Ostindien[101]. Ereignisse vor Ausbruch des Krieges. Sicher bestand nach dem Frieden von Aachen bei den Leitern der ostindischen Kompagnien in London wie in Paris der Wunsch, neue Zerwürfnisse zu vermeiden, denn der letzte Krieg hatte große Kosten verursacht und dem Handel sehr geschadet. Aber die erfolgreiche Einmischung des französischen Gouverneurs Dupleix in die Streitigkeiten der indischen Fürsten hatte das frühere System der Kompagnien, von befestigten Niederlassungen aus nur Handel zu treiben, unmöglich gemacht. Die Europäer hatten die Überlegenheit ihrer Waffen zu gut kennen gelernt, um den indischen Fürsten weiter nur als Bittende entgegenzutreten, und diese strebten dahin, sich der unbesiegbaren Europäer gegen ihre einheimischen Feinde zu bedienen. Wollten die Kompagnien also weiter Geschäfte machen, so mußten sie Partei nehmen und ihren Freunden Waffen und Soldaten stellen. Wenn nun die Kompagnien selbst noch in den ersten Jahren nicht miteinander im Streit lagen, so unterstützte doch eine jede einheimische Fürsten, die vielleicht mit den Schützlingen der anderen Krieg führten; so mußten bald auch die Truppen der beiden Kompagnien in diese Kämpfe verwickelt werden.

Bis zum Jahre 1751 zog Frankreich aus der Einmischung in indische Angelegenheiten bei weitem den größeren Vorteil. England gewann zwar 1749 bei einer Thronfolgefrage im Staate Tanjore die Stadt Devicotta, an der Mündung des Coleroon, etwa 30 Seemeilen südlich von Cuddalore, aber dem Gouverneur von Pondicherry, Dupleix, gelang fast die Verwirklichung seiner langgehegten Absicht, die Gründung eines Vasallenstaats von großer Ausdehnung für Frankreich. Um das Dekan — ein Vizekönigreich des Großmogulstaats, das fast ganz Vorderindien umfaßte und in viele kleine Gebiete, jedes unter einem Nabob, zerfiel — erhob sich 1749 gleichfalls ein Thronfolgestreit. Hier nahm Dupleix Partei und wandte Politik wie Waffengewalt so geschickt an, daß sein Schützling Sieger blieb.

Dieser machte als Vizekönig des Dekan 1750 Dupleix zum Nabob der Küstenstaaten von Masulipatam bis zum Kap Komorin, erweiterte das Gebiet der französischen Kompagnie bei Pondicherry sowie bei Karikal und trat ihr neues Land bei Masulipatam ab; auch erhielt der Gouverneur selber reichen Landbesitz als Eigentum. Der Vizekönig huldigte ihm sogar am 26. Dezember 1750 in Pondicherry, und sein Nachfolger dehnte 1751 durch ein weiteres Zugeständnis die französische Macht an der Orissaküste aus. Dupleix beherrschte tatsächlich den ganzen Süden Vorderindiens, da er als mächtiger Nabob beratende Stimme in allen wichtigen Angelegenheiten besaß, und da der Vizekönig wie die meisten anderen Nabobs seiner Hilfe ihre Stellungen verdankten. Mit nur 800 Mann Europäer und 3000 Sepoys hatte Dupleix seinen Einfluß über 35 Millionen Inder zur Herrschaft gebracht; die Engländer waren an der Ostküste Vorderindiens lahmgelegt, ihre völlige Austreibung schien nur noch eine Frage der Zeit.

Bis zum Jahre 1755 gingen diese Errungenschaften Frankreichs jedoch wieder verloren. Die Stellung Dupleix' und seines Verbündeten war nicht fest genug, als sich 1751 England unmittelbar einmischte und in Robert Clive[102] ein ebenbürtiger Gegner für Dupleix erwuchs. Der Vizekönig besaß noch nicht die volle Herrschaft im ganzen Dekan; er hatte im Norden mit widerspenstigen Fürsten zu schaffen und auch im Süden behauptete sich der von ihm abgesetzte Nabob des Carnatic in einigen festen Städten. Dieser gewann die Engländer für sich. Als der Vizekönig versuchte, ihn mit Hilfe der Franzosen niederzuwerfen, unterstützten ihn die Engländer von Madras, sowie von St. Davids aus mit Truppen. Hiermit war von Mitte Juli 1751 der Krieg zwischen den Kompagnien entbrannt. Es folgten zunächst vier Jahre des Kampfes im Carnatic, in denen mit wechselndem Kriegsglück bald die eine, bald die andere Partei im Vorteil war, je nachdem sich die unzuverlässigen indischen Fürsten gruppierten — auch die Mahratten an der Westküste Vorderindiens, die alten Feinde des Mogulreiches, traten in den Kampf ein; zuerst auf englischer, später auf französischer Seite.

