Von nun an gab Frankreich alle größeren Unternehmungen zur See auf und England heimste seine Ernte ein. 1760 fiel Montreal und damit Kanada, 1761 Pondichery, mit ihm Ostindien; in Westindien wurde 1762 Martinique nebst fast allen übrigen französischen Inseln erobert; England gewann 1761 sogar einen Stützpunkt für seine Blockade an der feindlichen Küste selbst durch die Einnahme der Insel d'Aix. Die letzte ferne Besitzung Frankreichs, sein Teil der Insel Haiti, St. Domingue — Senegambien war schon 1758 verloren gegangen, — wäre wohl nach Martinique an die Reihe gekommen, wenn sich England nicht zunächst gegen Spanien, seinen neu hinzugetretenen Feind, gewandt hätte. Diesem Staate kostete seine Verbindung mit Frankreich, ehe es diesem irgendwie hatte nützen können, 1762 Havanna sowie die Philippinen. Außerdem war Frankreichs Seehandel vernichtet und damit die Hauptquelle für die zur Kriegführung nötigen Gelder versiegt; Englands Handel und Industrie wuchsen dagegen während des Krieges und lieferten ihm reiche Mittel.
England verdankte seine Erfolge nur der richtigen Verwendung seiner überwältigenden Seemacht, die während des Krieges fortlaufend an Kraft gewann; kaum je hat sich der Einfluß einer solchen durchschlagender gezeigt, als in diesem großen See- und Kolonialkriege.
Frankreich unterlag, weil es seine Marine nicht genügend für den unabwendbaren Waffengang vorbereitet hatte, und sie dann während des Krieges vernachlässigte; wurde doch sogar im Februar 1757 ein tüchtiger Marineminister seines Postens enthoben, bis 1761 durch ungeeignete Persönlichkeiten ersetzt (vgl. 30), und der dann folgende Aufschwung kam für diesen Krieg zu spät. Die vorhandenen Kräfte wurden aber auch nur schwächlich verwendet. Hervorragende französische Schriftsteller schieben die Schuld hierfür besonders den höheren Führern zu, doch geschieht dies zu Unrecht. Einmal ist es Aufgabe der Regierung, tüchtige Männer auf die wichtigen Posten zu stellen — und tüchtige Offiziere besaß die Marine zweifellos —, sowie diesen die nötigen Mittel in brauchbarem Zustande in die Hand zu geben. Dann aber spricht für die Beschuldigten der Umstand, den wir schon mehrfach berührt haben. Ihre Aufgaben waren meistens eng begrenzt und ihre Instruktionen wiesen darauf hin, vorsichtig zu verfahren, es nicht zu zweifelhaften Kämpfen kommen zu lassen, sondern das kostspielige Material zu schonen. Nach solchen Bestimmungen handelten La Gallissonnière nach der Schlacht bei Minorca 1756 und Dubois de la Motte 1757 in Nordamerika, wenn sie ihre augenblickliche Überlegenheit nicht ausnutzten. Derartige Mahnungen, schon im vorigen Kriege üblich, mußten aber nach und nach den Schneid und den Wagemut der höheren Führer überhaupt lähmen und sie auf stete Verteidigung hinführen; sie eigneten sich die Gewohnheit an, freiwillig das Feld zu räumen, sobald es ihnen ein Gegner, selbst ein schwächerer, in kühner Weise streitig machte, obgleich doch sonst eine ängstliche Defensive wahrlich nicht dem französischen Charakter entspricht.
