Pocock wählte vom Kap St. Nicolas nach Havanna nicht den üblichen Weg südlich der Insel Kuba, sondern den kürzeren durch den alten Bahamakanal. Dieser ist navigatorisch für Segelschiffe schwieriger und galt damals wegen der noch wenig genauen Karten als nicht ungefährlich, aber der Admiral beabsichtigte, möglichst schnell und überraschend vor Havanna zu erscheinen, sowie auch zu verhindern, daß der Stadt auf diesem Wege Nachrichten und Unterstützung durch die Franzosen in St. Domingue zugingen. Er benützte auf dieser Fahrt eine von Anson aufgenommene Karte, auch sandte er Boote voraus, die gefährliche Stellen markierten. Am Morgen des 6. Juni stand die Flotte 15 Seemeilen östlich von Havanna; die Stadt wurde nach zehnwöchiger Belagerung genommen.
Die Einnahme von Havanna 1762. Noch am 6. Juni gab Pocock die Anordnung für die Landung, die östlich der Stadt erfolgen sollte. Zu ihrer Deckung blieb Kommodore Keppel mit 6 Linienschiffen und einigen Fregatten zurück; der Admiral segelte mit der Hauptflotte vor die Einfahrt des Hafens, in dem man 12 Linienschiffe zählte; drei waren im Eingange versenkt. Havanna wurde nach See zu hauptsächlich durch das starke, hochgelegene Fort Moro auf der Ostseite der Einfahrt und durch ein Werk auf der Westseite verteidigt; nach Land zu waren die Befestigungen nur unbedeutend. Am 7. morgens ließ Pocock durch die Seesoldaten der Schiffe eine Scheinlandung, etwa vier Seemeilen westlich der Stadt, ausführen, während Albemarle das ganze Heer sechs Seemeilen östlich von Havanna zwischen den Flüssen Coximar und Boca Nao landete.
Hier fand man erst beim Vormarsch gegen Fort Moro, als man den Coximar überschritt, Widerstand, der jedoch bald durch das Eingreifen der Fregatten gebrochen wurde. Man begann dann sogleich mit der regelrechten Berennung Moros. Um diese zu fördern, beschossen am 1. Juli drei schwere Linienschiffe das Fort, mußten sich aber nach sechsstündigem Kampfe, stark beschädigt mit einem Verluste von 42 Toten[181] und 130 Verwundeten, zurückziehen und das Niederkämpfen des Forts der Belagerungsartillerie überlassen; am 30. Juli war Bresche gelegt, und man nahm das Werk im Sturm. Nach weiterer Beschießung der kleinen Befestigungen der Landseite, sowie der Stadt selber ergab sich diese am 14. August. Den Engländern kostete die Belagerung 1790 Tote und Verwundete; sie verloren außerdem viele Leute an Krankheiten in der ungesunden Gegend bei ungünstigster Jahreszeit.
Wegen dieses starken Verlustes wurden den Führern Vorwürfe gemacht: Pocock habe die Schiffe unnötig dem Kampfe mit dem Fort ausgesetzt, Albemarle ebenso unnötig das starke Werk als Angriffsobjekt gewählt, auch ohnedies wäre die Stadt leicht zu nehmen gewesen und Moro dann von selbst gefallen. Hervorgehoben wird das gute Einvernehmen zwischen den Führern beider Waffen während des ganzen Unternehmens.
Der Fall Havannas war ein Erfolg von großem, moralischem Werte Spanien gegenüber und fügte diesem schweren Schaden zu; er brachte England aber auch bedeutenden materiellen Gewinn. Die erbeuteten Gelder und Güter hatten einen Wert von drei Millionen Lstrl; 9 Linienschiffe — 5 zu 70, 4 zu 60 Kanonen — waren genommen, zwei noch auf Stapel liegende verbrannt; drei nebst einer großen Galere hatten die Spanier versenkt.
Pocock ging im November mit 4 Linienschiffen und einem Teil der Prisen nach England, 5 weitere folgten etwas später mit dem Rest der genommenen Schiffe. Der große Krieg in Westindien war zu Ende; zu einem wahrscheinlich ins Auge gefaßten Angriff auf St. Domingue kam es infolge des Präliminarfriedens vom 12. November 1762 nicht mehr. Frankreich erhielt durch den Frieden von Paris seine Inseln bis auf Grenada zurück. Sta. Lucia wurde ihm aufs neue zugesichert, aber die neutralen Inseln Tabago, St. Vincent und Dominica fielen an England. Spanien bekam gleichfalls Havanna wieder, trat aber Florida an England ab, wofür ihm Frankreich Louisiana überließ.
Westafrika. Über dieses als Kriegsschauplatz ist nur wenig zu sagen. Englands Hauptniederlassungen lagen am Golf von Guinea, nur wenige (zwei Forts) an der Sierra-Leone-Küste, und in Senegambien besaß es fast gar keinen Einfluß (ein Fort an der Mündung des Gambia). Hier war Frankreich die vorherrschende Macht mit vielen Forts vom Kap Branco bis etwas südlich vom Gambia; Hauptstützpunkte waren St. Louis am Senegal und Gorée beim Kap Vert[100]. Stärkere Seestreitkräfte wurden von keinem der beiden Länder hier gehalten; England scheint meist einige Kriegsschiffe an der Guineaküste gehalten zu haben.
Im Februar 1757 erschien der französische Kapitän de Kersaint auf seinem Wege nach Westindien mit 3 Linienschiffen, 2 Fregatten und einer Korvette in den westafrikanischen Gewässern; er brachte einige englische Sklavenschiffe auf und beunruhigte die Niederlassungen an der Guineaküste, ein ernstlicher Angriff auf Cap Coast Castle wurde jedoch abgeschlagen. England dagegen sandte 1758 kleinere Expeditionen hinaus, um die französischen Niederlassungen wegzunehmen, und bemächtigte sich Senegambiens.
Einnahme von Port Louis und Gorée 1758. Am 9. März 1758 verließ Kapitän Marsh mit einem Linienschiff (64 Kanonen), einem 50-Kanonenschiff, sowie drei kleineren zu 8, 16 und 20 Kanonen England, erschien am 23. April vor der Mündung des Senegal, drang bei nur geringem Widerstande durch Küsten- und Flußfahrzeuge über die Barre nach Port Louis vor und zwang mit Hilfe vorher gewonnener eingeborener Fürsten das Fort am 1. Mai zur Übergabe; mit ihm fielen auch die anderen, weiter stromauf gelegenen Plätze. Es mutet seltsam an, daß die Anregung zu diesem Kriegszuge von einem Quäker ausging, der in Afrika ansässig gewesen war; dieser hatte auch die einheimischen Fürsten gewonnen. Marsh versuchte dann im Mai vergeblich, das besser befestigte Gorée zu nehmen. Aber schon am 28. Dezember trafen unter Führung des Kommodore Augustus Keppel 3 Linienschiffe, je ein 50- und ein 44-Kanonenschiff, verschiedene kleinere Fahrzeuge, zwei Mörserboote, sowie Transporter mit Soldaten vor Gorée ein, und die Niederlassung fiel bereits am nächsten Tage. (Näheres über diese Vorgänge siehe Laird Clowes, Band III, Seite 186 ff.)
Frankreich trat beim Friedensschluß Senegambien an England ab, erhielt aber Gorée zurück.