Wohl war die französische Kompagnie anfangs an Europäern wie an Sepoys stärker, aber die Engländer zogen Truppen aus Bengalen heran, und ihre Führer Lawrence, sowie Clive waren den Franzosen d'Auteuil und Law (Sohn des berüchtigten Finanzmannes, s. Band I, Seite 595) weit überlegen. Dupleix erhielt von der Heimat keine wesentlichen Unterstützungen, auch mußte er seinen fähigsten Offizier, de Bussy, mit einem Teil der Truppen abgeben, um den Vizekönig im Norden zu verstärken und an dessen Hofe Frankreichs Vorteil gegen eine von England gewonnene Partei wahrzunehmen. Zu Ende des Jahres 1752 stand es für die Franzosen sehr schlecht; ein Unternehmen gegen St. Davids — der erste unmittelbar gegen die Engländer selber gerichtete Stoß — wurde schon auf dem Anmarsch mit großem Verluste zurückgewiesen.

Anfang 1752 lagen im Carnatic nur noch 360 Franzosen gegen 700 Engländer im Felde; die erste, jetzt erwartete, bedeutendere Verstärkung von der Heimat, 700 Mann, blieb aus, da das Schiff unterwegs verbrannte. Dennoch behauptete sich Dupleix das Jahr über und errang sogar einige Vorteile, als Clive aus Gesundheitsrücksichten nach England gegangen war. Wegen Mangels an Truppen sowie an Geld — er hatte schon bedeutende Summen aus eigenem Vermögen vorgeschossen —, sowie auf Drängen der Kompagnie, die des kostspieligen Krieges müde war, trat Dupleix im Januar 1754 mit dem Gouverneur von Madras, Saunders, in Unterhandlungen. Diese zerschlugen sich aber schon nach wenigen Tagen, da dieser unter keinen Umständen Dupleix als Nabob des Carnatic anerkennen wollte und auch erfahren hatte, daß dessen Stellung in Paris schwer erschüttert sei. Dennoch verlor der tapfere Mann nicht den Mut. Der Nabob von Tanjore, ein mächtiger Fürst, schien geneigt, sich auf seine Seite zu schlagen, im Februar wurde ein Sieg über die besten englischen Truppen erfochten und de Bussy hatte mit dem neuen Vizekönig, dem zweiten Nachfolger des ersten Freundes der Franzosen, ein vorzügliches Verhältnis hergestellt. Wiederum erhielt die Kompagnie große Gebiete an der Orissaküste, die vier Circars, die durch ein Einkommen von 400 000 Lstrl. genügende Geldmittel sicherten. So schöpfte Dupleix neue Hoffnung, da wurde er am 1. August 1754 abberufen.

Die Abberufung Dupleix' war die Folge von Verhandlungen, die schon seit 1752 zwischen den Kompagnien unter Teilnahme der Regierungen geführt wurden. Die englische Regierung machte Dupleix für alle Wirren in Indien verantwortlich und forderte unter Androhung schärfster Maßregeln seine Entfernung; auch Clive vertrat diesen Standpunkt energisch, als er sich 1753/54 in England aufhielt. So lange draußen alles gut ging, war die französische Regierung mit Dupleix ganz zufrieden gewesen und die Kompagnie hatte über die schlechten Geschäftsergebnisse hinweggesehen; als aber von 1752 an eine Hiobspost nach der anderen eintraf und die Mittel zusammenschrumpften,[185] ließ man den tüchtigen Mann fallen. Bei seiner Abberufung erhielt er weder ihm noch zustehende Gelder, noch die von ihm vorgeschossenen 6–7 Millionen Francs, selbst die Einkünfte aus seinem Privatbesitz enthielt man ihm vor, so daß er beinahe mittellos die Heimreise antreten mußte. Ohne daß seine gerechten Ansprüche befriedigt waren, starb er 1764 verlassen und vergessen, während man in England annahm und noch annimmt, daß die Engländer in den nun noch folgenden Kämpfen wahrscheinlich aus Indien verdrängt worden wären, wenn man Dupleix nicht abberufen hätte.

In Europa waren die Regierungen sowie die Kompagnien übereingekommen, beide Gouverneure abzuberufen und die Streitigkeiten durch besondere Kommissäre zu schlichten. England ernannte aber den bisherigen Gouverneur zu seinem Vertreter, während Frankreich einen früher in Bengalen tätig gewesenen Beamten, Godeheu, der stets gegen Dupleix intrigiert hatte, zum Kommissar bestellte. Dieser traf am 1. August 1754 mit 2000 Soldaten in Pondicherry ein und übernahm schon am 2. die Geschäfte. Er wies sofort die im Felde stehenden Befehlshaber an, die Feindseligkeiten einzustellen, schloß am 26. Oktober einen Waffenstillstand und im Januar 1755 einen für die französische Kompagnie höchst ungünstigen Frieden.

Godeheu folgte bei den Verhandlungen in keiner Hinsicht einer ihm von Dupleix hinterlassenen Denkschrift, in der die politische wie die militärische Lage dargestellt und die erforderlichen Maßnahmen entwickelt waren; auch sah er darüber hinweg, daß England gegen die Abmachung seinen früheren Gouverneur als Kommissar bestellt hatte. Er lieferte die Gefangenen aus, begann die an Frankreich abgetretenen Gebiete zu räumen und benachrichtigte den Vizekönig, daß er sich nicht mehr in dessen Angelegenheiten mischen dürfe; er ließ de Bussy zwar noch im Lager bei diesem, sandte ihm aber weder Truppen noch Geld.