Nach diesen Leitsätzen handelten dann die Führer, auch wenn sie nicht ausdrücklich darauf hingewiesen waren, so z. B. de Conflans bei Quiberon 1759 und d'Aché in Indien 1758/59; bei diesen sprach auch noch der berechtigte Mangel an Vertrauen auf ihre Streitkräfte mit. Diese von der Oberleitung der französischen Marine in den Kriegen Ludwigs XV. vertretene Auffassung, die den Admiralen aufgab, ihre Schiffe zu schonen, beruht auf völligem Verkennen der Grundsätze für eine Kriegführung, die durchschlagenden Erfolg erringen will, besonders einer solchen zur See. Die Betrachtung der früheren Seekriege (im ersten Bande) lehrt, wie sich die Strategie naturgemäß derartig entwickelte, daß die Niederwerfung der feindlichen Seestreitkräfte und damit die Erringung der Seeherrschaft immer mehr in den Vordergrund trat.
Es ist auffallend, daß Frankreich fast stets den Seekrieg anders aufgefaßt hat. Schon unter Ludwig XIV. zeigen sich Beispiele dafür und auch unter Ludwig XVI. blieb es ähnlich, obgleich die Marine weit stärker geworden war. Noch 1802 schrieb eine französische Autorität in bezug auf Seekriegführung (A. Ramatuelle, Cours élémentaire de tactique naval; Paris 1802): „Die französische Marine hat stets den Ruhm höher geschätzt, eine Eroberung zu sichern oder zu halten, als den vielleicht glänzenderen, aber tatsächlich weniger nützlichen, einige Schiffe zu nehmen; sie hat sich damit mehr dem wahren Ziele genähert, das man sich im Kriege steckt.“
Mahan[109] sagt hierzu (gekürzt): „Die Richtigkeit dieses Schlusses hängt von der Ansicht ab, die man vom wahren Zweck des Seekrieges hat. Kommt es nur darauf an, eine Stellung an der Küste zu sichern, so wird die Marine für diesen besonderen Zweck ein Teil der Armee und ordnet sich deren Tätigkeit unter. Ist jedoch der wahre Zweck der, des Gegners Seeherrschaft zu brechen, ihm die Verbindung mit sonstigen Besitzungen abzuschneiden und seinen Handel abzugraben, so bildet dessen Marine das Angriffsobjekt. Diesem Verfahren verdankt England seine Seeherrschaft; hier sagte schon Monk, wer die See beherrschen wolle, müsse stets angreifen. — Gallissonnière hielt die Unterstützung der Belagerung von Port Mahon für wichtiger als die Vernichtung der englischen Flotte; England erhielt aber Minorca nur infolge seiner Seeherrschaft zurück. Schon die Seeschlacht bei der Insel und die Einnahme der Festung hatte im französischen Volke Begeisterung für die Flotte erregt; hätte Gallissonnière dem Gegner auch noch 4 oder 5 Schiffe abgenommen, so wäre dieselbe vielleicht gleich der von 1760 geworden und die Regierung hätte sie schon damals zum Ausbau der Flotte ausnützen können.“ Allerdings hat der Erfolg damals, nach Äußerung eines französischen Autors, auf den Marineminister so wenig Eindruck gemacht, „daß er es für angebracht hielt, die Schiffe und Takelagen zu verkaufen, die wir noch in unseren Häfen hatten“.
Aber selbst wenn ein Staat die strategische Offensive nicht zu ergreifen vermag, um die Seeherrschaft zu erringen — in welcher Lage sich Frankreich im besprochenen Kriege bald befand —, so muß er doch auch in der strategischen Defensive gegen die feindlichen Streitkräfte vorgehen, wo es irgend möglich ist; das Vermeiden des Kampfes, um die teuern Schiffe zu schonen, kann auch hier keine Erfolge zeitigen.
