Bei der scheinbaren Überlegenheit der Franzosen durch größere Zahl der Schiffe und Kanonen muß man aber berücksichtigen, daß nur ihr Flaggschiff der Königlichen Marine angehörte und daß die Kompagnieschiffe aus verschiedenen Gründen (vgl. Seite [57]) Kriegsschiffen gleicher Größe an Gefechtskraft nicht ebenbürtig waren.

Die Angriffsart brachte für die Engländer die ihr anhaftenden Nachteile mit sich. Die vordersten vier Schiffe einschließlich des Flaggschiffes kamen zwar gut an die feindliche Linie heran, hatten aber auf dem Wege dahin fast deren ganzes Feuer auszuhalten, ohne es erwidern zu können, bis sich etwa um 3¾ Uhr Pocock querab von Aché wieder an den Wind legte und das Signal zum Nahgefecht gab. Die drei Schiffe hinter Pocock traten nicht sogleich in dieses ein; sie waren beim Heransegeln etwas zurückgeblieben, sei es durch Ungeschick, sei es dadurch, daß der unmittelbare Hintermann des Admirals ein schlechter Segler war. Dies konnte für die vorderen Schiffe bedenklich werden, doch auch in der französischen Linie traten Mißstände hervor: das dritte Schiff von vorn verlor sogleich sein Ruder und verließ die Linie; das kleine Schiff von 36 Kanonen wurde durch eine Breitseite aus ihr vertrieben; das Schlußschiff zu 60 Kanonen hatte sich von Anfang an nicht auf seinem Posten, sondern weiter in Lee gehalten. Auf erneutes Signal Pococks kamen die hinteren Schiffe zögernd näher, besonders das sechste zeigte sich so langsam, daß das siebente endlich an ihm vorbeisegelte. Beim Herankommen dieses großen Fahrzeuges scheint das schwache französische Schiff zu 44 Kanonen etwas aus der Linie gewichen zu sein. Hinter Pocock war so in der englischen Linie eine Lücke entstanden und sein Schiff wurde auch vom Hintermann d'Achés beschossen, während es wie seine Vorderleute unter langsamer Fahrt in scharfem Gefecht weitersegelte. Gegen 6 Uhr kamen die beiden französischen Schiffe in Sicht, die Lally nach Pondicherry gebracht hatten.

Bis zu diesem Zeitpunkt sind die verschiedenen Angaben über den Verlauf des Gefechtes wohl in Übereinstimmung zu bringen, über das nun folgende Manöver des französischen Admirals weichen die Meinungen ab. D'Aché erteilte nämlich jetzt den Befehl zum Halsen, wartete jedoch nicht ab, bis das Signal beantwortet war, sondern führte das Manöver mit dem Flaggschiff sofort aus. Die Schiffe hinter ihm folgten seinem Beispiele, wobei sein dichtaufgeschlossener Hintermann Gelegenheit hatte, dem englischen Flaggschiffe beim Vorbeisegeln nochmals eine Breitseite zu geben; die Schiffe vor ihm brache365 n das Gefecht erst etwas später ab, so daß die Ordnung der französischen Linie gestört war.

Einige Quellen erzählen nun, d'Aché habe durch „gleichzeitiges Halsen“ aller Schiffe schnell die Linie über Steuerbordbug bilden, dann in der Lücke der englischen[191] Linie durchbrechen und so deren letzte Schiffe abschneiden wollen; diese Absicht sei durch seine Ungeduld vereitelt. Andere nehmen an, er habe das Gefecht abgebrochen, um die ausgefallenen sowie die von Pondicherry kommenden Schiffe an sich zu ziehen und weiter in Lee aufs neue den Angriff abzuwarten; er habe dazu den Befehl „im Kontremarsch Halsen“ gegeben. Diese Ansicht hat für sich, daß ein derartiges Manöver fast ganz der späteren Taktik der Franzosen (vgl. Seite [42]) entsprechen würde, auch ist es bei dieser Annahme leichter zu erklären, daß der Hintermann des Admirals „beim Vorbeisegeln“ nochmals eine Lage auf den englischen Admiral abgeben konnte. Tatsächlich wurde das Gefecht durch das Manöver abgebrochen und nicht wieder aufgenommen, denn die Nacht kam herauf. Aber auch sonst wäre Pocock zu einem zweiten Angriffe nicht in der Lage gewesen, da seine vordersten Schiffe zu sehr beschädigt waren — eine weitere gewöhnliche Folge der englischen Angriffsart; der schon gegebene Befehl zur Verfolgung des Feindes mußte aus diesem Grunde widerrufen werden.

