truppen bei Montreal zusammen und beunruhigte von dort aus während des Winters die englischen Posten. Im Frühjahr 1760 machte er sogar den Versuch, Quebec wieder zu nehmen, da hier nur 3000 Engländer unter General Murray lagen. Er führte 5000 Mann[97] auf Fahrzeugen verschiedener Art den Fluß hinunter, landete etwas oberhalb der Stadt, schlug die Gegner zurück und schloß sie ein. Dieser Erfolg wurde nur durch die Unentschlossenheit des Feindes ermöglicht. Englischerseits hatte man geplant, die Franzosen in Montreal zu erdrücken: Amherst sollte mit 11000 Mann vom Champlainsee vorrücken, ihm zur Seite Oberst Havyland mit 5000 Mann und Murray von Quebec aus; Colvilles Geschwader sollte wieder nach Quebec gehen, sobald die Jahreszeit es erlaubte. De Levis war ihnen zuvorgekommen; die Stadt stand schon vor dem Fall, als endlich am 15. Mai die ersten Schiffe eintrafen und sofort den Kampf gegen die französischen Belagerungsbatterien aufnahmen.

Jetzt mußte de Levis nach Montreal zurück, er verstand es aber, noch monatelang die Wege dorthin zu verteidigen. Amherst hatte nicht die gerade, kaum noch streitig gemachte Straße nach Montreal eingeschlagen, sondern war zum Ontariosee marschiert, auf dem man im Winter eine Flottille von Segelkuttern und Ruderfahrzeugen gebildet hatte. Er nahm hier und bei dem Vordringen flußabwärts nach und nach die letzten kleinen französischen Posten und langte erst am 7. September vor Montreal an. Am selben Tage erschienen auch Havyland, der Bougainville hatte zurückdrängen müssen, und Murray, der nur langsam, von kleinen Kriegsschiffen unterstützt, flußaufwärts hatte herankommen können. Jetzt war allerdings das Schicksal der Franzosen entschieden. De Levis wollte es zwar noch auf einen Kampf ankommen lassen, mußte sich aber auf Vaudreuils Befehl am 8. September ergeben. Bald darauf fielen auch die letzten Posten Frankreichs am Eriesee und Colvilles Schiffe säuberten den St. Lawrencegolf von französischen Freibeutern, die noch zahlreich in den verschiedenen Buchten gelegen hatten. Die Beamten und Offiziere Kanadas mit ihren Angehörigen, sowie die Soldaten wurden nach Frankreich geschafft; gegen 500 der angesehensten Ansiedler folgten ihnen, und England begünstigte deren Abzug. Kanada war für die Franzosen verloren[98].

In Frankreich erregte der Verlust Kanadas die größte Empörung. Das Volk wußte nicht, daß die Regierung schon lange damit gerechnet hatte; es fühlte nur die Schmach und den Schmerz über die nutzlosen Opfer. Der Hof beschloß deshalb, was schon früher hätte geschehen müssen, die pflichtvergessenen Beamten zur Rechenschaft zu ziehen. Vaudreuil sowie der Intendant und zahlreiche Beamte kamen in die Bastille; sie wurden später verbannt oder sonst bestraft, auch mußten sie 11½ Millionen veruntreuter Gelder ersetzen. Frankreich hatte von 1749–1760 für Kanada 123 Millionen aufgewendet; von 40 Millionen, die man der Kolonie schuldig war, wurden nur 12 zurückgezahlt. Die Tapferkeit der Offiziere dagegen fand Anerkennung; viele von ihnen fanden später noch eine ehrenvolle Laufbahn.

England hatte ein Hauptziel des Krieges erreicht; der sehnliche Wunsch der Kolonien war erfüllt, ihrer Ausdehnung stand nichts mehr im Wege. Allerdings erklärte die Regierung das Hinterland der Neuenglandstaaten vom Alleghanygebirge bis zum Mississippi für Kronland, während es zu diesen Kolonien hätte geschlagen werden müssen, da nach den alten Chartres bei Gründung der Niederlassungen stets ein Landstreifen vom Atlantik bis zum Stillen Ozean verliehen war. Aber die Staaten brauchten doch ihre Männer sowie ihr Geld nicht mehr für Kriege gegen die Kanadier zu verwenden und ein großer wirtschaftlicher Aufschwung mußte die Folge sein. Ebenso zweifellos aber war eine außerordentliche Steigerung des Selbstgefühls dieser schon so eifersüchtig über ihre Rechte wachenden Kolonien. Es wurden deshalb auch in England beim Friedensschlusse Stimmen laut, die rieten, Kanada an Frankreich zurückzugeben und lieber Guadeloupe zu behalten. Frankreich erhielt aber nur die beiden kleinen Inseln Saint Pierre und Miquelon an der Südküste Neufundlands als Stützpunkte seiner Kabeljaufischerei zurück; sie gehören ihm noch heute. Ihre Kolonie Louisiana traten die Franzosen an Spanien ab; von Nordamerika war Frankreich damit ausgeschlossen.