Über Taktik. Die rangierten Schlachten dieses Krieges — Minorca 1756, Cuddalore sowie Negapatam 1758, Porto Novo 1759 — liefern gute Beispiele für die Taktik, die diesen Abschnitt kennzeichnet[110]. In ihnen folgen die Engländer genau ihrer Gefechtsinstruktion — gleichzeitiger Angriff auf die ganze feindliche Linie unter strenger Aufrechterhaltung der Ordnung —, deren Schwächen sich in jedem Falle deutlich zeigen. Sie sind infolgedessen nie imstande, den Gegner niederzuwerfen, auch wenn sie ihn durch Ungestüm erschüttert haben. Der Verlauf der Schlacht bei Minorca führt über den Admiral wieder ein Kriegsgericht herbei, aus dessen Spruch die engherzige Auffassung der Gefechtsinstruktion zu ersehen ist. Diese große rangierte Schlacht zeigt auch zum ersten Male die französische Taktik in ihrer vollen Eigenart: Das Erwarten des Angriffs in freiwillig gewählter Leestellung; das Ausweichen der Spitze, sobald der Gegner zum Nahkampf heran ist; das Vorbeiziehen der ganzen Linie an den vordersten, schon beschädigten feindlichen Schiffen; das Einnehmen einer neuen Stellung, um einem zweiten Angriff zu begegnen. Auch bei den drei Kämpfen in Indien tritt die rein defensive Taktik der Franzosen, hier wohl noch mehr im Widerspruch zum Volkscharakter, hervor. Wie schon mehrfach angedeutet, entsprang diese nicht nur der Überlegung, die Schwächen der englischen Angriffsart auszunutzen, sondern auch dem Bestreben, das Material zu schonen; die Führer hielten sich für verpflichtet, abzubrechen, ehe der Kampf eine zu ernste Wendung nahm. Da nun die Engländer infolge starker Beschädigung eines Teiles ihrer Schiffe nie zum zweiten Angriff schreiten konnten, so blieben die rangierten Schlachten sämtlich unentschieden.
Die beiden großen und ausschlaggebenden, ja sogar für den Krieg entscheidenden Kämpfe — Lagos und Quiberon 1759 — waren, wie die beiden Entscheidungsschlachten bei Finisterre im vorhergegangenen Kriege, Verfolgungsgefechte. In ihnen verdankten die Engländer dem Schneid ihrer Admirale sowie der seemännisch-militärischen Tüchtigkeit ihrer Offiziere und Mannschaften den Sieg; die Franzosen unterlagen infolge taktischer Fehler ihrer Führer und der Minderwertigkeit des übrigen Personals. In beiden Fällen zeigt sich der große Nachteil, der einer verfolgten Flotte aus ungleicher Geschwindigkeit der Schiffe erwächst. Sie beweisen aber auch, daß der Führer diesem Umstande Rechnung tragen muß; aus einem Rückzuge wird sonst leicht eine regellose Flucht mit ihrem niederdrückenden Einfluß; eine moralische Überlegenheit besitzt der Verfolger ja schon von vornherein. Es tritt in diesen Schlachten auch wieder die Richtigkeit des Grundsatzes hervor, daß der Verfolger eines fliehenden Feindes auf die eigene Ordnung nur soweit Rücksicht nehmen soll, als nötig ist, um den Schiffen gegenseitige Unterstützung zu sichern; in beiden Fällen handelten die Engländer hiernach.
Die Angriffe auf feindliche Küsten[111] in diesem Kriege bestätigen weiter die schon früher gezogenen Lehren. Die Eroberung Minorcas 1756 gelang, weil Frankreich die See beherrschte. Dies war nur eine Folge der Nachlässigkeit Englands; hätte dessen Mittelmeerstation 12 anstatt 3 Linienschiffe gezählt, so würde der Gegner wahrscheinlich nicht einmal den Versuch gewagt haben. Dieser Fehler ist weder mit völliger Unkenntnis noch mit Mangel an Kräften zu entschuldigen. — In dem Versuch Frankreichs, in England zu landen, 1759, findet Colomb vor allem einen Verstoß gegen den Grundsatz des Seekrieges, daß ein solches Unternehmen nur nach Eroberung der See nicht gleichzeitig mit dieser sicheren Erfolg verspricht. Colomb führt aus (hier gekürzt):