Der Verlust der Engländer betrug nur 29 Tote, sowie 89 Verwundete; der der Franzosen 162 und 360. Dieser große Unterschied war einerseits die Folge der verschiedenen Taktik — bekanntlich schossen die Franzosen auf die Takelage, die Engländer auf den Rumpf —, anderseits aber auch des Umstandes, daß die französischen Schiffe mit Soldaten Lallys überfüllt waren.

Erwähnt sei, daß d'Aché den Kommandanten seines letzten Schiffes wegen Lauheit im Gefecht des Kommandos entsetzte, und daß auch von den drei Kommandanten der letzten englischen Schiffe durch kriegsgerichtlichen Spruch einer entlassen, ein zweiter vom Kommando enthoben und der dritte auf ein Jahr im Dienstalter zurückgestellt wurde.

Die Franzosen nehmen St. David 1758. Nach der Schlacht segelte Pocock nach Sadras, um seine Schiffe auszubessern, gab also den Schutz von Cuddalore auf. D'Aché ankerte zunächst bei Lampraavy, 20 Seemeilen südlich von Pondicherry; — hier ging ein Kompagnieschiff zu 74 Kanonen verloren, das infolge beschädigten Ankergeschirrs strandete — und segelte dann nach Pondicherry; er stand also noch immer zwischen Cuddalore und dem Feinde. De Lally hatte aber schon am 29. April Truppen gegen diese Stadt in Bewegung gesetzt, nahm sie am 3. Mai und schritt zur Belagerung des Forts St. David. Die Engländer verfügten hier nur über 619 weiße und 1600 indische Soldaten, die Franzosen fast genau über dieselbe Gesamtzahl, aber im umgekehrten Verhältnis. Am 16. begann die Beschießung, bald fielen die Außenwerke, und am 2. Juni ergab sich das Fort; die Besatzung wurde kriegsgefangen.

Die Engländer räumten kurz darauf auch Devicotta; von wichtigeren Plätzen behielten sie nur noch Madras und Trichinopoly. Pocock hatte versucht, St. David zu entsetzen; er war am 10. Mai von Sadras in See gegangen, infolge ungünstigen Windes aber erst am 30. bis auf die Höhe von Pondicherry gekommen. D'Aché erhielt von de Lally den Auftrag, den Gegner zu schlagen; er ging zwar in See, hielt sich aber zu Luward vom Feinde und kehrte bald auf Verlangen der Behörden in Pondicherry — de Lally war nach St. David abgegangen — zum Schutz dieser Stadt zurück. Pocock hatte seinerseits nicht an den Feind herankommen können; als er am 6. Juni die Nachricht von dem bevorstehenden Falle St. Davids erhielt, segelte er nach Madras, um wenigstens diesen Platz zu schützen.

Die Schlacht vor Negapatam am 3. August 1758. Nach der Einnahme von St. David wäre es de Lally bei seiner großen Überlegenheit an Soldaten wahrscheinlich leicht geworden, Madras zu erobern, und er forderte auch d'Aché zur Mitwirkung hierbei auf; dieser lehnte jedoch mit der Begründung ab, daß er in Ceylon Vorräte auffüllen müsse und dabei gegen den englischen Handel kreuzen wolle. De Lally zog nun am 18. Juni gegen Tanjore zu Felde, um hier eine alte Schuldforderung einzutreiben. Er erreichte die Stadt erst am 18. Juli, wurde dann durch Verhandlungen sowie kleine Teilzahlungen hingehalten, und als er endlich zum Sturme schreiten wollte, erhielt er die Nachricht, daß das französische Geschwader vor Negapatam geschlagen und Karikal, von wo aus sein Heer allein verpflegt werden konnte, sowie Pondicherry in Gefahr seien. Er ging deshalb am 10. August auf diese Stadt zurück. Am 17. Juli war Pocock dort erschienen, und d'Aché, der so lange untätig gelegen hatte, ging nun in See, anscheinend, um sich einem Kampfe zu entziehen, und steuerte, von Pocock gefolgt, südwärts. Die nächsten Tage brachten nur Manöver der beiden Geschwader, teils in Sicht, teils außer Sicht voneinander, aber am 3. August erfolgte der Zusammenstoß. Die Streitkräfte waren dieselben wie bei Cuddalore; französischerseits traten die damals nach Pondicherry gesandten Schiffe jetzt an die Stelle des gestrandeten und des kleinsten zu 36 Kanonen; wieder standen 9 Franzosen gegen 7 Engländer.