Als Choiseul die Leitung der Marine übernommen hatte und mit Hilfe Spaniens den Krieg zur See wieder zu beleben gedachte, unternahm er einen Versuch, in Nordamerika nochmals Fuß zu fassen. England hatte den größten Teil seiner Truppen von dort nach Westindien gezogen und auch die Seestreitkräfte sehr verringert. Am 18. Mai 1762 entschlüpfte Kapitän de Ternay, uns schon durch die Flottmachung und Überführung der in der Vilaine nach der Schlacht von Quiberon eingeschlossenen Schiffe bekannt, mit 2 Linienschiffen, einer Fregatte sowie einer Flüte mit 570 Soldaten aus Brest. Er erschien am 20. Juni im Hafen von St. John auf Neufundland, besetzte die Stadt und fügte von hier aus den Engländern durch Aufbringen von Fischerfahrzeugen großen Schaden zu. Bald allerdings blockierten ihn herbeigerufene englische Kriegsschiffe, es gelang ihm aber doch, während eines Sturmes auszulaufen und Frankreich wohlbehalten wieder zu erreichen. Die kleine französische Garnison mußte sich allerdings am 18. September den von Louisbourg herangerückten Truppen ergeben. — Ohne Aussicht auf Beute unternommen, ist dieser Zug lediglich ein Beweis kühnsten Wagemuts.
Im gleichen Jahre bereitete Frankreich eine größere Expedition gegen Rio de Janeiro vor, um Portugal für seine Begünstigung Englands zu strafen. Als Chef des Geschwaders — 9 Linienschiffe und 10 Transporter mit Soldaten — war Kapitän Beaussier de l'Isle bestimmt, als Führer des Landungskorps General d'Estaing. Dieser erhielt den Oberbefehl, er wurde gleichzeitig zum Chef d'Escadre ernannt und in das Seeoffizierkorps eingereiht (im nächsten Kriege war er Flottenchef). In seiner Instruktion wurde er auf das Beispiel Duguay-Trouins, 1712, hingewiesen; es galt also in erster Linie, Beute zu machen, die hier ja auch zu finden war. Im November 1762 fast segelfertig, wurde die Expedition des bevorstehenden Friedensschlusses wegen zurückgehalten.
Schließlich finden wir noch eine englische Expedition ähnlicher Art, die ganz den Raubzügen zur Zeit der Königin Elisabeth entspricht. 1762 rüstete eine Gesellschaft von Edelleuten und Handelsherren einen Zug gegen die spanische Kolonie Buenos Aires aus. Mit zwei Kriegsschiffen, eins zu 50, eins zu 28 Kanonen, von der Admiralität gekauft, und 2 Transportern mit 500 Soldaten, traf ein Seeoffizier der ostindischen Kompagnie, Macnemara, am 2. November im La Plata ein, fand aber die Spanier besser vorbereitet, als er erwartet hatte. Zwei Versuche, die Stadt Colonia zu nehmen, wurden abgeschlagen; bei dem zweiten, am 6. Januar 1763, ging das größere Schiff in Flammen auf und mit ihm fanden der Führer sowie 270 Mann ihren Tod, die anderen entkamen nach Rio.
Schlußbetrachtungen.
Über Strategie[108]. Der Zusammenstoß zwischen England und Frankreich wegen maritimer sowie kolonialer Interessen war unvermeidlich und wurde auch von beiden Staaten seit dem letzten Friedensschluß vorausgesehen. Frankreich hatte deshalb während der Friedensjahre viel für seine Marine getan, aber sie bis 1755 doch noch nicht der englischen ebenbürtig machen können. Es gab aus diesem Grunde scheinbar überall nach, als in Nordamerika und Ostindien die Reibungen zwischen den beiderseitigen Kolonien bereits bis zum Kriege gediehen waren; vielleicht hatte man wirklich die Hoffnung, den allgemeinen Krieg noch hinausschieben zu können, vielleicht beabsichtigte man nur, einen günstigeren Augenblick abzuwarten.
Nach französischer Auffassung suchte England dagegen den Krieg herbeizuführen, ehe die feindliche Marine mächtiger wurde, und Englands Forderungen bei den weiterlaufenden Verhandlungen sowie sein schon ausgesprochen kriegerisches Auftreten gegen französische Kriegs- und Handelsschiffe im Jahre 1755 lassen allerdings glaubhaft erscheinen, daß es den Franzosen den Krieg aufzwingen wollte, falls diese nicht bedingungslos nachgaben. Unter diesen Umständen hätte Frankreich seine ganze Kraft auf den bevorstehenden Seekrieg richten müssen, um wenigstens auf einem Kriegsschauplatze bald Erfolge zu erringen; zu einem klaren Entschlusse in dieser Hinsicht kam man aber nicht. Zwar gelang es 1756 die Aufmerksamkeit des Gegners abzulenken und durch überraschendes Vorgehen ihm Minorka, den wichtigen Stützpunkt im Mittelmeer zu entreißen; dann aber beschränkte man sich auf die Unterstützung der Kolonien. Durch den altüberlieferten Wunsch auf Ausdehnung nach Osten ließ sich ferner Frankreich verleiten, in den siebenjährigen Festlandskrieg einzutreten und diesem seine Hauptaufmerksamkeit wie seine Hauptkraft zuzuwenden, obgleich gerade jetzt, Anfang 1757, seine Sachen in Nordamerika sowie in Westindien recht günstig standen.
Auch England ergriff Partei in diesem Kriege, schon um das mit ihm verbundene Kurfürstentum Hannover gegen Frankreich zu schützen, besonders aber, weil sein Gegner dadurch eben vom Seekriege abgelenkt wurde; es beteiligte sich jedoch am Landkriege fast nur durch die Hilfsgelder, die es an Preußen und dessen Verbündete zahlte. Zur See entfalteten die Engländer dagegen ihre ganze Macht nach einem einheitlichen strategischen Plane, dessen Richtigkeit sich in den beiden letzten Jahren des vorangegangenen Krieges gezeigt hatte. Sie blockierten die französischen Seestreitkräfte in den atlantischen Häfen und hielten die in Toulon versammelten von Gibraltar aus im Mittelmeere fest; liefen französische Flotten aus, so stießen sie mit ihren seeentwöhnten Besatzungen auf stärkere, durch den schweren Blockadedienst erprobte englische Kräfte. Eine Vereinigung der französischen Flotten wurde so verhindert, und auch der Weg nach den Kolonien ward ihnen verlegt, während Englands stets wachsende Seemacht gestattete, in den fernen Gewässern nach und nach immer stärker aufzutreten.
Das Jahr 1757 brachte für England zwar noch keine Erfolge, sondern es gelang Frankreich, die Machtmittel seiner Kolonien zu verstärken. In Nordamerika waren die französischen Seestreitkräfte überlegen und verhinderten größere Unternehmungen des Gegners. In Ostindien stand sogar die englische Sache infolge des Krieges mit den Eingeborenen in Bengalen recht schlecht; aus Vorderindien würden die Engländer wahrscheinlich ganz vertrieben sein, wenn Frankreich seine Verstärkungen so bemessen hätte, wie es ursprünglich beabsichtigt gewesen war.
Aber schon 1758 wandte sich das Blatt, da die Unterstützung der Kolonien französischerseits ungenügend wurde. In Nordamerika gewannen die Engländer die Seeherrschaft, und der wichtigste Stützpunkt der Franzosen, Louisbourg, fiel, wodurch der Verlust Kanadas bedingt war; in Ostindien wurde zwar noch um die Seeherrschaft gekämpft und die Franzosen errangen Erfolge am Lande, aber hier wie zur See schwanden ihre Kräfte dahin. Im Jahre 1759 fiel dort Quebec, hier kamen alle Unternehmungen der Franzosen auf dem Festlande zum Stillstand und ihre Seestreitkräfte räumten, völlig erschöpft, zu Ende des Jahres endgültig die indischen Gewässer. Auch in Westindien, wo sich die Gegner bis 1758 die Wage gehalten und auf den kleinen Krieg beschränkt hatten, bekamen die Engländer in diesem Jahre die Übermacht und eroberten 1759 Guadeloupe.
Man sah in Frankreich endlich die Unmöglichkeit ein, auf allen Kriegsschauplätzen mit Erfolg zu fechten, ja überhaupt den Land- und Seekrieg gleichzeitig weiterzuführen, und war zu dem Entschlusse gekommen, alle Seestreitkräfte zu einem Hauptschlage zusammenzuraffen. Einsichtsvolle Männer hatten ihre Ansicht dahin ausgesprochen, daß England als Frankreichs gefährlichster Gegner anzusehen sei, daß der deutsche Krieg das Land nur an Geld und Menschen ruiniere, und daß ein Einfall in England die einzige Möglichkeit sei, den unheilvollen Kampf günstig zu beenden. Jetzt aber war es zu einem solchen Unternehmen zu spät; von einer Überrumpelung des Gegners konnte keine Rede mehr sein, und das Verhältnis der Stärke zur See hatte sich noch viel ungünstiger für Frankreich gestaltet. Trotzdem es die fernen Gewässer aufgab, standen ihm nur 12 Schlachtschiffe in Toulon und 21 in Brest zur Verfügung; England konnte diesen, ohne seine anderen Aufgaben zu vernachlässigen, 15 und 27 entgegenstellen und behielt dann noch Reserven übrig. Wie es mit der Brauchbarkeit der französischen Streitkräfte bestellt war, zeigt der Umstand, daß de Conflans die aus Westindien zurückgekehrten Schiffe, die seiner Brestflotte dem Gegner an Zahl überlegen gemacht hätte, nicht einstellte, sondern deren Besatzungen zum Auffüllen seiner Besatzungen benutzte. Beide Teile der französischen Flotte wurden von ihren Gegnern bei Lagos und Quiberon vernichtend geschlagen.